Dieser Dortmunder Bergmann ist ein wandelndes Bergbau-Archiv

mlzAbschied vom Bergbau

Tilo Cramm ist Bergbau-Historiker aus Leidenschaft. Dank ihm werden viele Erinnerungen an die Bergbau-Geschichte lebendig erhalten.

Dortmund

, 25.09.2018, 12:44 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer sich in Dortmund mit Bergbau-Geschichte beschäftigt, stößt unweigerlich auf den Namen Cramm. Tilo Cramm. Der 88-Jährige ist ein wandelndes Bergbau-Archiv. Die Liste seiner Veröffentlichungen in Form von Büchern und Aufsätzen füllt eine sehr eng bedruckte Din-A-4-Seite.

„Ich war immer mehr ein Bergmann der Feder und nicht ein Bergmann vom Leder“, stellt Tilo Cramm augenzwinkernd fest. Schreibfeder statt Arschleder also. Dabei hat er viele Bergbau-Bereiche hautnah kennengelernt.

Bergbaubeflissener

Tilo Cramm wuchs am Rande des Harz auf, wie das Ruhrgebiet eine Bergbau-Region. Sein Klassenlehrer riet ihm, Bergbau zu studieren. So wurde er „Bergbaubeflissener“ – so heißen Studienbewerber im Bergbau-Bereich – am Oberbergamt Clausthal. Er lernte Erzbergwerke, Kali- und Braunkohlegruben kennen.

Die Steinkohle führte ihn nach Dortmund, auf die Zeche Minister Stein in Eving, wo er die Arbeit der Bergleute in allen Bereichen kennenlernte – vom Streckenvortrieb über den Abbau bis zu Kohlenwäsche und Kokerei. „Mein ‚Beflissenen-Tagebuch‘, in das alles akribisch eingetragen wurde, habe ich heute noch“, berichtet Tilo Cramm.

Nach acht Semestern Bergbau-Studium in Aachen und Diplom-Arbeit auf der Zeche Hansa in Huckarde arbeitete Tilo Cramm als Grubensteiger auf der Zeche Pattberg am Niederrhein, später nach entsprechender Weiterbildung als Mechanisierungs-Ingenieur auf der Zeche Radbod in Hamm und Wirtschaftsingenieur auf der Zeche Victor-Ickern in Castrop-Rauxel. Hier erlebte er hautnah mit, wie mit modernem Schildausbau die Arbeitssicherheit der Bergleute verbessert wurde.

Blick in die Vergangenheit

Zuletzt war Cramm 15 Jahre Abteilungsleiter in der Bergbau-Verwaltung der Ruhrkohle AG in Dortmund, bis er im September 1988 mit 58 Jahren in den Vorruhestand gehen musste. Ruhestand ist allerdings das falsche Wort. Der Bergbau ließ Cramm nicht los. Und weil es keine Zechen-Zukunft mehr zu planen gab, verlegte er sich auf die Bergbau-Vergangenheit.

Schon seit 1983 engagiert sich Tilo Cramm im Förderverein Bergbauhistorischer Stätten Ruhrrevier. „Ich half zuerst im Wittener Muttental und zusammen mit Kollegen als Bergbau-Berater bei der Einrichtung der LWL-Industriemuseen Zollern und Nachtigall“, berichtet er. 1986 gehörte Cramm zu den Mitbegründern eines Dortmunder Arbeitskreises im Förderverein Bergbauhistorischer Stätten, war bis 1999 der erste Vorsitzende.

Das erste Projekt: das Anlegen eines Bergbau-Wanderwegs in Syburg. Im November 1986 wurde erstmals ein alter Stollen der früheren Zeche Graf Wittekind geöffnet, in der im 19. Jahrhundert zu Füßen der Hohensyburg Kohle gefördert wurde. Nach und nach erkundeten die Vereinsmitglieder immer weitere Stollen. Sechs Jahre dauerte es, bis der Syburger Bergbauweg eingeweiht werden konnte. Weitere fünf Jahre später – im März 1997 – wurde Graf Wittekind dann offiziell zu einem Besucherbergwerk. „Mit Zulassung durch das Oberbergamt“, wie Cramm betont.

Infotafeln zur Bergbaugeschichte und der Pferdegöpel im Westfalenpark sind nur zwei von vielen Bergbau-Erinnerungen, für die sich Tilo Cramm eingesetzt hat.

Infotafeln zur Bergbaugeschichte und der Pferdegöpel im Westfalenpark sind nur zwei von vielen Bergbau-Erinnerungen, für die sich Tilo Cramm eingesetzt hat. © Oliver Schaper

Die Arbeiten zur Erkundung und zum Ausbau der verschiedenen Stollen am Burgberg gehen allerdings weiter – inzwischen ohne Cramm. „Mit 75 Jahren darf man nicht mehr in den Stollen“, erklärt er. Aber inzwischen hat sich ein fester Kreis Bergbau-Begeisterter gebildet, der die Arbeit fortführt. Und der Arbeitskreis Dortmund beschränkt sich nicht nur auf den Syburger Bergbauweg.

Inzwischen wurden auf seine Initiative an verschiedenen Orten mehr als 30 Infotafeln zur Bergbaugeschichte in Dortmund, Castrop-Rauxel, Herdecke und Wetter und drei Seilscheiben zur Erinnerung an den Bergbau aufgestellt. So erfahren etwa Spaziergänger in der Bittermark, im Rombergpark und im Westfalenpark, dass sie auf Bergbau-Spuren unterwegs sind.

Die Feder als wichtigstes Werkzeug

Sichtbarstes Zeichen im Westfalenpark ist dafür der Pferdegöpel, den Cramm mit initiiert und den Bau mit Hilfe von Sponsoren organisiert hat. Zur Bundesgartenschau 1991 wurde er offiziell übergeben. Und Cramm lieferte als „Bergmann der Feder“ natürlich auch eine Broschüre zum Nachbau des Bergbau-Relikts.

Es ist nur eine von zahlreichen Veröffentlichungen Cramms zur Bergbaugeschichte in Dortmund und Umgebung. Zuletzt beschäftigte sich der Bergbau-Experte vor allem mit der Montangeschichte seines Heimat-Stadtbezirks Hombruch und Industriepionier Friedrich Harkort, der hier viele Spuren hinterlassen hat. Ende der Woche wird eine neue Informationetafel zu Harkort enthüllt. Den Vortrag dazu liefert natürlich Tilo Cramm.

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