Der Gedanke an die Kita verursacht Glücksgefühle und Bauchweh zugleich

mlzEltern-Kolumne „Doppelkinder“

Der Abend beginnt ganz harmlos. Die Kinder liegen im Bett und Zwillingsmama Julia blickt dem Feierabend entgegen. Bis ein letzter Satz ihres Sohnes sie aufrüttelt und zum Grübeln bringt.

Dortmund

, 03.02.2019, 04:14 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ich sitze in unserer Diele. Andere Menschen würden vielleicht „Flur“ sagen, aber ich fand den Begriff „Diele“ schon immer irgendwie mondäner. Und unsere Diele wäre auch wirklich ein sehr stattlicher Flur. Ich sitze dort, weil meine Söhne es angeordnet haben. Ich möge bitte dort Platz nehmen, man wolle alleine einschlafen.

Na gut, ich muss gestehen, ich habe das Ganze suggeriert, da ich keine Lust hatte, zwei verschiedenen Hörspielen gleichzeitig zu lauschen, da die Herren sich nicht einigen konnten und beide ihre Wiedergabegeräte bemühten. Ich sitze nun also dort, lese E-Mails auf meinem Smartphone-Display und lausche zwischenzeitlich immer wieder, ob die Atemzüge meiner Söhne gleichmäßiger und tiefer werden.

„Du, Mama, ich will dir was sagen!“

Ehrlich gesagt stimmt das nicht so ganz, ich sitze zu weit weg, um sie atmen zu hören, außerdem sind da ja noch die beiden Hörspielboxen. Aber es klingt episch, die Situation so zu beschreiben. Immerhin lausche ich wachsam darauf, dass kein Kind unautorisiert das Bett verlässt. Da höre ich nackte kleine Füße in Schuhgröße 27 über das Laminat tapsen.

Aha, es hätte mich auch gewundert, wenn die Aktion „Zwischenfallfreies Einschlafen“ tatsächlich heute wahr geworden wäre. Einer der Zwillinge tritt in das schummrige Licht der Diele. „Du, Mama“, sagt das Kind, „du, Mama, ich will dir was sagen!“ Er spricht diese Worte so niedlich, dass mein Herz schon angefangen hat zu tauen, bevor ich überhaupt die Chance hatte, streng die Stirn zu runzeln.

Gedanken an die Kita mit gutem Gefühl

„Was denn, mein Schatz?“, entgegne ich. 17 Kilo Kind springen mir auf den Schoß, kleine Arme legen sich um meinen Hals, kichernd schiebt sich ein Mund an mein Ohr. Ich muss grinsen und bin gespannt, was da jetzt kommt. „Du, Mama, wenn ich groß bin, möchte ich auch in der Kita arbeiten“, flüstert mir der Sohn ins Ohr.

Mit einem schmatzenden Geräusch schmilzt mein Herz dahin und mir ist es egal, dass es schon eher 21 als 20 Uhr und damit die Schlafenszeit längst überschritten ist. „Ja“, sage ich aus tiefster Seele, „die können gute Leute wie dich gebrauchen!“. Wir lieben unsere Kita.

Sie ist ein Ort, an dem unsere Kinder viel Zeit verbringen. Sie ist ein Ort, an den ich immer mit absolut gutem Gefühl denke, weil ich weiß, dass meine Jungs dort überdurchschnittlich gut aufgehoben sind.

Voller Hingabe für den Beruf

Vermutlich ist es nicht normal, dass man zu allen Erziehern einer Einrichtung einen guten Draht hat, dass man das Gefühl hat, in die gleiche Richtung zu schauen, wenn es darum geht, kleine Menschen großzuziehen. Unsere Kita ist kreativ, liebevoll und sie lebt durch die Personen, die dort arbeiten: Jeder einzelne Erzieher und jede einzelne Erzieherin ist voller Engagement für den Beruf und die Kinder.

Sie legen sich für jeden Zwerg ins Zeug. Tag für Tag fällt hinter mir die Tür ins Schloss und ich gehe voller Ruhe, Vertrauen und Zuversicht in meinen Arbeitstag, weil ich weiß, dass meine Jungs mit Menschen zusammen sind, die sie sehen, die auf sie eingehen und ihnen auf Augenhöhe begegnen.

Wenig Geld für so viel Verantwortung

Aber meine Gedanken an unsere Kita gehen trotzdem so gut wie nie ohne gemischte Gefühle einher. Denn ich sehe auf der einen Seite so viele Menschen, die mehr Berufung als nur Beruf leben. Die für die Kinder unseres Viertels jeden Tag zu einem spannenden und lehrreichen Abenteuer machen.

Doch wie sieht die Wertschätzung aus, die die Erzieher dafür bekommen? Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie in unserer Kita zumindest vonseiten der Eltern ziemlich groß ist. Aber mir zieht es den Magen zusammen, wenn ich mir überlege, wie die Menschen bezahlt werden, die so viel Verantwortung übernehmen und Herzblut in ihre Arbeit fließen lassen!

Ich schäme mich

Das ist in Bezug auf die Versorgung von alten und kranken Menschen nicht anders. Also habe ich jeden Tag, an dem ich meine Söhne in ihre großartige Betreuung bringe auch eines im Gepäck: Scham. Ich schäme mich für eine Gesellschaft, die es Menschen so schwer macht, füreinander da zu sein, der es so wenig wert ist, für gute Pflege zu bezahlen. Vielleicht hat mein Sohn später mehr Glück, sollte er tatsächlich diesen Beruf wählen.

Erst seitdem ich selbst Mama bin, weiß ich in vollem Umfang, wie wichtig diese Arbeit ist. Wichtig für das Heute und das Morgen unserer Kinder. Wichtig für unsere ganze Gesellschaft und Wirtschaft. Wichtig und anstrengend. Denn kleine Menschen großzuziehen ist vieles, aber gewiss kein Kinderspiel.

UNSERE KOLUMNE „DOPPELKINDER“

AUS DEM LEBEN EINER ZWILLINGSMAMA

In unserer Eltern-Kolumne berichtet Julia Scharnowski jeden zweiten Sonntag aus ihrem Alltag, den sie mit Ehemann und Zwillingssöhnen in Dortmund erlebt. Sie schreibt darüber regelmäßig auf ihrem Blog „Doppelkinder“ und bei Instagram.
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