Der Dortmund-Tatort ginge auch ohne Klischee

mlzKolumne Klare Kante

Der Oberbürgermeister schreibt wütend an den WDR-Intendanten: Der Dortmund-Tatort ist Mobbing gegen unsere Stadt! Unsere Autorin meint: Wir hätten es wissen müssen.

von Annette Feldmann

Dortmund

, 22.01.2019, 19:13 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Tatort ist eine Summe von Klischees. Dabei könnten Mord und Totschlag auch im modernen Dortmund spielen.

Unsere aufgeregte Freude damals und der Stolz, endlich in den Reigen der Tatort-Städte aufgenommen zu werden, war schon reichlich naiv. Wir hätten es doch aus Duisburg wissen müssen. Aber da hat natürlich der spektakuläre, alle Grenzen sprengende Schimmi (Ruhe in Frieden!) das Schmuddel-Image geadelt und zum Kult erhoben.

Oh Mann, wer wollte nicht wie Schimmi sein! Wer trug nicht alles diesen ollen verknautschten Parka! Seitdem wissen wir Tatort-Zuschauer, dass Duisburg abgrundtief hässlich ist, auch wenn man dort sehr malerisch auf dem Hausboot leben kann.

Warum hat mich nie etwas nach Duisburg gezogen?

Vermutlich stimmt beides nicht. Auch Duisburg wird nicht wirklich und erst recht nicht überall so aussehen wie in den Schimanski-Krimis. Aber ich weiß es nicht. Es hat mich nie etwas nach Duisburg gezogen. Eher im Gegenteil. Menschen sind Augentiere. Augen liefern dem Gehirn die meisten Daten. Wir glauben, was wir sehen. Oder was wir gezeigt bekommen. Bilder prägen das Bewusstsein und die Meinung und das Image.

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Darum hat Ullrich Sierau recht mit seinem Ärger. Der Oberbürgermeister hat mit seinem Brief an WDR-Intendant Tom Buhrow den vielen Dortmundern aus der Seele gesprochen, die stolz sind auf das, was ihre Stadt, die wenig Ähnlichkeit mit diesen Tatort-Bildern hat, nun mal nachweislich geschafft hat. Und damit hat er nichts Falsches getan. Der Tatort in Dortmund ist an Klischees wirklich nicht zu überbieten.

Auch in anderen Tatort-Städten spielen die Drehbuch-Autoren mit Klischees

Aber er wird anderswo auch nicht so sehr viel unterboten. Auch Münster besteht nicht nur aus den wunderschönen (übrigens nach dem Krieg wiederaufgebauten) Giebelhäusern am Prinzipalmarkt, traditionsreichen Herrenhäusern, Pferdekoppeln und einer aufgeräumten, blitzblanken Pathologie. Ist aber ein schöneres Klischee. Als Münsteraner kann man damit sehr gut leben (x-mal war ich schon in Münster, nie in Duisburg. Zufall?).

Für den Dortmund-Tatort gilt leider: Auch wenn die Kohle-Ära nun endgültig Geschichte ist, drehen sich in den Köpfen der Bildermacher offenbar immer noch die Förderräder, rauchen die Schlote, wird in Zechenkneipen Korn getrunken und fliegt der Kohlenstaub durch die Luft. In Wohnzimmern halten Stützpfeiler die Bergschäden mühsam in Schach. Diese einzigartige Szenerie kann man doch nicht einfach zu den Akten legen, nur weil sie nicht mehr stimmt! Sind einfach zu starke Bilder.

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Das sagen Dortmunder Prominente zum Dortmund-Tatort

