Die geheime Welt der Freimaurer – Ein Besuch im Dortmunder Tempel

mlzMythos Freimaurer

Freimaurer sollen laut Verschwörern die Welt beherrschen und bei Ritualen Jungfrauen opfern. In einer Dortmunder Freimaurer-Loge haben wir zwei Freimaurer mit Geheimnissen getroffen.

Dortmund

, 18.08.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 4 min

Harald Ulbrich ist Freimaurer. Und nicht irgendeiner. Der 64-jährige ist seit einem Jahr der Meister vom Stuhl, der Freimaurer-Loge „Zur alten Linde“ in Dortmund. Mit anderen Worten: Er ist der erste Vorsitzende des Vereins. Verein klingt so gewöhnlich, aber die Freimaurer sind alles andere als das.

Es gibt viele Mythen und Verschwörungstheorien rund um den Geheimbund. Manche sagen den Freimaurern nach, sie würden bei ihren Ritualen Jungfrauen opfern oder nach der Weltherrschaft greifen. Genährt wird dieser Verdacht nicht zuletzt durch das sogenannte allsehende Auge auf der Ein-Dollar-Note, ein beliebtes Symbol in Freimaurer-Logen.

Harald Ulbrich lässt sich von diesen Vorurteilen nicht beirren und weist die Vorwürfe als Propaganda zurück. Dagegen könne man nichts machen. „So ist das mit Vorurteilen eben“, sagt der niedergelassene Orthopäde aus Dortmund nüchtern und zuckt mit den Schultern.

Geheimnisse gelten auch in der eigenen Familie

Theoretisch könnte man die Vorurteile widerlegen, wenn da nicht die Verschwiegenheit der Freimaurer wäre. Gewisse Rituale dürfen nicht mit Außenstehenden besprochen werden.

Auf der Website der Loge „Zur alten Linde“, die in der Landgrafenstraße 170 in der südlichen Innenstadt zu finden ist, heißt es dazu: „Über Form und Inhalt dieser sogenannten Tempelarbeiten sprechen wir nicht, in ihrem Erleben liegt das Geheimnis der Freimaurerei.“

Genau darin dürfte für viele der Reiz des Geheimbunds liegen. Bei Harald Ulbrich war es anders. Er ist vor zehn Jahren der Dortmunder Loge „Zur alten Linde“ beigetreten. „Ich war damals Mitte 40 und auf der Suche nach echten sinnstiftenden Freundschaften mit Brüdern.“

Brüder, so nennen sich die Freimaurer untereinander. Nicht einmal deren Ehefrauen dürfen um die Rituale wissen, geschweige denn daran teilnehmen. Ulbrichs Gattin und die drei Kinder finden die Freimaurerei interessant und respektieren die Geheimnisse, sagt der Meister vom Stuhl.

Die Freimaurer sind ein reiner Männerbund

Um keinen falschen Eindruck zu erwecken, ergänzt Armin Schneider, der Geschäftsführer der Freimaurer-Loge: „Wir achten Frauen, aber es würde vom Ritual her nicht passen, wenn sie daran teilnehmen würden.“ Warum Frauen nicht in das Ritual passen würden, verrät er nicht.

Die geheime Welt der Freimaurer – Ein Besuch im Dortmunder Tempel

Für Armin Schneider war das erste Ritual bei den Freimaurern eine unvergessliche Erfahrung. © Rezek

Schneider war bis 2007 selbst zehn Jahre Meister vom Stuhl. Der Diplom-Mathematiker war im Qualitätsmanagement tätig und ist mittlerweile Rentner (65).

So sieht die Loge im Inneren aus

Er geht, gefolgt von Ulbrich, durch die Loge vorbei an Gemälden, Spiegeln und Schnitzereien. Alle mit Winkel und Zirkel versehen, den Symbolen der Freimaurer. Durch breite Türen betreten beide einen dunklen Raum.

Kleine Lampen, die an der Decke einen Sternenhimmel imitieren, spenden gemeinsam mit Kerzen Licht. Der Raum ist das Herzstück: der Tempel. An der Seite stehen Stühle, am Kopfende ein Altar mit blauer Tischdecke und einem massiven Holzstuhl dahinter.

Die geheime Welt der Freimaurer – Ein Besuch im Dortmunder Tempel

Auf diesem Stuhl leitet der Meister vom Stuhl, Harald Ulbrich, die Rituale in der Freimaurer-Loge. © Rezek

In seiner Mitte stehen drei weiße Säulen. Eine symbolisiert mit ihren schmuckvollen korinthischen Verzierungen Schönheit, die zweite, eine dorische, mit ihrer schlichten Gestaltung Stärke und die Dritte, ionische, steht für Weisheit. Schönheit, Stärke und Weisheit – es sind die drei Säulen der Freimaurerei.

