Der Hund auf dem Gäste-Klo, festgeklebte Meisen: Dortmunds schlimmste Tierschutz-Einsätze

mlzNotfall-Helfer

Die Dortmunder Tierschützer von Arche 90 retten verletzte, verwahrloste und kranke Tiere – allein 2019 gab es 1800 Einsätze. Hinter ihnen verbergen sich teils herzzerreißende Geschichten.

Dortmund

, 15.01.2020, 05:15 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wenn von Tierschutz die Rede ist, denken viele Menschen zunächst ans Kuscheln mit einem niedlichen Hund oder Kätzchen. Tatsächlich sieht die alltägliche Arbeit der Dortmunder Tierschutzorganisation Arche 90 ganz anders aus: Die ehrenamtlichen Mitarbeiter kümmern sich um verletzte oder erkrankte Tiere - und immer mehr auch um Vierbeiner, mit denen Herrchen oder Frauchen heillos überfordert sind.

„Der Trend geht zur Verwahrlosung“, sagt Arche-Sprecherin Gabi Bayer, „je weniger Geld manche Leute haben, desto mehr Tiere besitzen sie.“ Und das führte dazu, dass bei den 1800 Einsätzen im Jahr 2019 deutlich häufiger vernachlässigte Tiere im Mittelpunkt standen als in der Vergangenheit.

Der Hund auf dem Gäste-Klo, festgeklebte Meisen: Dortmunds schlimmste Tierschutz-Einsätze

Gabi Bayer im Lagerraum des Arche-Vereinsheims in Brackel. Hier befinden sich gespendete Utensilien wie Futter oder Leinen, die an Pflegestellen weitergegeben werden. © Michael Schuh

„So haben wir im 2019 einen Hund gerettet, der in der Gästetoilette einer Wohnung lebte“, berichtet die Tierschützerin. „Die Nachbarn hatten uns informiert, weil sie den Hund wahrgenommen, ihn aber noch niemals vor der Haustür gesehen hatten.“

In einem anderen Fall wurde die Arche von der Polizei benachrichtigt, dass eine Frau eine Haftstrafe antreten musste, der Ehemann sich aber nicht um ihre Tiere kümmern wollte. In der Wohnung fanden die Ehrenamtlichen drei Hunde, mehrere Katzen, Ratten, Mäuse und Hamster, die alles andere als gut gepflegt waren und zunächst einmal ins Tierheim gebracht wurden.

Übelste Beleidigungen

Doch damit war die Angelegenheit längst nicht ausgestanden. Die Vorbesitzerin meldete sich nach der Haft bei den Arche-Mitarbeitern und beleidigte sie auf übelste Art und Weise. „Du blöde Kuh“ gehörte bei den Schimpfkanonaden, die auf der Mailbox des Vereins landeten, noch zu den harmlosesten Ausdrücken.

Der Hund auf dem Gäste-Klo, festgeklebte Meisen: Dortmunds schlimmste Tierschutz-Einsätze

Auch das hat es schon gegeben: In einer von Mietnomaden verlassenen, völlig verdreckten Wohnung lag inmitten des Mülls ein toter Hund. © Arche 90

„Wenn man wirklich Tierschutz betreiben will, dann muss man so einiges über sich ergehen lassen“, weiß Bayer, die seit der Arche-Gründung 1990 mit von der Partie ist. „Als wir einmal in einer Wohnung waren, um ein verwahrlostes Tier abzuholen, schloss der Mieter die Tür ab und bedrohte uns mit einem Messer.“

Manchmal müsse jedoch nicht nur den Vierbeinern, sondern auch deren Besitzern geholfen werden. So der mittellosen alten Dame, die sich schämte, zum Sozialamt zu gehen. „Sie hatte einen Hund, aber ihr Kühlschrank war leer“, erinnert sich Bayer. „Wir haben ihr dann Futter für das Tier gebracht und dafür gesorgt, dass sich die Ämter um die Frau kümmern.“

Meisen klebten fest

Wenngleich solche Einsätze zunehmen, widmen sich die Tierschützer aber nach wie vor auch jenen Kreaturen, für die der Verein einst gegründet wurde: hilflosen, kranken, angefahrenen und anderweitig verletzten Tieren. So wurden im Spätsommer 2019 Arche-Mitarbeiter gerufen, weil drei junge Meisen auf einem frisch gestrichenen Balkon festklebten.

„Die Vögel mussten zunächst vorsichtig mit einem Spachtel vom Boden gelöst werden“, erläutert Bayer. Anschließend habe man die Piepmätze dann in eine Gelsenkirchener Pflegestelle gebracht, die darauf spezialisiert ist, Tiere nach Ölkatastrophen wieder zu reinigen. „Da mussten Profis ran“, fährt Bayer fort, „und letztlich haben zwei der drei Vögel auch überlebt.“

Der Hund auf dem Gäste-Klo, festgeklebte Meisen: Dortmunds schlimmste Tierschutz-Einsätze

102 Mäuse wurden 2019 in einer Kiste im Stadtteil Dorstfeld ausgesetzt. © Arche 90

Die Liste der Notfälle 2019 lässt sich beinahe endlos fortsetzen: Da waren die 102 in einer Kiste ausgesetzten Mäuse, der dreibeinige Kater, der sich in einem katastrophalen Zustand befand, die fünf Fuchswelpen, deren Mutter vom Zug überfahren wurde, oder der völlig abgemagerte Hund, der einen riesigen Tumor im Bauch hatte, dessen Besitzerin aber kein Geld für den Tierarzt besaß.

Der Hund auf dem Gäste-Klo, festgeklebte Meisen: Dortmunds schlimmste Tierschutz-Einsätze

Obwohl die meisten Fälle der Arche weniger schön sind, kommt es auch zu erfreulichen Einsätzen: Ein Katzenbaby wird mit der Flasche gefüttert. © Arche 90

Verlassene Eichhörnchen-Babys, Wasservögel mit Angelhaken im Schnabel oder verletzte und geschwächte Wildtiere wie Marder, Füchse, Kaninchen und Hasen gehören ohnehin zur alljährlichen Klientel der Arche. „Wer sich um sie kümmert, darf nicht pingelig sein“, sagt Gabi Bayer. „Es ist schon vorgekommen, dass ein verletzter Reiher einem unserer Einsatzfahrer einen Fisch ins Auto gekotzt hat.“

Zur Sache

Der Verein Arche 90

Die Tierschutzorganisation Arche 90 e. V. lebt von Spendengeldern und hat rund 600 Mitglieder, von denen die meisten aber passiv sind. Um weiterhin effektiv arbeiten zu können, sucht die Organisation händeringend nach Einsatzfahrern, die Tiere kurzfristig retten und sie zum Tierarzt oder ins Tierheim bringen. Das kann durchaus mitten in der Nacht sein. Über solche Notfälle werden die diensthabenden Fahrer von der Polizei oder der Feuerwehr informiert. Weitere Informationen unter www.arche90.de
Schlagworte:
Lesen Sie jetzt

Tierschützer haben in Eving einen krassen Fall von Tier-Verwahrlosung entdeckt: Der Hund litt unter mehreren, teils offenen Tumoren. Seine Besitzer verstehen die Aufregung um ihr Tier nicht.

Lesen Sie jetzt