Immer mehr Dortmunder Kinder haben Probleme, das Radfahren zu lernen. Fahrradlehrer Werner Blanke erklärt ihnen, worauf es ankommt – und warum es nicht gut ist, mit Stützrädern zu lernen.

Dortmund

, 01.03.2019, 04:15 Uhr / Lesedauer: 4 min

Lena ist das Model. Die Zweitklässlerin trägt Helm. Fahrradhelm. Und der muss sitzen, erläutert Werner Blanke, Kreisvorsitzender des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), den 25 Kindern der Klasse 2b der Harkort-Grundschule in Hombruch. Mobilitätstraining steht an dem sonnigen Mittwochmittag auf dem Stundenplan. Doch bevor es zu den praktischen Übungen auf den Schulhof geht, ist Theorie angesagt. Die beginnt mit dem Helm. Alle Kinder haben sogar einen Helm mitgebracht.

Lena agiert als Helm-Model. Der Polizeibeamte im Ruhestand und Fahrradlehrer Werner Blanke erklärt, worauf es beim Helmtragen ankommt.

Lena agiert als Helm-Model. Der Polizeibeamte im Ruhestand und Fahrradlehrer Werner Blanke erklärt, worauf es beim Helmtragen ankommt. © Oliver Schaper

Man muss nur bis zwei zählen können, um den Helm richtig einzustellen; denn die zwei sei dafür wichtig, sagt der Fahrradlehrer und Polizeibeamte im Ruhestand. Zwei Finger breit über den Augenbrauen muss der Helm sitzen. Die jeweils zwei Bänder an den Seiten gehen vor und hinter dem Ohr vorbei, der Verschluss, in dem beide zusammenlaufen, muss unter dem Ohrläppchen liegen. Der Riemen bildet quasi ein Dreieck ums Ohr. Zwischen Halsriemen und Hals dürfen nur maximal zwei Finger passen, erklärt Blanke.

Nur zwei Finger dürfen beim Helm zwischen Hals und Halsriemen passen, erklärt der ADFC-Kreisvorsitzende Werner Blanke der Zweitklässlerin Lena.

Nur zwei Finger dürfen beim Helm zwischen Hals und Halsriemen passen, erklärt der ADFC-Kreisvorsitzende Werner Blanke der Zweitklässlerin Lena. © Oliver Schaper

Zwei Abschlusstests für den Helm

Dann folgen zwei Abschlusstests. Als Blanke von hinten unter Lenas Helm haut, rutscht dieser ihr bis auf die Augen. Beim Test in die andere Richtung fliegt der Helm nach hinten weg. Da muss nachjustiert werden. Eine Hausaufgabe für die Kinder – und ihre Eltern. „Das kann Leben retten“, sagt Blanke, der heute ehrenamtlich Kindern richtig aufs Fahrrad hilft, damit sie im 4. Schuljahr die Fahrradprüfung schaffen.

Denn immer mehr Kinder haben Probleme, das Radfahren zu lernen. Drei Kinder der Klasse 2b der Harkortschule zeigen auf, als Blanke fragt, wer überhaupt nicht radfahren kann. Fünf bis zehn Kinder pro Klasse sind laut Landesverkehrsamt heute nicht mehr fit genug für die Radprüfung am Ende der Grundschulzeit. Vor zehn Jahren seien es im Schnitt nur zwei Schüler pro Klasse gewesen.

Mangelnde motorische Fertigkeiten

Einer Motorikstudie im Auftrag der Unfallforschung der Versicherer (UDV) zufolge fallen vor allem Stadtkinder, Mädchen mit Migrationshintergrund sowie übergewichtige und überbehütete Kinder durch mangelnde motorische Fertig- und Fähigkeiten auf, die meist auf Bewegungsdefizite zurückzuführen sind. Sie werden vermehrt mit dem Auto zur Schule gefahren oder fahren schon früh mit dem Bus.

Um den Teufelskreis „Fehlende Bewegung – mehr Unsicherheit – weniger Fahrradpraxis – weniger Bewegung“ zu durchbrechen, müssten Schulen, Eltern und Lehrer gezielt Bewegungsdefizite erkennen und bekämpfen. Sicheres Radfahren sei „das A und O für eine spätere sichere Teilnahme am Straßenverkehr“, so der UDV. „Kinder haben einen Riesennachholbedarf“, sagt auch Werner Blanke.

Slalomfahren gehört zu den ersten Übungen beim Mobilitätstraining.

Slalomfahren gehört zu den ersten Übungen beim Mobilitätstraining. © Oliver Schaper

Slalomfahren und Bremsen

Für die Klasse 2b geht‘s nach der Helm-Anleitung auf den Schulhof. Für das Fahrradtraining werden die Kinder in zwei Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe übt zunächst Slalomfahren und Bremsen mit Anlauf, die andere Fahren mit Abstand und in der Gruppe. Dann wird gewechselt.

Schulleiterin Maria Quel reicht im Slalom-Parcours einen Ball an – eine Gleichgewichtsübung.

Schulleiterin Maria Quel reicht im Slalom-Parcours einen Ball an – eine Gleichgewichtsübung. © Oliver Schaper

Klassenlehrerin Caroline Busch und Schulleiterin Maria Quel stehen am Slalomparcours und drücken den Fortgeschrittenen im Vorbeifahren einen Ball in die Hand, den sie ein paar Meter weiter wieder abgeben müssen. Am Ende des Parcours heißt es nach entsprechendem Anlauf zwischen zwei rot-weiß gestreiften Hütchen zu bremsen. Dreimal mit Handbremse und Rücktritt, dreimal mit der Hinterrad- und dreimal mit der Vorderradbremse. Die Ängstlichen bremsen schon zwei Meter vorher ab.

