Nur 940 Gramm bei der Geburt: So leben die Zwillinge Mara und Maira (11) heute

mlzWelt-Frühgeborenen-Tag

Mara und Maira sind als Frühchen vor 12 Jahren in Dortmund zur Welt gekommen. In der 27. Woche, nur knapp über 900 Gramm schwer. Ihr Bruder Mika (14) plant jetzt eine besondere Aktion.

Mitte, Brackel

, 30.10.2019, 11:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist ein Samstag im Dezember, als nachmittags bei Beate Ziehe die Wehen einsetzen. „Ich habe erst gar nicht realisiert, dass es wirklich Wehen sind. Es passierte ganz plötzlich, zu Hause, aus dem Nichts heraus“, erinnert sich die heute 49-Jährige an diesen Tag vor zwölf Jahren.

Denn anfangs ist es noch eine Bilderbuchschwangerschaft. Beate und André Ziehe, die bereits den zweijährigen Sohn Mika haben, erwarten dieses Mal Zwillingsmädchen. Der errechnete Geburtstermin ist der 10. März 2008. „Ich hatte keinerlei Komplikationen“, erinnert sich die Dortmunderin. An diesem 8. Dezember 2007 ist sie aber gerade einmal in der 27. Schwangerschaftswoche.

Per Notkaiserschnitt kommen die Frühchen zur Welt

André Ziehe ruft einen Rettungswagen. Dann geht alles ganz schnell: „Die Sanitäter hatten Angst, dass die Babys im Wagen geboren werden“, erzählt Beate Ziehe. Doch der Wagen schafft es gerade noch in die Städtischen Kliniken. Eine knappe Dreiviertelstunde nach dem Notruf kommen Mara und Maira per Notkaiserschnitt zur Welt.

Nur 940 Gramm bei der Geburt: So leben die Zwillinge Mara und Maira (11) heute

Dramatischer Start ins Leben: Die Zwillinge kurz nach ihrer Geburt, 13 Wochen zu früh. © Ziehe

Mara ist die Erste, um 15.24 Uhr ist sie da. Sie wiegt 930 Gramm und ist 39 Zentimeter klein. Ihre Schwester Maira folgt zwei Minuten später. 940 Gramm, 38 Zentimeter. „Und damit waren sie noch nicht mal die Kleinsten oder Leichtesten“, sagt Beate Ziehe. „Das war schon ein schlimmer Schock.“

Start im Inkubator: „Man hat die Babys ja kaum gesehen.“

Der Kampf um das Überleben der Mädchen beginnt. Auch für André Ziehe (51) ist es eine schockierende Erfahrung, seine kleinen Töchter im Inkubator auf der Intensivstation zu besuchen. „Das ist schon krass. All diese Apparate, man hat die Babys ja kaum gesehen. Das ist wie ein Film, der abläuft.“ Auch der zweijährige Mika besucht seine kleinen Schwestern und hält am Inkubator ihre Händchen.

Nur 940 Gramm bei der Geburt: So leben die Zwillinge Mara und Maira (11) heute

Besuch am Inkubator: Der zweijährige Mika hält Händchen. © Ziehe

Jeden Tag müssen die Eltern vorn an der Station schellen. Und jeden Tag haben sie Angst, dass ihnen jemand sagt: Die Zwillinge haben es nicht geschafft. Denn dass frühgeborene Babys sterben, erleben sie selbst auf der Station.

Auch bei Mara und Maira gibt es Komplikationen: Kurz nach der Geburt treten bei beiden, bedingt durch die noch sehr zarten Blutgefäße, Hirnblutungen auf. Ein Pastor kommt zur Nottaufe. „Die Ärzte konnten mir anfangs nicht sagen, wie schlimm es war. Damals habe ich gedacht, die wollen es mir einfach nicht sagen. Aber heute verstehe ich es besser – niemand kann die Auswirkungen genau voraussagen“, erinnert sich die Mutter.

Der Kontakt zur Elterninitiative hilft

Wer der Familie in dieser Zeit eine große Hilfe ist, ist Cornelia Fröhlich. Die Kinderkrankenschwester und Diplom-Heilpädagogin arbeitet für die Elterninitiative „Frühchen Dortmund e.V.“ und besucht damals einmal wöchentlich das Klinikum Dortmund. „In der Dortmunder Neonatologie können Frühchen behandelt werden, die vor der 27. Woche geboren werden“, sagt sie.

Nur 940 Gramm bei der Geburt: So leben die Zwillinge Mara und Maira (11) heute

Cornelia Fröhlich (53) ist Kinderkankenschwester und Diplom-Heilpädagogin. © privat

Cornelia Fröhlich berät die Eltern, versorgt sie mit Info-Material, Adressen, Kontakten. Als Heilpädagogin begleitet sie die Zwillingsmädchen außerdem auch noch zu Hause – bis zum Kindergarten. Sie schafft es auch, Beate Ziehe ihre Schuldgefühle zu nehmen. Fast.

