Mit 15 Jahren war Murtaza Karaoglu 1964 aus der Türkei nach Dortmund gekommen. Er gehörte zu den „Gastarbeitern" der ersten Stunde. Seine Ausbildung im Steinkohlenbergbau absolvierte auf der Zeche Hansa in Huckarde. Später wechselte er zur Zeche Haus Aden in Bergkamen, wo er in den 80er-Jahren Fahrsteiger wurde. © Privat
60 Jahre Anwerbeabkommen

Die ersten „Gastarbeiter“ in Dortmund: „Wahrscheinlich habe ich geheult“

Vor 60 Jahren wurde das Anwerbeabkommen mit der Türkei geschlossen. Dann kamen die ersten „Gastarbeiter“ nach Dortmund. Darunter war auch der damals 15-jährige Murtaza Karaoglu.

Es war ein trüber und kalter Tage Ende November. Murtaza Karaoglu war noch ein Kind. Mit gerade mal 15 Jahren stand er an diesem ungemütlichen Herbsttag des Jahres 1964 einsam und verlassen am Dortmunder Hauptbahnhof.

Eigentlich hätte er mit 67 anderen Lehrlingen aus der Türkei im Ruhrgebiet ankommen sollen. Aber in München hatte er die Gruppe verlassen müssen. Man hatte dort einen Zwischenstopp gemacht, weil Murtaza eine Entzündung am Arm hatte. Der Arm wurde noch behandelt, als die anderen schon weiter nach Dortmund fuhren.

Der 15-jährige aus der Provinz Corum am Schwarzen Meer musste alleine hinterherreisen. Eigentlich hätte er am Bahnhof abgeholt werden sollen. Aber da stand niemand. Murtaza konnte kein Wort Deutsch, nur ein paar Brocken Französisch und stand plötzlich in dieser für ihn unbekannten Stadt. „Genau weiß ich es nicht mehr, aber wahrscheinlich habe ich geheult“, sagt Murtaza Karaoglu heute.

In den 80er-Jahren zum Fahrsteiger aufgestiegen

Über die bergmännische Ausbildung bildete er sich zunächst zum Betriebsschlosser weiter und besuchte parallel zwischen 1969 und 1971 die Fachoberschule. Er studierte Maschinentechnik an der damaligen Fachhochschule für Bergwesen in Bochum.

Hier auf der Zeche Hansa begann Murtaza Karaoglu Anfang der 60er-Jahre seine Ausbildung. Später wechselte er zu „Haus Aden“ in Bergkamen. © Archiv © Archiv

1973 stellte die Bergkamener Zeche Haus Aden ihn als Maschinensteiger im Untertagebetrieb ein. In den 1980er-Jahren stieg er zum Revier- und dann zum Fahrsteiger auf.

Als er 1964 im Pestalozzi-Dorf in Huckarde ankam, wurde Paula Specht seine Pflegemutter. Bis heute halten beide Kontakt. © (A) Oliver Schaper © (A) Oliver Schaper

Heute ist er 72 Jahre alt, hat ein langes Berufsleben hinter sich und ist in Rente. 1964 gehörte er noch zu den sogenannten „Gastarbeitern“ der ersten Stunde, die aufgrund des 1961 geschlossenen Anwerbeabkommens aus der Türkei in den händeringend nach Arbeitskräften suchenden Ruhrgebietsbergbau kamen.

„Glück auf“ waren die ersten deutschen Wörter

Murtaza Karaoglu landete wie so viele andere Jugendliche aus der Türkei zunächst im Pestalozzi-Dorf in Huckarde. Je sechs Jugendliche wurden dort von deutschen Eltern betreut. „Wir haben sie Mama und Papa genannt“, erzählt Karaoglu und ergänzt: „Meine erste Pflegemutter lebt noch, ich rufe sie immer noch an.“

Dreimal in der Woche hatten die Jugendlichen eineinhalb Stunden Deutschunterricht. Sie lernten die Namen der Werkzeuge für die Lehrwerkstatt. Nach drei Monaten konnten sie sich verständigen, sagt Karaoglu. „Glück auf“ sei praktisch das Erste gewesen, was er gelernt hat.

Gekommen war er, um ein paar Jahre zu bleiben. „Ich wollte das einfach machen. Aus Abenteuerlust. Meine Eltern hatten da keinen Einfluss, es war meine Entscheidung. Sie mussten aber ihre Zustimmung geben, da ich ja minderjährig war – und sie haben das getan“, sagt Murtaza Karaoglu.

Alle drei Kinder haben sich der Kunst verschrieben

Sein Deutschland-Abenteuer währt nun 57 Jahre und er hat es nie bereut: „Ich würde es wieder machen und bin froh, dass ich in einem so freien und demokratischen Land leben kann.“ Er ist Vater von drei längst erwachsenen Kindern, die ganze Familie hat deutsche Pässe.

Ein Sohn arbeitet als Tontechniker in den USA, der zweite Sohn hat in Essen Musik studiert und die Tochter studiert ebenfalls an der Folkwang-Schule in Essen Fotografie.

So einsam sich Murtaza Karaoglu auch in den ersten Stunden fühlte, als er in Dortmund ankam, so wohl fühlt er sich heute. „Ich fühle mich hier in Deutschland zu Hause. Ich bin in zwölf Vereinen und auch in der Gewerkschaft bin ich tätig“, sagt er. Und: „Wenn ich Urlaub in der Türkei mache, habe ich Heimweh nach Deutschland. Am meisten vermisse ich dann meine Freunde hier.“

Veranstaltung

Viele Gäste auf Zeche Hansemann

  • Zum 60. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens hat am Dienstag (5.10.) eine Veranstaltung des Landesnetzwerks Integration durch Qualifizierung (IQ) NRW mit geladenen Gästen in der Zeche Hansemann, Bildungszentrum der Handwerkskammer Dortmund, stattgefunden.
  • Auf dem Programm standen Themen wie „Erinnern: Ankommen in Deutschland“, „Was haben 60 Jahre Anwerbeabkommen bewirkt?“ oder „Entwickeln: Fachkräfteeinwanderung made in Germany“.
  • Wissenschaftler nahmen ebenso teil wie Dr. Joachim Stamp, NRW-Minister für Kinder, Frauen, Flüchtlinge und Integration, Berthold Schröder, Präsident der Handwerkskammer Dortmund, SPD-Landtagsabgeordneter Volkan Baran (Parlamentariergruppe Türkei NRW) und Heike Bettermann, Chefin der Dortmunder Arbeitsagentur.
Über den Autor
Redaktion Dortmund
Nach mehreren Stationen in Redaktionen rund um Dortmund bin ich seit dem 1. Juni 2015 in der Stadtredaktion Dortmund tätig. Als gebürtigem Dortmunder liegt mir die Stadt am Herzen. Hier interessieren mich nicht nur der Fußball, sondern auch die Kultur und die Wirtschaft. Seit dem 1. April 2020 arbeite ich in der Stadtredaktion als Wirtschaftsredakteur. In meiner Freizeit treibe ich gern Sport: Laufen, Mountainbike-Fahren, Tischtennis, Badminton. Außerdem bin ich Jazz-Fan, höre aber gerne auch Rockmusik (Springsteen, Clapton, Santana etc.).
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Peter Wulle

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