Der Ortskern von Aplerbeck lag in Trümmern. Die Nacht wurde durch die Flammen der brennenden Häuser erhellt, Menschen schrien um ihr Leben. Ein Zeitzeuge erinnert sich an die Katastrophe.

Aplerbeck

, 12.12.2019, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es war die wohl größte zivile Katastrophe in Dortmund nach dem Zweiten Weltkrieg. Mitten in Aplerbeck gab es eine gewaltige Explosion, zwei Mehrfamilienhäuser am Marsbruchplatz wurden dabei komplett zerstört.

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26 Menschen starben in dieser Nacht. Das jüngste Opfer, Marie-Luise Bruck, war gerade einmal ein Jahr alt, das älteste Opfer, Karl Thyssen, 86 Jahre. Ganze Familien wurden von eine auf die andere Sekunde ausgelöscht. 60 Jahre ist das nun her. Heute deutet nur noch eine Legendentafel am Marsbruchplatz darauf hin, was am 13. Dezember 1959 mitten in Aplerbeck passiert ist.

Eine gewaltige Explosion

Es war 5.12 Uhr am frühen Morgen, als eine gewaltige Explosion den Ortskern von Aplerbeck erschütterte. Das Haus am Marsbruchplatz mit der Hausnummer 4 fiel in sich zusammen. Das Haus mit der Nummer 2 wurde durch die Wucht der Explosion ebenfalls völlig zerstört.

Im weiten Umkreis wurden die Häuser abgedeckt, Autos flogen durch die Luft. Und obwohl schon um 5.15 Uhr die Feuerwehr aus Aplerbeck vor Ort war, hatten die meisten Bewohner der beiden Häuser keine Chance. Dabei waren nicht alle sofort tot.

Von Haus Nummer 4 stand nur noch die Giebelwand.

Von Haus Nummer 4 stand nur noch die Giebelwand. © Geschichtsverein

So berichteten Augenzeugen von gespenstischen Szenen, die sich in den benennenden Trümmern abspielten. Ein Ehepaar klammerte sich verzweifelt an die Reste eines Kamins. Dabei hielten die Eltern ein Kleinkind fest. Doch dann verlor das Paar den Halt und stürzte in die Tiefe.

Eine Frau, ein Mann und zwei Kinder kletterten über das brennende Dach im Haus mit der Nummer 2, rutschen ab und stürzten in die Flammen.

Nur wenige Bewohner überlebten

Nur wenige Bewohner der beiden Häuser überlebten das Inferno. Sechs Menschen retteten sich durch einen Sprung aus dem Fenster.

An die dramatischen Szenen kann sich auch Wolf-Dieter Lotzin erinnern. Der damals 12-Jährige lebt heute in Bayern am Tegernsee und wohnte bis 1955 im Haus mit der Nummer 2. Das gehörte seinem Großvater Karl Thyssen, der bei dem Unglück ums Leben kam.

„Als das Unglück passierte, wohnten wir schon in Duisburg. Erfahren haben wir davon am Telefon“, sagt Lotzin. An den Anruf erinnert er sich genau. „Es war 8 Uhr morgens, als die Nachricht kam.“

Ein Blick aus Richtung Marktplatz. Im Hintergrund die qualmenden Häuserreste.

Ein Blick aus Richtung Marktplatz. Im Hintergrund die qualmenden Häuserreste. © Geschichtsverein

Erst habe seine Mutter gedacht, es wäre nur ein kleiner Brand in der Wohnung des Opas. „Wir sind sofort nach Aplerbeck gefahren und haben dann das ganze Ausmaß der Tragödie gesehen“, sagt Wolf-Dieter Lotzin.

Eigentlich, so der 72-Jährige, wollte er das Unglücks-Wochenden beim Opa in Aplerbeck verbringen. Es kam etwas dazwischen, der Besuch musste abgesagt werden. „Es war so etwas wie Fügung, dass ich nicht in dem Haus war“, sagt Lotzin.

Treppenhaus völlig zerstört

„Mein Großvater hat in der ersten Etage des Hauses gewohnt. Er ist dort auch noch am Fenster gesehen worden“, sagt Lotzin. Raus schaffte es der 86-jährige Großvater nicht mehr. Das lag hauptsächlich daran, dass das Treppenhaus, das in der Zeit noch hinter dem Haus angebaut war, von der Explosion im Haus Nummer 4 weggerissen wurde.

„Die Haushälterin meines Großvaters ist gerettet worden. Sie konnten dem Feuer entkommen, weil jemand eine Leiter an den zweiten Stock anlegte und sie so herunterklettern konnte“, berichtet Lotzin. Die Bilder von den brennenden Resten des Hauses Nummer 2, dem Haus in dem sein Opa starb, gehen ihm nicht aus dem Kopf.

Die Helfer konnten nur noch Tote bergen.

Die Helfer konnten nur noch Tote bergen. © Geschichtsverein

Es muss eine defekte Gasleitung gewesen sein, die die Katastrophe auslöste. Doch: Die Ruhr Nachrichten schrieben am 14. Dezember 1959, dass es durchaus auch an Chemikalien gelegen haben könnte, die in einem Haus lagerten.

Die Presse veröffentlichte zudem eine Namensliste mit den Namen der Bewohnern, die in den zerstörten Häusern lebten, um zu sehen, wer sich unter den Opfern und Vermissten befand.

Soldaten der britischen Rheinarmee halfen

Mehr als 1000 Helfer waren kurz nach der Katastrophe vor Ort. Das war lediglich in der Umgebung des Explosionsmittelpunktes möglich. Zum Beispiel an den Häusern in der Nachbarschaft, die durch die Druckwelle ebenfalls schwer beschädigt worden waren.

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Eine kleine Ladenzeile, die sich einmal dort befand, wo heute die U47 ihre Endhaltestelle hat, war einfach weggefegt worden.

Unter Flutlicht ging die Suche nach Opfern in den frühen Morgenstunden weiter. Allein 350 Soldaten der britischen Rheinarmee, die in den Kasernen an der Bundesstraße stationiert waren, halfen in Aplerbeck mit. Geborgene Leichen wurden in der nahen Polizeiwache aufgebahrt.

Aplerbeck wird den Schock nicht vergessen

Spekulationen über die Ursache der Katastrophe halten sich bis heute. Für Aplerbeck war es ein Schock, der auch heute nicht vergessen ist. Ebenso wie die 26 Opfer, die am 17. Dezember während einer bewegenden Trauerfeier in Aplerbeck beigesetzt wurden.

Tausende nahmen an diesem Tag Abschied von ihren Mitbürgern. Heute sind die Gräber der Opfer, die auf dem Evangelischen Friedhof lagen, verschwunden. 1984 wurden sie eingeebnet. Die Namen der Verstorbenen aber bleiben.

Die 26 Opfer vom 13. Dezember 1959

Luise Berge, Wilhelm Bruck, Christa Bruck, Marie-Luise Bruck, Heinrich Eckhard, Paula Eckhard, Edmund Funke, Toni Funke, Maria Funke, Paul Heiermann, Martha Heiermann, Cornelia Heiermann, Dorothea Heiermann, Irmgard Maly, Stephan Lerchner, Sofie Lerchner, Wilhelm Pälmer, Willy Pfeifer, Petronella Pfeifer, Heinrich Ruthmann, Heinz Schauwienhold, Helene Schauwienhold, Fritz Schmidt, Elfriede Schmidt, Emilie Stubenatzi, Karl Thyssen.
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