„Ich habe mich immer gefragt, ob ich etwas hätte anders machen sollen, ob ich eine Untersuchung verpasst habe“, erzählt Beate Ziehe. „Aber durch Conny weiß ich, dass eine Frühgeburt auch ohne Risikoschwangerschaft passieren kann.“ Dann sagt sie leise: „Trotzdem kommen solche Gedanken immer wieder. Auch heute noch.“

Maira kann nicht sprechen. Quatsch machen allerdings schon.

Während Beate Ziehe das alles erzählt, sitzt die ganze Familie mit am Esstisch in dem gemütlichen Brackeler Reihenhaus. Mika ist 14 Jahre alt, die Mädchen werden bald 12.

Mara möchte wissen, wie es war, als sie endlich aus der Klinik nach Hause durften. „Haben wir eigentlich viel geweint?“, fragt sie. „Nein, ihr habt fast immer geschlafen. Zum Füttern musste ich euch wecken“, sagt ihre Mutter.

Papa André hält während des Interviews Händchen mit Maras Schwester Maira. Sie ist aufgeregt wegen des Fototermins und sie versteht viel von dem, was ihre Eltern erzählen. Sprechen kann sie nicht – ihre Hirnblutung war schwerer als die von Mara. Seitdem ist sie mehrfach behindert. Sich mitteilen kann sie allerdings schon: Mit Handzeichen oder Kopfschütteln signalisiert Maira, wenn sie etwas gut findet oder nicht.

Nur 940 Gramm bei der Geburt: So leben die Zwillinge Mara und Maira (11) heute

Geboren in der 27. Schwangerschaftswoche: Mara liegt in "ihrer" Hängematte. © Ziehe

Quatsch machen kann Maira auch – so wie jetzt, als sie sich ihr Halstuch über die Nase zieht und in die Runde grinst. Bruder Mika kann seine kleine Schwester ebenfalls perfekt verstehen. „Manchmal verarscht sie einen allerdings auch“, sagt er und lacht.

Beim Familienfoto ist Maira so aufgeregt, dass sie immer wieder in die Hände klatscht. Mara nimmt ihre Schwester in den Arm – und zeigt zwei Schnuller, die die Familie aus dem Krankenhaus mitgebracht hat. Einer davon ist ein Frühchen-Schnuller. Er ist winzig klein. „Ob das meiner oder ihrer war, weiß ich nicht“, sagt Mara und lacht Maira an. „Aber das ist ja auch egal.“

Mikas Idee: Adventsbasar am Gymnasium für die Elterninitiative

Mika besucht das Mallinckrodt-Gymnasium - und hatte jetzt auch die spontane Idee, die Elterninitiative „Frühchen Dortmund“ zu unterstützen. Denn das Gymnasium veranstaltet am 9. November (Samstag) einen Adventsbasar zu Gunsten des Vereins. Jede Klasse hat sich überlegt, für welchen guten Zweck der Erlös sein soll. „Die 9b verkauft Brezel, und dieser Erlös ist für den Frühchenverein bestimmt“, sagt Mika.

Um den 17. November, am Welt-Frühgeborenen-Tag, wird Cornelia Fröhlich die Schule und Mikas Klasse besuchen. „Von der Spende möchten wir etwas kaufen, wir planen ein Geschenk für die Frühchen, die an diesem Tag in der Klinik in Dortmund sind“, erzählt die Heilpädagogin.

Infos zum Thema Frühgeborene - und ein besonderer Basar
  • Jährlich werden in Deutschland ca. 60.000 Kinder vor der 37. Schwangerschaftswoche und damit zu früh geboren. 6000 von ihnen wiegen weniger als 1000 Gramm. Die Überlebenswahrscheinlichkeit liegt ab der 24. SSW bei ca. 60 Prozent.
  • Die Elterninitiative Frühchen Dortmund e.V. wurde im Jahr 1992 gegründet und hat momentan rund 30 Mitglieder. Die Eltern und ihre Kinder treffen sich regelmäßig zu Cafés, Festen oder Infoveranstaltungen. Der Verein möchte Möglichkeiten aufzeigen, die Versorgungssituation Frühgeborener und ihrer Familien zu verbessern.
  • Beim Adventsbasar im Mallinckrodt-Gymnasiumam 9. November kann jeder von 11 bis 16 Uhr ins Forum am Südrandweg 2-4 kommen, um dort Basteleien, Kekse und vieles mehr zu kaufen.
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