Wir haben uns unter den Dortmunder Prominenten umgehört, wie sie den Dortmund-Tatort finden und was sie zu der Kritik von Oberbürgermeister Ullrich Sierau sagen.
22.01.2019
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Gregor Lange, Polizeipräsident: „Ich habe den Tatort am Sonntagabend gemeinsam mit einigen Familienmitgliedern gesehen. Die Darstellung der Stadt Dortmund, mit Fokussierung auf Bergbau und auf die sonstigen Rahmenbedingungen (Stahlproduktion), waren so weit weg von dem aktuellen Bild unserer Stadt, dass eine Verwechslung mit dem realen Dortmund nahezu ausgeschlossen ist. Keine Verwechslungsgefahr besteht auch mit der tatsächlichen professionellen und kompetenten Arbeit der Kripo Dortmund. Alles andere ist Geschmackssache.“© Peter Bandermann
Dirk Rutenhofer, Vorsitzender Cityring: "Als ich 2015 den Cityring an Ballettdirektor Xin Peng Wang verliehen habe, liefen schon die ersten Dortmund-Tatorte. Damals habe ich gesagt: Wie Dortmund da präsentiert wird, das ist unter aller Kanone. Einer vom WDR hat mir gesagt: Der Tatort ist aber nicht die Tourismus-Abteilung für Dortmund. Da war der Groschen dann gewechselt. An sich bin ich Tatort-Gucker, aber ich habe einfach keinen Bock mehr, den zu sehen. Wir Dortmunder sehen den Tatort aber immer subjektiv. Es gibt Tatort-Fans, die sagen: Der Faber ist der beste Kommentar. Der hat zwar einen an der Waffel, aber genau das will ich sehen."© Westfälischer Industrieklub Dortmund
Heinz-Herbert Dustmann, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK): „Es ist nicht Aufgabe der IHK, Medien zu kritisieren. Die Darstellungen des Wirtschaftsstandortes im letzten Tatort entsprechen aber ganz und gar nicht der Realität. Es könnte durch derartige klischeehafte Bilder dazu führen, dass mögliche Investoren und Fachkräfte einen falschen Eindruck gewinnen.“© Stephan Schütze
Sabine Poschmann, SPD-Bundestagsabgeordnete: „Ich würde das nicht so hoch hängen, denn es handelt sich um einen Film. Hier gilt die Freiheit der Kunst. Aber ein bisschen weniger Klischee würde dem Dortmunder Tatort guttun. Vielleicht könnte der nächste Filmmord ja mal im Technologiezentrum oder an der Uni stattfinden.“© Stephan Schütze
Prof. Dr. Ursula Gather, Rektorin der Technischen Universität (TU) Dortmund: „Im Jahr 1987 hat die letzte Zeche in Dortmund geschlossen. Am vergangenen Donnerstag hat die TU Dortmund einen Zuschlag für ein „Exzellenz Start-up Center“ erhalten, gefördert vom Land NRW. Der Tatort vom Sonntag ist wirklich ein Dortmund-Tatort ohne jeden Realitätsbezug.“© Dieter Menne
Holga Rosen, Kinobetreiber: "Als Michael Rummenigge 1988 vom FC Bayern zum BVB wechselte, fragte das Fußballfachmagazin Kicker, wieso jemand freiwillig aus München ins kohlestaubgraue, von Armut und Verzweiflung umzingelte Dortmund zieht. Jetzt scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Der letzte Tatort sah aus, als hätten die Drehbuchschreiber den Artikel von 1988 als Inspiration gewählt. Ein antiquiertes Dortmund-Bild. Ich persönlich könnte ja mit all den Klischees leben, wenn das Wesentliche stimmen würde: die Story! Stattdessen langweilt uns der WDR mit faden, spannungslosen Fällen."© Tilman Abegg
Tirzah Haase, Schauspielerin: "Lustig haben wir ja mit dem Münster-Tatort. Es musste in Dortmund also etwas anderes sein. Düster, depressiv musste es sein. Da hat man sich schon in vorhergegangen Folgen dran gestoßen. Jetzt im aktuellen Fall galt wohl: Das Volk braucht etwas, um sich aufzuregen. Als Ruhrgebietskind muss ich sagen, das ist alles zu viel. Man tut ja auch den Menschen hier weh. Ich möchte ja auch, dass meine Stadt gut wegkommt. Es geht aber um noch eine Sache: Im Tatort geht es um Morde, darum, den Täter zu überführen. Hier gab es aber von Anfang an nur Düsternis, das hat mich schlichtweg gelangweilt."© Tilman Abegg
Heiko Wasser, Formel-1-Kommentator: "Ich war bisher mit keinem der Dortmund-Tatorte zu 100 Prozent glücklich. Dass ein Tatort kein Hochglanz-Werbefilm für Dortmund sein kann, ist jedem klar, aber diesmal kam zum ohnehin nicht leicht erträglichen Faber eine ganz schwache Story. Und so morbid-depressiv wie der Pott gezeigt wurde, das war lächerlich. Ich glaube, so sieht es noch nicht mal in Gelsenkirchen aus."© Thomas Thiel
Bruno „Günna“ Knust, Kabarretist: "Mit seiner Kritik ist der Ulli Sierau auf der richtigen Spur, ich fand die Klischees auch ziemlich heftig. Aber Absetzen würde ich den Dortmund-Tatort nicht, da gibt es schlimmere Tatorte. Ich finde zum Beispiel die Figur des Kommissars Faber ziemlich cool. Es wäre nur mal gut, wenn die Drehbuch-Autoren das nächste Mal nach Dortmund kommen würden, bevor sie etwas schreiben."© Stephan Schütze
Adolf Winkelmann, U-Turm-Bebilderer und Ruhrgebiets-Filmemacher (unter anderem „Jede Menge Kohle“ von 1981, „Nordkurve“ von 1993, „Junges Licht“ von 2016): „Es ist, wie es ist: Dieser Tatort hat mit Dortmund nichts zu tun. Man sollte das alles nicht so ernst nehmen. Es ist nur schade, dass die vielen Zuschauer durch den Dortmund-Tatort ein schräges Bild von Dortmund vermittelt bekommen.“© Dieter Menne
Gabriella Wollenhaupt, Krimi-Autorin (Grappa-Reihe), sagt zum Klischee-Vorwurf des OB: „Ja, es war Klischee, das allerdings schon seit 30 Jahren nicht mehr stimmt und mobben kann man Menschen, aber keine ganze Stadt – insofern: Drüberstehen, Herr Sierau! Schwache Story, gestörte Ermittler – da kommt es auf falsche Drehorte, die nichts mit Dortmund zu tun haben, auch nicht mehr an.“© Oliver Schaper
Claus Dieter Clausnitzer, Schauspieler (unter anderem als Taxifahrer und Vater des Ermittlers im Tatort aus Münster), sieht die Diskussion entspannt: „Ich liebe die Stadt Dortmund und lebe sehr gerne hier. Aber im Tatort wird nur eine Geschichte erzählt. Der Tatort ist ja nicht als PR gedacht, damit wird keine Stadt verkauft. Außerdem gibt es doch in jeder großen Stadt auch miese Gegenden.“© Stephan Schütze
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Zum Thema Ende der Zechen-Ära im Ruhrgebiet passte der Dortmund-Tatort jetzt zeitlich einfach zu perfekt. Wie dumm, dass die letzte Zeche in Dortmund schon vor mehreren Jahrzehnten geschlossen wurde. Aber Marl ist doch ganz in der Nähe, da war die vorletzte Zechenschließung im Ruhrgebiet. Nehmen wir doch einfach eine Leiche aus Marl, die in Dortmund herumliegt. In Marl gibt es noch die Nähe zum Thema. Dazu die (echten) Denkmäler der Industriekultur in Dortmund und wenn noch etwas Szenerie fehlt, drehen wir halt in Duisburg. Passt. Und jetzt kleben wir noch das Schild drauf: Dortmund-Tatort. Fertig ist der Ruhrgebiets-Krimi.