Zu den Übungen gehört Anlauf nehmen und bremsen, hier unter Anleitung von Klassenlehrerin Caroline Busch.

Zu den Übungen gehört Anlauf nehmen und bremsen, hier unter Anleitung von Klassenlehrerin Caroline Busch. © Foto Schaper

Am Anfang heißt es schieben

In der Gruppe von Werner Blanke müssen die Kinder zunächst schieben. Im Kreis. Mal von der Außenseite des Fahrrades, mal von der Innenseite. Und dabei jeweils eine Radlänge Abstand halten. Das ist gar nicht so einfach. Fahrrad hinlegen, Fahrrad aufheben. Und dann das Fahrrad rückwärts schieben. Und schon ist der Kreis eine ovale Schlangenlinie.

Dann heißt es wiederholt auf- und absteigen, mal von der einen, mal von der anderen Seite. Schließlich dürfen die Kinder fahren. Weiter im Kreis. „Jetzt eine Hand vom Lenker nehmen und die rechte Hand raushalten“, gibt Blanke als Aufgabe vor. „Rechte Hand aufs Knie und weitertrampeln“. Dann „linke Hand auf den Rücken legen.“ Mit jeder Runde klappt das besser.

Mit einer Fahrradlänge Abstand im Kreis fahren will geübt sein.

Mit einer Fahrradlänge Abstand im Kreis fahren will geübt sein. © Oliver Schaper

Nicht mit Stützrädern Radfahren lernen

Das Gleichgewicht sicher zu halten, ist wichtig fürs Radfahren. Deshalb rät Blanke auch vom Fahren mit Stützrädern ab. Besser sei es, wenn ein Kind bereits früh mit dem Dreirad oder Laufrad selbst fahre und danach mit dem Tretroller. Der ADFC bietet Fahrradtraining schon in den Kitas an.

Bewegung im Sportverein, Schwimmen lernen, auf dem Spielplatz balancieren und Seilchen springen – all das bereite gut vor aufs Fahrradfahren. Eltern, die mit ihren Kindern das Radfahren trainieren, sollten das Rad nicht am Lenker festhalten, rät Blanke, sondern besser eine Hand auf den oberen Rücken legen, unterhalb des Nackens zwischen den Schulterblättern.

Als weitere Übung müssen die Schüler zu zweit nebeneinander fahren

Als weitere Übung müssen die Schüler zu zweit nebeneinander fahren © Oliver Schaper

Zu zweit nebeneinander im Kreis

Als nächstes müssen immer zwei Kinder nebeneinander im Kreis radeln. „Der außen muss ein wenig schneller fahren“, ruft der Fahrradlehrer. Im weiteren Schritt sollen drei Kinder nebeneinander herfahren und dabei den Abstand nach vorn, nach hinten und zur Seite halten. Am Ende fassen sich jeweils zwei beim Fahren an den Händen. „Ich bin erst mal ganz zufrieden, wie die das machen“, resümiert Blanke. Die Harkort-Schüler bieten beim Radfahren „ein durchschnittliches Bild“.

Bei manchen Kindern ist das Rad optimal für ihre Größe, bei anderen eher nicht. Eltern sollten das Fahrrad nicht zu groß kaufen, empfiehlt der ADFC-Kreisvorsitzende. „Kinder müssen mit den Fußspitzen auf den Boden kommen, am Anfang am besten noch mit dem ganzen Fuß.“ Der ADFC empfehle, lieber mehrere gebrauchte Räder zu kaufen als eines, das ewig halten muss.

Beim neuen Fahrrad solle die Fußspitzen bis auf den Boden reichen, anfangs am besten der ganze Fuß.

Beim neuen Fahrrad solle die Fußspitzen bis auf den Boden reichen, anfangs am besten der ganze Fuß. © Oliver Schaper

Das braucht ein sicheres Fahrrad

Das Fahrrad sollte zwei unabhängig funktionierende Bremsen haben, eine Klingel, vorne und hinten Beleuchtung, sowie Reflektoren an Pedalen und Speichen oder Leuchtstreifen an den Reifen.

Hier erklärt Werner Blanke, was für Kinder beim Radfahren wichtig ist:

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Was für Kinder im Radverkehr wichtig ist

Die Schule nehme den Eltern beim Fahrradtraining zwar einiges ab, sagt Blanke, „doch Eltern sollten auch selbst mit ihren Kindern fahren“. In Dortmund gebe es geeignete Strecken am Kanal entlang, in der Bolmke oder im Fredenbaum. „Kleine Kinder dürfen auch im Rombergpark fahren.“ In der Gruppe mache Radfahrtraining am meisten Spaß.

Kindergeburtstag mit Radfahrtraining

Auch beim Kindergeburtstag gebe es nichts Schöneres als Geschicklichkeitsübungen beim Radfahren. „Man braucht nur einen geeigneten Hof.“ Eltern könne Spiele in den Parcours einbauen, etwa Dinge in einen Eimer legen und wieder herausnehmen.

Zum Abschied müssen alle Kinder der Klasse 2b im Vorbeifahren mit Werner Blanke abklatschen. Das hat prima geklappt. Die Kinder sind stolz über den Erfolg. „Das Ziel ist erreicht“, sagt der Fahrradlehrer nach anderthalb Stunden, „den Kindern hat es Spaß gemacht.“ – „Viel mehr als ich vorher gedacht hätte“, ergänzt Lena.

Am Ende des Mobilitätstrainings wird mit dem Fahrradlehrer abgeklatscht.

Am Ende des Mobilitätstrainings wird mit dem Fahrradlehrer abgeklatscht. © Oliver Schaper

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