Die Bodo-Verkäufer kennt jeder Dortmunder - jetzt gibt es einen Grund zum Feiern

mlzWohnungslose

Das Straßenmagazin Bodo gehört zu Dortmund, die Verkäufer gehören zum Stadtbild. Das Magazin hilft wohnungslosen Menschen. Das ist nach 25 Jahren immer noch so wichtig wie am ersten Tag.

Dortmund

, 27.02.2020, 11:25 Uhr / Lesedauer: 3 min

Hinter Bodo steht ein Verein, der seit 1994 Menschen in sozialen Notlagen unterstützt und Anlaufstelle für Wohnungslose in Dortmund und Bochum ist. Am 1. Februar 1995 kam mit dem Straßenmagazin ein neues Element hinzu.

Die Verkäuferinnen und Verkäufer sind die Gesichter dieses Magazins. In ihren roten Jacken, Pullis oder Westen sind sie präsent. Sie stehen vor Supermärkten, Gaststätten oder an anderen öffentlichen Orten.

In Dortmund gibt es 115 Bodo-Verkäufer

115 Verkäufer gibt es derzeit in Dortmund, 206 sind es insgesamt in sieben Städten. Die meisten von ihnen kommen aus einer Notlage. Sie machen mit dem Verkauf der Hefte oft einen ersten Schritt aus dieser heraus.

„Die Ängste, die viele Menschen haben, die auf der Straße leben, sind riesig. Sie glauben oft nicht mehr daran, dass sie es schaffen, weil sie schon so oft gescheitert sind“, sagt Bastian Pütter, Redaktionsleiter des Bodo-Magazins.

Durch den Heft-Verkauf kehrt der Glaube an sich selbst zurück

Wer Teil des Verkäuferteams wird, hat die Chance, in eine neue Lebensstruktur zu finden und über Erfolgserlebnisse den Glauben an sich selbst zurückzugewinnen. Die Hälfte des Verkaufspreises von 2,50 Euro ist eine Rückkehr in so etwas wie ein regelmäßiges Einkommen. Und oft ein Einstieg in Hilfe.

Jetzt lesen

Die Menschen fangen an, aufgeschobene Probleme zu bearbeiten, erklärt Pütter. Sie finden außerdem den Weg in Programme wie „Housing First“. Hierbei erhalten soziale Institutionen oder andere Einrichtungen vom Land NRW finanzielle Unterstützung, wenn sie Wohnungen ankaufen, die an ehemals Obdachlose vermietet werden.

Situation für Wohnungslose hat sich zugespitzt

Dass es Bodo als Verein und als Magazin noch gibt, bedeutet zugleich, dass auch das Phänomen Wohnungslosigkeit (natürlich) nicht verschwunden ist. Es hat eine Ausprägung, die laut Bastian Pütter mit der Situation bei der Gründung Anfang der 1990er-Jahre vergleichbar sei.

„Es gab damals durch die Wende viele neue Obdachlose. Heute ist es so, dass Kommunen kaum noch die Möglichkeit haben, den Wohnungsmarkt zu steuern. Es gibt so gut wie keinen Leerstand. Es hat sich zugespitzt“, sagt er.

Jetzt lesen

Zudem verstärke in einer Stadt wie Dortmund der Zuzug von ärmeren Menschen die Konkurrenz im unteren Segment. Selbst wenn der zuletzt forcierte Wohnungsbau Linderung schaffe, rechnet Bastian Pütter mit „ein paar harten Jahren“.

Eine Lobby für Menschen, die ihr Schicksal häufig verstecken

Die Mitglieder des Bodo e.V. verstehen sich als Lobbyisten für Menschen, die ihre Situation oft verstecken. Die Menschen, die offen auf der Straße leben, seien nur „die Spitze des Eisbergs“, so Pütter. Akteure wie Bodo, Gasthaus, Kana-Suppenküche und andere machten Armut sichtbar - auch wenn das für Verwaltung und Politik manchmal unbequem sei.

