Diese Kirchenorgel zieht von Dorstfeld nach Gronau

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Wenn Tamás Szöcs über die Dorstfelder Orgel spricht, klingt er wie ein Schatzsucher, der im Wrack eines gesunkenen Schiffes uralte Goldmünzen entdeckt hat. Und tatsächlich war der Kantor aus Gronau im Münsterland lange auf der Suche nach einer Orgel. Jetzt wird sein Schatz geborgen. Wir waren mit der Kamera dabei.

DORSTFELD

, 22.02.2017, 17:11 Uhr / Lesedauer: 3 min
Eine Orgel zieht um.

Eine Orgel zieht um.

Die meisten der 2000 Pfeifen sind schon weg, entnommen von den Orgelbauern, genauso wie die Rosette, ein rundes Bild aus Glas im Prospekt des Orgelgehäuses. Schreiner haben jetzt das zwölf Meter hohe Gerüst in der Kirche erklommen, um das hölzerne Gehäuse abzubauen. Die schweren Teile wie der Spieltisch, der alleine 500 Kilo auf die Waage bringt, Manuale und Blasebalge warten noch auf ihren Abtransport.

Eine 112 Jahre alte Orgel zieht um – ein gigantisches Projekt. Der Mann, der das alles organisiert, ist Tamás Szöcs. Seit 2005 ist er Kantor der evangelischen Kirchengemeinde in Gronau, sein Name stammt wie er aus Siebenbürgen, Rumänien. „Für uns ist sie das Wertvollste überhaupt“, sagt der 42-Jährige, wenn er nach dem Wert der Sauerorgel gefragt wird. Dazu muss man wissen: Seit drei Jahren ist er ein Kirchenmusiker ohne Orgel. Die alte hatte den Geist aufgegeben. „Ich behelfe mir mit einem Konzertflügel“, sagt er.

Lange Zeit war nicht klar, ob Tamás Szöcs das Instrument ins Münsterland holen darf, die Denkmalschützer legten Einspruch ein, auch wenn sich die Elias-Kirchengemeinde von ihrer Orgel trennen wollte. Kurz vor Weihnachten dann die Nachricht: Als „bewegliches Denkmal“ dürfe die Sauerorgel umziehen. Das alte Gotteshaus in Dorstfeld will die Firma Medibau, ein Bau-Investor aus Castrop-Rauxel, zu einer Eventkirche umbauen.

Das alte Gotteshaus in Dorstfeld will die Firma Medibau zu einer Eventkirche umbauen. Die Wärme und Luftfeuchtigkeit hätten dem gewaltigen Instrument geschadet. „Sie wäre zugrunde gegangen“, sagt Tamás Szöcs. Für 100 000 Euro, das meiste davon Spenden, kaufte die Gronauer Gemeinde die Orgel; Umzug und Restaurierung werden zusätzliche 500 000 Euro kosten, sagt der neue Kantor. Ein Orgelneubau in dieser Größe und Qualität hätte fast das Doppelte kosten können.

Klang geht unter die Haut

„Dieses Instrument ist ein Schatz“, sagt der Kirchenmusiker. Er ist mehrmals pro Woche in Dortmund, dokumentiert jeden Schritt der Gerüstbauer, Elektriker, Schreiner und Orgelbauer – eine Auflage der Denkmalbehörde, aber es gebühre dem Instrument auch. Wilhelm Sauer baute zu seiner Lebzeit 1100 Orgeln, sie stehen unter anderem im Berliner Dom und der Leipziger Thomaskirche. Ihr spätromantischer Klang gehe sofort unter die Haut, sagt Tamás Szöcs: „Es ist weich, grundtönig, auch laute Klänge sind angenehm, die leisesten klingen geheimnisvoll – wie ein gut aufeinander abgestimmtes Orchester.“ Gutachter und Fachleute seien von dem Instrument sowieso begeistert, aber auch Laien berühre es. „Sogar der Schreinergeselle sagte bei meinem Spiel: ‚Was für ein Sound!‘“

Diesen Sound hatte Hannah Schmidt in den vergangenen drei Jahren fast ganz für sich. Sie ist die Orgelschülerin, die das Instrument zuletzt spielte. „Ein sehr cooles Erlebnis“, sagt die 25-jährige Studentin. Dann spricht sie von der Pneumatik, dem flirrenden Klang, der vibrierenden Empore, so enthusiastisch, als würde sie von einem Actionfilm schwärmen. „Sie hat so einen satten und farbenreichen Klang – und eine unglaubliche Wucht. Du merkst, wie das Instrument mitarbeitet wie ein Duett-Partner.“

Traurig über Verkauf

Ihr Lieblingsstück: Max Regers Introduction und Passacaglia in d-Moll. Es gebe das Gerücht, dass Reger selbst auf der Orgel gespielt habe. „Aber es war nicht immer einfach: Es gab eine minimale Verzögerung beim Spiel, die Finger waren immer schneller als der Klang“, sagt sie. Das liege daran, dass die Orgel nie restauriert wurde. Trotzdem ist sie traurig über ihren Verkauf: „Das hätte nicht passieren dürfen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie irgendwo anders so gut klingt.“ Denn eine Orgel wird extra an die Architektur des Raumes angepasst. Sie spricht von einer „Amputation“. „Die Orgel hätte zusammen mit der Kirche unter Denkmalschutz gehört.“ Jetzt verliere sie „einen guten Freund“.

Er wolle sie seiner Bestimmung zurückzuführen, sagt hingegen Tamás Szöcs. „Sie soll das machen, wofür sie gemacht ist – im Gottesdienst, Konzert, Unterricht zu erklingen.“ In Gronau stehe sie im Zentrum einer lebendigen Gemeinde und spiele im städtischen Kulturleben eine tragende Rolle. Ein Experte der Orgelwerkstatt könne jede Pfeife so einrichten, dass sie auch in ihrem neuen Zuhause gut klinge. Er vergleicht es mit dem Klavierstimmen. „Die Kirchen sind aus der gleichen Zeit und haben eine ähnliche Baustruktur wie Steinboden und Holzdecke.“ Die Dorstfelder Kirche wurde 1903 erbaut, die Stadtkirche in Gronau steht seit 1896.

Vier Monate dauert der Aufbau

Während die Orgel „äußerst behutsam“ gereinigt und restauriert wird, wird das Gotteshaus im Münsterland auf ihre Ankunft vorbereitet: Weil das Instrument besonders schwer wiege – „nicht nur künstlerisch“, sagt Tamás Szöcs – müsse die Empore vergrößert und die Statik verändert werden. An Pfeifen und Spieltisch der Sauerorgel werde nichts verändert.

Weil auch in Gronau mehrere Kirchen geschlossen wurden, könne er den Abschiedsschmerz der Dortmunder verstehen. „Ich kann nur anbieten, dass die Leute zu uns kommen und sich die Orgel anhören.“ Der Orgelaufbau wird rund vier Monate dauern, im Winter 2018 könnte es so weit sein. Dann, so hofft er, würden sie sehen, dass die Orgel in guten Händen ist.

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