Pfandhäuser dürfen auch in Krisenzeiten ihre Pforten öffnen. Trotzdem geht das Coronavirus auch am Pfandhaus Schumachers in der Innenstadt nicht spurlos vorbei.

Dortmund

, 05.04.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Im Schatten der Reinoldikirche geht es an diesem Vormittag ruhig zu. Kaum ein Mensch ist unterwegs, geöffnet haben nur ein Metzger, ein Kiosk und - man höre und staune - ein Pfandhaus. Erstaunlich, aber wahr: Auch Pfandleiher besitzen in Corona-Zeiten offiziell Bedeutung für die Aufrechterhaltung wichtiger gesellschaftlicher Funktionen.

Kein Bargeld mehr

„Wir sind systemrelevant“, sagt Klaus Schumachers, seit 1993 Geschäftsführer des Pfandhauses Schumachers in der Straße Am Friedhof in der Dortmunder Innenstadt. Was sich zunächst befremdlich anhört, kann Schumachers einfach erklären: „Wenn manche Menschen nicht ins Pfandhaus gehen könnten, hätten sie schlichtweg kein Bargeld mehr. Und denen kann man den Laden nicht einfach schließen.“

Im Schatten der Reinoldikirche haben die meisten Geschäfte geschlossen. Das Pfandhaus Schumachers hingegen ist als systemrelevantes Unternehmen geöffnet.

Im Schatten der Reinoldikirche haben die meisten Geschäfte geschlossen. Das Pfandhaus Schumachers hingegen ist als systemrelevantes Unternehmen geöffnet. © Michael Schuh

Schumachers kennt sich in der Branche aus wie kaum ein anderer, schließlich stammt er aus einer wahren Pfandhaus-Dynastie. Sein Urgroßvater gründete bereits 1873 in Viersen ein solches Unternehmen, mittlerweile besitzt die Familie sieben Filialen - von Krefeld bis Bremerhaven.

Wenngleich das Geschäft mitten in der Dortmunder City weiterhin seine Pforten öffnen darf, ist die Corona-Krise zumindest optisch nicht spurlos daran vorübergegangen. Die ansonsten mit Geschmeide und Uhren gefüllten Schaufenster sind weitgehend leer, überall hängen Zettel, die auf das derzeitige Verkaufsverbot hinweisen.

Denn Wertgegenstände dürfen die Mitarbeiter immer noch taxieren und - gegen Auszahlung eines Darlehnsbetrages - entgegennehmen. Der Verkauf von Gegenständen, die Kunden einst nicht wieder abholten, ist an selbiger Stelle momentan indes verboten. So will es das Gesetz.

Der kleine Empfangsraum gleicht dem einer gut gesicherten Bank: Die Angestellten sind an ihrem Schalter durch dickes Panzerglas geschützt, eine Kamera überwacht den Raum. Ein Mann mittleren Alters kommt herein und schiebt einen Zettel unter der Scheibe her: „Ich möchte diesen Ring wieder abholen.“

Klaus Schumachers, seit 1993 Geschäftsführer der Dortmunder Filiale, entstammt einer wahren Pfandhaus-Dynastie.

Klaus Schumachers, seit 1993 Geschäftsführer der Dortmunder Filiale, entstammt einer wahren Pfandhaus-Dynastie. © Privat

Die Schumachers-Mitarbeiterin Martina Sontop blickt auf das Papier, verschwindet im nicht öffentlichen hinteren Bereich des Ladenlokals, in dem sich die Panzerschränke befinden, und kommt mit einem Kästchen zurück. Zusammen mit der Rechnung und einem Beleg überreicht sie den Ring dem Kunden, der anstandslos zahlt, sich verabschiedet und geht. Eine nicht sonderlich komplizierte Handlung, die sich hinter dem etwas sperrigen Begriff „Pfandkreditgeschäft“ verbirgt.

