Die Lieblingsgeschichten der Macher unserer Sonntagszeitung

Geburtstagsspezial

Unsere digitale Sonntagszeitung wird an diesem Wochenende ein Jahr alt. Unzählige tolle Artikel sind seit Dezember 2014 in ihr erschienen. Zum ersten Geburtstag verraten die Macher der Sonntagszeitung, was ihre Lieblingsgeschichten waren. Wir stellen ihre Auswahl frei verfügbar ins Netz.

DORTMUND

, 05.12.2015, 03:50 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die unsichtbaren Toten

Oliver Koch entwickelte die Lokalausgabe der digitalen Sonntagszeitung mit und war von Dezember 2014 bis März 2015 ihr erster lokaler Redaktionsleiter. Heute ist er Pressesprecher der NRW-Grünen. Seine Lieblingsgeschichte wurde erst durch harte Arbeit zu der Story, die er liebte:

Mein Lieblingstext in der digitalen Sonntagszeitung war eine schwere Geburt - aber das Ergebnis war sehr gut. Unsere freie Mitarbeiterin Sophia Reimers hatte den Auftrag, über anonyme Bestattungen in Dortmund zu schreiben. Die Recherche war schwierig, das Thema ist sperrig, die Stadt Dortmund stellte sich quer, wo man in Dortmund anonym beerdigt wird, ist geheim.

Immer wieder stand die Geschichte vor dem Aus - doch die Mitarbeiterin hat nicht aufgegeben. Wieder und wieder recherchierte sie auf dem Friedhof, erfahrene Kollegen halfen ihr, der beste Schreiber dieser Zeitung kümmerte sich um den Text. Am Ende stand eine eindrucksvolle, sehr faktenreiche Reportage. Ihr Titel: „Was bleibt, ist unsichtbar“.

 

 

Der Zahlentänzer

Hyun-Ho Cha war von März bis September für die Lokalausgabe unserer digitalen Sonntagszeitung verantwortlich. Heute ist er Pressesprecher bei der deutschen Sektion von Amnesty International.  Seine Lieblingsgeschichte handelt von einem falschen Friedhofsgärtner mit einer Inselbegabung, einem Zahlentänzer:

Meine Lieblingsgeschichte für die digitale Sonntagszeitung habe ich auf dem Dortmunder Hauptfriedhof gefunden. 44 Jahre lang arbeitete dort Rolf Liebendahl, ein Mann mit einer außergewöhnlichen Fähigkeit. Gäbe es „Wetten, dass..?“ noch, Rolf Liebendahl wäre ein großartiger Wettkandidat.

Im Sommer dieses Jahres verabschiedet sich der Dortmunder Rolf Liebendahl mit 60 Jahren in den Ruhestand, seine Kolleginnen und Kollegen aus der Friedhofsgärtnerei schicken den Ruhr Nachrichten ein Gruppenfoto, das sie an seinem letzten Arbeitstag aufgenommen haben. Ich entdecke das Foto nur zufällig, denke mir: „44 Jahre als Friedhofsgärtner? Der Mann kann einem sicher Tipps geben für die perfekte Grabpflege und den eigenen Garten.“ Dazu muss man sagen: Gartenthemen interessieren erstaunlich viele Menschen. Vielleicht sollte die alte Journalisten-Regel zur Themenfindung besser lauten: „Tiere und Kinder gehen immer. Und Gartentipps“

Am Telefon sagt mir eine Kollegin von Rolf Liebendahl, dass er gar nicht als Gärtner gearbeitet hat, sondern als Bürohilfe. Ich will den Hauptfriedhof als Thema für einen Artikel schon beerdigen, da erzählt mir die nette Frau am Telefon, dass Liebendahl eine geistige Behinderung habe – und über eine Inselbegabung verfüge: Er hat alle möglichen Daten von Tausenden Menschen im Kopf. Geburtsdaten, Grabnummern von Toten, Kunden- und Telefonnummern von ihren Angehörigen. Rolf Liebendahl kennt sie alle auswendig. Um die 20.000 Datensätze. Seine Kollegin erzählt mir, er sei schneller als ein Computer. Ich muss an Dustin Hoffman in „Rain Man“ denken. Was für eine großartige Geschichte!

Ich würde den Artikel über Rolf Liebendahl gerne selbst schreiben, aber ich sitze gerade an einer anderen Sache, ich glaube, es war eine Reportage über Comic-Shops in Dortmund. Und im Nachhinein ist das auch ganz gut so. Denn Hannah Schmidt, eine freie Autorin der Ruhr Nachrichten, trifft sich mit Rolf Liebendahl – und sie schafft aus diesem Treffen ein kleines Kunstwerk. In der digitalen Sonntagszeitung ist auch ausreichend Platz, auf dem sich die erstaunliche Geschichte dieses Mannes entfalten kann.