Die Bibel liegt auf dem Altar

Alle Freimaurer-Tempel sind ähnlich aufgebaut. So sitzen auch hier, in der Loge „Zur alten Linde“, im Süden und Norden die Logenbrüder. Im Osten steht der Altar mit dem Sitz des Logenmeisters – einem Thron ähnlich. In der alten Linde hat ein Bruder den Stuhl aus dunklem Holz handgeschnitzt.

Auf dem Altar vor dem Logenmeister liegt eine Bibel. Von dort eröffnet der Logenmeister, Harald Ulbrich, die Tempelarbeiten und leitet die Rituale nach vorgegebenen Regeln.

„Die Bibel symbolisiert eine Sammlung von Gesetzestexten, denn ohne Gesetze ist ein menschliches Zusammenleben nicht möglich“, so Ulbrich. Die Bibel selbst sei dabei nicht entscheidend. Wenn die Loge beispielsweise einen Moslem aufnähme, würde man den Koran auflegen.

Das Ziel eines jeden Freimaurers ist die Selbstoptimierung

„Alle Freimaurer tragen während der Tempelarbeiten weiße Hemden, schwarze Jacketts und weiße Handschuhe. Die Rituale dienen den Freimaurern der Selbstoptimierung“, so Ulbrich und ergänzt, um keinen falschen Eindruck zu erwecken: „Wir streben keine Selbstoptimierung im Sinne einer Apple Watch an, sondern möchten bessere Menschen im Großen und Kleinen werden, damit sich unsere Gesellschaft fortentwickeln kann. Der Meister vom Stuhl bemüht sich vor allem, ruhiger und toleranter zu werden. Er formuliert es mit mehr Pathos und nennt es den „Kampf gegen die Tyrannei der Vorurteile.“

Seit zehn Jahren ist Ulbrich im Geheimbund. Männer, die in einer Loge aufgenommen werden wollen, heißen in der Freimaurerei „Suchende“. Sie müssen gewisse charakterliche Voraussetzungen mitbringen. Laut ihrem Ideal vereinigt die Loge „freie Männer von gutem Ruf, die einander sonst für immer fremd geblieben wären“. So heißt es in der fast 300 Jahre alten zentralen Schrift der Freimaurer, den „Basic Principles.“ Die Loge „Zur alten Linde“ hat aktuell 146 Mitglieder.

Ein Suchender braucht Bürgen und hohe Zustimmung

Ob ein Suchender aufgenommen wird, entscheiden die Logenbrüder mit einer sogenannten Kugelung. Jeder Bruder zieht in der geheimen Abstimmung aus einem Säckchen eine weiße Kugel für „Ja“ oder einen schwarzen Würfel für „Nein“.

Nachdem die Brüder die Würfel und Kugeln in ein weiteres Gefäß fallen lassen, wird ausgezählt. Bei einigen Logen muss es ein einstimmiges Ergebnis geben. Bei anderen gelten weniger als drei schwarze Würfel als ein Ja.

Die Freimaurerloge „Zur alten Linde“ lässt die Nein-Stimme vom Bruder erklären und wägt dann ab, ob die Begründung gerechtfertigt ist. Der Interessent braucht zwei Brüder als Bürgen, die für seine Eignung als Freimaurer einstehen.

Geschäfte und Politik sind in der Freimaurer-Loge verpönt

Handwerker sind bei den Freimaurern eher eine Ausnahme. Dafür sei die Akademikerquote hoch“, so Schneider. Eine hohe Bildung sei jedoch keine Voraussetzung, um einer Loge beizutreten.

Die geheime Welt der Freimaurer – Ein Besuch im Dortmunder Tempel

Hinter Harald Ulbrich ist ein Teppich inmitten der Freimaurer-Loge zu sehen. Darauf sind bekannte Symbole der Freimaurer zu erkennen: Der Zirkel und das Winkelmaß. © Rezek

Der Geschäftsführer betont: „Wir haben auch Busfahrer in der Loge. Im Gegensatz zu Rotary spielen Standesschranken hier keine Rolle.“ Gleichwohl betont er: „Wenn man hier eintritt, sollte man sich keine wirtschaftlichen Vorteile versprechen. Das gilt als Ausdruck von Wirtschaftsmaurerei und ist verpönt.“

Ebenso verpönt sind in der Loge Gespräche über Tagespolitik, wenngleich Politiker aus dem Dortmunder Rat in der Freimaurer-Loge „Zur alten Linde“ vertreten sind, so Schneider. Er wäre jedoch kein Freimaurer, wenn er verraten würde, um welche Ratsmitglieder es sich handelt. „Wir haben Politiker aus allen Spektren“, so der Geschäftsführer.

14 US-Präsidenten waren Freimaurer

Allein in den Vereinigten Staaten waren 14 Präsidenten bekennende Freimaurer, darunter der erste – George Washington. Das letzte amtierende Staatsoberhaupt in den USA war Gerald Ford in den 1970er Jahren. Da klingt es paradox, wenn Parteipolitik in der Loge verboten sein soll. Aber auch dieser scheinbare Widerspruch, wird die Gerüchte über den Geheimbund weiter anfeuern. Soviel ist sicher.

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