„Es ist wenig Geld im System. Aber wir sind alle aufeinander angewiesen. Es muss ein Ziel sein, dass verletzliche Gruppen einen privilegierten Zugang zu Wohnungen erhalten, wenn sie auf dem freien Markt keine Chance haben“, fordert Pütter.

Die in Dortmund produzierte Bodo hat 20.000 Leser

Als Verkäufer Nummer 001 mit dem ersten Heft auf die Dortmunder zuging, waren Straßenmagazine noch etwas, das es nur in Metropolen wie Hamburg oder Berlin gab.

Die alten Zeiten: Das Bodo-Team 2002 vor den damaligen Räumen des Buchladens in der Dortmunder Nordstadt.

Die alten Zeiten: Das Bodo-Team 2002 vor den damaligen Räumen des Buchladens in der Dortmunder Nordstadt. © Dan Laryea (Archiv)

Mittlerweile ist die Idee verbreitet, es existiert ein internationales Netzwerk mit vier Millionen Lesern und rund 100 Magazinen weltweit. Von denen sich viele die Frage stellen: Wie lange funktioniert so ein gedrucktes Produkt in durchdigitalisierten Zeiten eigentlich noch?

Hinter dem Magazin steht eine professionelle Redaktion, die den Problemen der von Wohnungslosigkeit betroffenen Menschen eine Plattform bietet. Aktuell verkauft Bodo laut Redaktionsleiter Bastian Pütter „20.000 Hefte an 20.000 nette Menschen“.

Vieles ist mühsam auf diesem Feld der sozialen Arbeit. Ein Beispiel: In der ersten Bodo-Ausgabe hatte die heutige Grünen-OB-Kandidatin Daniela Schneckenburger in einer Kolumne das Problem beschrieben, dass die Übernachtungsstellen für Obdachlose Geld kosten und kompliziert abgerechnet werden müssen.

Ausgabe Nummer 1 ist mittlerweile ein Ausstellungsstück im Ruhr Museum in Essen. Die Diskussion über die Schlafstellen ist immer noch da.

Verein finanziert sich zu einem Viertel aus Spenden

Die Arbeit des Vereins finanziert sich zu einem Viertel aus Spenden – im Jahr 2019 waren es rund 220.000 Euro – und zu drei Vierteln aus eigenen Erlösen durch das Magazin, den Buchladen und ein Transportunternehmen. Die Einnahmen und Ausgaben betragen laut Jahresbericht jeweils 823.119,46 Euro.

Für Bodo arbeiten rund 40 Festangestellte, die Verkäufer nicht mitgerechnet. Es gibt Projekte zur Bildungsarbeit und Aktionen wie die sozialen Stadtführung „Dortmund von unten“.

Die Verkäufer und ihre Wirkung auf Menschen

Manche Verkäufer werden zu lokalen Bekanntheiten. In der Jubiläumsausgabe gibt es einen Leser-Kommentar, der stellvertretend für viele andere Erinnerungen von Dortmundern an Begegnungen mit Bodo-Verkäufern in den vergangenen 25 Jahren ist.

Darin heißt es anlässlich des Todes des Bodo-Verkäufers Adolf Timpe Ende 2019: „Wenn ich als Kind mit meiner Mama eine Bodo bei ihm kaufte, hat er mir immer etwas geschenkt. Er hat gegeben, obwohl er selbst nicht viel hatte. Er hat damit mein Bild von wohnungslosen Menschen maßgeblich geprägt. Ich bin sehr dankbar.“

Feier zum 25. Geburtstag

  • Bodo feiert 25 Jahre Straßenmagazin am 28. Februar (Freitag) in der Werkhalle des Union Gewerbehof, Rheinische Straße 143, Dortmund.
  • Die Veranstaltung beginnt um 17 Uhr. Ab 19.30 Uhr gibt es eine Lesung des Wohnungslosenaktivisten Dominik Bloh, der Autor des Bestsellers „Palmen aus Stahl“ ist.
  • Spendenkonto: bodo e.V., Bank für Sozialwirtschaft, IBAN: DE44 3702 0500 0007 2239 00, BIC: BFSWDE33XXX
Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt