Der Dortmunder Superstar, den keiner kennt - und den Dortmund quasi ignoriert

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Die Werke des gebürtigen Dortmunders kosten Millionen und hängen in den berühmtesten Museen der Welt. In seiner Heimatstadt hat der Künstler hingegen keine Bedeutung.

Dortmund

, 11.01.2020, 05:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Fragen Sie mal Ihre Nachbarn, was denen beim Namen Martin Kippenberger einfällt. Sie werden vermutlich in ratlose Gesichter blicken. Eigentlich erstaunlich, denn die Werke des 1997 verstorbenen Malers, Installations- und Performancekünstlers, Bildhauers und Fotografen wechselten schon für über 20 Millionen Dollar den Besitzer und wurden in den berühmtesten Museen der Welt gezeigt.

Der Kippenbergerweg hinter dem Dortmunder U ist Fußgängern vorbehalten - und bis heute nicht beschildert.

Der Kippenbergerweg hinter dem Dortmunder U ist Fußgängern vorbehalten - und bis heute nicht beschildert. © Michael Schuh

Dass der Name Kippenberger in Dortmund vor allem mit Unwissen einhergeht, liegt ein Stück weit auch an der Bezirksvertretung Innenstadt-West: Die warf 2010 ihren Plan, eine Straße am U nach dem Künstler zu benennen, über den Haufen.

Grund war die Skulptur eines gekreuzigten Frosches mit dem Titel „Zuerst die Füße“, die in einem italienischen Museum zuvor für Wirbel gesorgt und Kippenberger posthum Unbill beschert hatte. Selbst Papst Benedikt XVI. kritisierte die Arbeit.

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Skandal im Vatikan und in Dortmund

Dieser handfeste Skandal beschäftigte nicht nur den Vatikan, sondern auch die Dortmunder Bezirksvertreter. Eine Frauengruppe demonstrierte in der BV-Sitzung gegen den Künstler, und der katholische Propst Andreas Coersmeier beklagte schriftlich bei der BV, Kippenberger habe „die religiösen Gefühle vieler Menschen verletzt“.

Die Lokalpolitiker reagierten prompt und waren sich einig, dass man den Namen Kippenberger nun nicht mehr an exponierter Stelle haben wolle. Also wurde statt einer Straße nur ein kleiner Weg nach dem Kunst-Provokateur benannt. Wobei es es sich heute noch schwierig gestaltet, diesen überhaupt zu finden: Ein Schild „Kippenbergerweg“ exisitiert auch im Jahr 2020 nicht.

Die Skulptur eines gekreuzigten Frosches sorgte nicht nur im Vatikan, sondern auch in der Dortmunder Bezirksvertretung Innenstadt-West für Aufsehen.

Die Skulptur eines gekreuzigten Frosches sorgte nicht nur im Vatikan, sondern auch in der Dortmunder Bezirksvertretung Innenstadt-West für Aufsehen. © Foto Hofer

Dass alle anderen Straßen im Umfeld längst beschildert sind, der Kippenbergerweg aber nicht, hat laut Stadtverwaltung Gründe. „Eine Straßennamensbeschilderung konnte bis heute leider noch nicht angebracht werden“, teilt Stadtsprecher Christian Schön mit, „da noch größere Bautätigkeiten in dem Bereich erfolgten und die Gefahr einer Beschädigung der Beschilderung nicht auszuschließen war.“

Des Weiteren habe die Straße noch keine Adressfunktion. Doch Kunstfreunde dürfen aufatmen - es erscheint Licht am Horizont: „Zu gegebener Zeit wird die Straßennamensbeschilderung noch erfolgen“, so Schön weiter. Wann es soweit ist, führt der Stadtsprecher nicht aus.

Aber nicht nur in Sachen Straßenname wird Kippenberger in seiner Geburtsstadt kaum Beachtung geschenkt: Ganze zwei seiner Arbeiten besitzt Dortmund: eine Collage, die die Kulturstiftung der Stadt 2017 schenkte, sowie ein Kunstwerk aus Stoff. Das war‘s.

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„Das ist tatsächlich übersichtlich“, bestätigt Dr. Stefan Mühlhofer, Geschäftsführer der Kulturbetriebe Dortmund sowie kommissarischer Leiter des Museums am Ostwall und des Dortmunder U. „Denn Kippenberger ist wirklich eine große Nummer.“

Deshalb liebäugelte Mühlhofer auch mit einer Kippenberger-Ausstellung: „Bis ich die Jahresvorschau der Bundeskunsthalle Bonn in die Hände bekam. Da zerrann die Idee.“

Die weltweit bedeutendsten Museen

Denn das Bonner Museum, nicht weniger als die offizielle Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, widmet Martin Kippenberger momentan eine imposante Retrospektive.

So wie es zuvor schon die weltweit bedeutendsten Museen für moderne Kunst taten: das New Yorker Museum of Modern Art, die Tate Modern in London, das Pariser Centre Pompidou.

Eine Putzfrau sorgt für Aufsehen

Ach ja: Ein einziges Mal sorgte Kippenberger in Dortmund doch für Aufsehen. Im Museum Ostwall nahm eine Reinigungskraft im Jahr 2011 ihre Aufgabe wohl zu genau: Sie schrubbte die Patina von der Kippenberger-Installation „Wenn‘s anfängt durch die Decke zu tropfen“, die ein Sammler als Leihgabe zur Verfügung gestellt hatte.

Die mit 800.000 Euro versicherte Installation war zerstört - und Kippenberger in Dortmund kurzzeitig in aller Munde. Der Putzfrau sei Dank.

Zur Person

Martin Kippenberger wurde am 25. Februar 1953 in Dortmund geboren und zog als Kind mit seinen Eltern und Schwestern nach Essen. Kippenberger malte, zeichnete, schuf Skulpturen und schrieb Bücher - um nur einige seiner ungemein vielfältigen Arbeitsbereiche zu benennen. Kippenberger starb am 7. März 1997 in Wien an den Folgen einer Leberkrebserkrankung. Laut der Zeitung „Die Welt“ gilt Kippenberger heute als einer der bedeutendsten Künstler seiner Generation.
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