Das klingt jetzt alles vielleicht furchtbar pathetisch, was eigentlich gar nicht mein Ding ist. Nur ist „Der Zahlentänzer“ (diesen Titel hat Hannah ihrem Artikel gegeben) wirklich die schönste Geschichte, die ich in der Sonntagszeitung platzieren durfte.

 

 

Der magische knarrende Dachboden 

Jennifer Kotte ist seit November 2014 verantwortlich für den Dortmunder Lokalteil der Sonntagszeitung. Ihre Lieblingsgeschichte eroberte sie bereits im ersten Satz im Sturm:

„Am Dorstfelder Hellweg, auf dem knarzenden Dachboden eines Mehrfamilienhauses hat alles angefangen.“ Es reichte dieser erste Satz und ich fühlte mich wie mittendrin. Das Stichwort „knarzender Dachboden“ reichte, um das Kino im Kopf anzukurbeln. Von einem alten Speicher mit Holzdielen, klein und etwas dunkel, Staub in der Luft und der Geruch von Holz. Perfekt.

Der Artikel vom 4. Oktober erzählt die Entstehungsgeschichte des freien Theaters Fletch Bizzel – und das in einer Art und Weise, wie sie zuvor noch niemand aufgeschrieben hat. Spannend und witzig zugleich, liebevoll mit alten Anekdoten des Leiters Horst Hanke-Lindemann angereichert – und so lang, dass 30 Jahre reinpassen. Immerhin war es die Gründung des Theaters vor genau 30 Jahren, die uns als Redaktion den Anlass gab, mal genauer auf das zu schauen, was dort im Hinterhof an der Humboldtstraße so getrieben wird.

Theaterkritiken, Premierenberichte und Ankündigungen neuer Inszenierungen haben wir in den Ruhr Nachrichten in der 30-jährigen Geschichte des Fletch Bizzel zahlreich im Blatt gehabt.  Aber diese Geschichte sollte anders werden. Ein bisschen so wie die Geschichte des Theaters eben auch eine andere ist. Und das liegt vor allem an Hanke-Lindemann, den das Fletch Bizzel ausmacht und der wiederum die Entwicklung des freien Theaters seit seinen Anfängen geprägt hat.

Lindemann, kam damals mit auf den Dachboden, um als Techniker auszuhelfen und landete dann aber selbst auf der Bühne. Zu sagen sein Leben wäre eng mit dem Theater verbunden, ist noch untertrieben. Aber ohne den Dachboden aus den 80er-Jahren, wäre er wohl nie beim Fletch Bizzel gelandet.

Es gibt Romane, da spiegelt sich im ersten Satz die ganze Dramatik, Handlung und Botschaft der Geschichte wieder. Bei manchen Zeitungsartikeln ist es nicht anders: Der erste Satz muss sitzen, den Leser in die Geschichte hineinziehen. Und bei der Geschichte des Fletch Bizzels, steckt in diesem ersten Satz noch mehr. Er enthält das Wichtigste, jene eine Sache, ohne die es das Theater Fletch Bizzel, wie wir es heute kennen, nicht geben würden: den knarzenden Dachboden eines Mehrfamilienhauses, irgendwo am Dorstfelder Hellweg.

 

 

Ein lebensrettender Piks

Andrea Wellerdiek macht seit Dezember 2014 den überregionalen Teil der Sonntagszeitung. Ihre Lieblingsgeschichte ist blutig:

Es ist nur ein Piks. Doch der kann Leben retten. So war es auch bei Andreas Kramer. Durch eine Blutspende wurde sein Leben gerettet. Jahrelang hat der Bankangestellte selbst Blut gespendet, um andere Menschen zu helfen - bis er eines Tages selbst auf Hilfe angewiesen war. „Nach 50 Spenden stand ich plötzlich als Empfänger auf der anderen Seite“, erzählt er. 

Eine Plasmaspende habe ihm geholfen, wieder gesund zu werden. Nur wenige Menschen spenden Blut. „33 Prozent könnten, aber im Schnitt tun es nur drei Prozent“, sagt Kerstin Schweiger, Sprecherin des DRK-Blutspendedienstes Nord-Ost. Noch könne der Bedarf an Blutkonserven gedeckt werden. Doch der demografische Wandel sorge in den kommenden Jahrzehnten für einen höheren Bedarf. Zum Weltblutspendertag am 14. Juni haben wir auf der Seite „Thema des Tages“ ausführlich über das Blutspenden berichtet und in einer großen Grafik gezeigt, was mit dem Blut nach der Abnahme passiert.

 

 

Lesen Sie jetzt