Pfandkredit statt Girokonto

„30 bis 40 Prozent unserer Kunden nutzen das Angebot wie ein Girokonto“, sagt Schumachers. „Sie kriegen gegen Monatsende bei der Bank kein Geld mehr und kommen zu uns, weil noch zu viel Monat übrig ist.“

Diese Menschen brächten dann regelmäßig dieselbe Uhr, ein Schmuckstück oder ein hochwertiges technisches Kleingerät vorbei, um die Dinge im nächsten Monat gegen eine Gebühr und Zinsen wieder abzuholen. Mit einer Goldkette oder einem Smartphone lässt sich schwerlich ein Brot kaufen. Dafür braucht man Bares.

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„Vom Ring für ein paar Euro bis zur Rolex für 20.000 haben wir alles im Sortiment“, schildert der Geschäftsführer, was die Dortmunder so vorbeibringen, um kurzfristig wieder liquide zu werden. Gerade Uhren würden aber ein gewisses Risiko in sich bergen: „Bestimmt jede zehnte ist ein Fake. Damit haben wir wöchentlich zu tun.“

Umso wichtiger, dass die Mitarbeiter dank hausinterner Schulungen einen Blender zielsicher vom Original unterscheiden können und jede Uhr zunächst mit Spezialwerkzeug öffnen, um sie auf ihre Echtheit zu überprüfen. Fällt man nicht trotzdem schon mal darauf herein? Schumachers schüttelt den Kopf: „Nein, wir können das. Wir machen ja nichts anderes.“

Der kleine Eingangsraum des Pfandhauses Schumachers gleicht mit seinen Panzerglasscheiben einer gut gesicherten Bank.

Der kleine Eingangsraum des Pfandhauses Schumachers gleicht mit seinen Panzerglasscheiben einer gut gesicherten Bank. © Michael Schuh

Auch die Frage, ob Corona-Krise und Kurzarbeit mehr Kunden als sonst in sein Geschäft treiben würden, verneint Schumachers. „Das kann später eventuell mal passieren“, sagt der Pfandleiher, der sich so seine Gedanken über die deutsche Wirtschaft macht. „Aber noch ist dem nicht so, denn die meisten Leute haben ihren Lohn für März ja bekommen.“

Verkaufs-Stopp ist nicht auszugleichen

Vielmehr wirke sich die Krise auch auf seine Branche negativ aus. Denn der Verkauf ist momentan komplett gestoppt, die anstehenden Auktionen wurden abgesagt, die gläsernen Auslagen im Laden, in denen es sonst glitzert und blinkt, sind leer. „Das können wir durch die Kredite nicht ausgleichen“, sagt der erfahrene Geschäftsmann. Und trotzdem: Für die vier Vollzeitkräfte in dem Dortmunder Ladenlokal hat er keine Kurzarbeit angemeldet.

Denn finanziell habe so ein Pfandhaus logischerweise Rücklagen, fährt Schumachers fort. Schließlich möchte auch derjenige, der die 20.000-Euro-Rolex vorbeibringt, sein Geld haben. Bar auf die Hand.

Keine Mitteilungen an die SchufaSo funktioniert der Pfandkredit

  • Kommt ein Kunde mit einem Wertgegenstand in das Pfandhaus Schumachers, wird dieser Gegenstand zunächst taxiert und anschließend der Kreditbetrag genannt.
  • Ist man sich einig, wird ein Pfandvertrag ausgefüllt. Auskünfte werden nicht eingeholt und Mitteilungen an die Schufa gibt es ebenfalls nicht.
  • Im Pfandvertrag wird die Kredit-Laufzeit von drei Monaten vermerkt, Verlängerungen sind möglich. Der Vertrag kann aber auch vorzeitig gekündigt werden.
  • Die anstehenden Gebühren sind gesetzlich festgelegt. Bei einem Pfandkredit von 300 Euro zahlt der Kunde nach drei Monaten - inklusive Zinsen und Gebühren - 328,50 Euro zurück.
  • Ist die vereinbarte Frist abgelaufen, wird der Wertgegenstand in der Regel versteigert oder verkauft.
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