Düstere Bilder in Endlosschleife sind offenbar das Schicksal des Dortmund-Tatorts

Das Schicksal des Dortmunder Tatortes ist es leider offenbar, die alten starken düsteren Bilder der niedergegangenen Industriezeit, vermengt mit den neuen sozialen Problemen der Jetzt-Zeit in Endlosschleife zu wiederholen, weil sie sich an keinem anderen Tatort festmachen lassen. Das war wohl der Grund, warum Dortmund Tatortstadt werden durfte.

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Doch ist es wirklich zu naiv, wenn man erwartet, dass in einem Dortmund-Krimi auch Dortmund zu sehen ist? Kann Herr Faber mit seinem Baseball-Schläger (hat er den noch?) nicht auch mal durch den Westfalenpark laufen und im Rosarium die Rosen köpfen? Oder mitten in eine Ballettszene von Schwanensee platzen, weil es Morddrohungen gegen die Primaballerina gibt? Ballettchef Xin Peng Wang würde bestimmt eine kleine Nebenrolle übernehmen.

Es gäbe genügend Möglichkeiten Mord und Totschlag im modernen Ruhrgebiet von heute stattfinden zu lassen

Ich habe noch mehr Vorschläge, allein schon, weil es nirgendwo in Deutschland eine so dichte Kulturszene wie im Ruhrgebiet gibt, gerade auch in Dortmund: Tödliche Intrigen wegen gekürzter Subventionen! Leiche im Kulturbüro! Mordlüsterne Intendanten, weil schon wieder ein Konzerthaus in der Nachbarschaft gebaut wird!

Schön wär das alles. Es würde wahrscheinlich sogar stimmen. Na jedenfalls fast.

Also, lieber WDR-Intendant Buhrow: Auch mir ist klar, dass es keinen Tatort ohne Verbrechen gibt und Verbrechen per se nichts Positives sind.

Aber es gäbe für Sie, Ihre Regisseure und Ihre Drehbuchautoren genügend Möglichkeiten, sich von der Last der Klischees zu befreien und Mord und Totschlag im modernen Ruhrgebiet von heute stattfinden zu lassen.

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