Im neusten Dortmund-Tatort "Heile Welt" hat sich eine Mini-Panne eingeschlichen. © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Menke
TV-Krimi „Heile Welt“

Dortmund-Tatort: Faber ist verliebt – gleichzeitig explodiert die Gewalt

Auch wenn die Folge „Heile Welt“ heißt – im Dortmund-Tatort am Sonntag (21.2.) wird es wieder extrem. Liebe und Hiebe. Dazu Rassismus, Fake News und Polizeigewalt. 90 lohnende Fernsehminuten.

Gleich die ersten Bilder entlarven den Titel des 18. Dortmund-Tatorts als Lüge. Keine Spur von „Heile Welt“, sondern ein Scherbenhaufen. Es herrscht Chaos in der Hochhaussiedlung. Fäuste fliegen, auch Bengalos und Brandsätze, als Wutbürger aller Art – Abgehängte, Migranten ohne Chance, rechte und linke Demagogen – aufeinander losgehen. Kriegsähnliche Gewaltszenen. Endzeitstimmung im Gerberzentrum.

Dann die Einblendung: „48 Stunden vorher“. Der als Stilmittel beliebte erzählerische Vorgriff verschafft den Zuschauern eine kurze Verschnaufpause, die allerdings bei der Frage, wie es so weit kommen konnte, schnell dem hochdynamischen Geschehen aus Fake News, Polizeigewalt und Rassismus weicht.

Eskalation in Dortmund: Nach einer Kundgebung geraten Rechtsradikale mit Gegendemonstranten aneinander. Wie Dortmund im TV-Tatort dargestellt wird, ist für Ludger Burmann unverständlich.
Eskalation in Dortmund: Nach einer Kundgebung geraten Rechtsradikale mit Gegendemonstranten aneinander. Wie Dortmund im TV-Tatort dargestellt wird, ist für Ludger Burmann unverständlich. © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Menke © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Menke

Nach einem Brand im Gerberzentrum wird im Keller die verkohlte Leiche einer 24-jährigen, schwangeren Frau gefunden. Sie ist aber nicht verbrannt, sondern wurde erschlagen.

Handys als Waffen

Erster, ruppiger Auftritt von Rosa Herzog (Stefanie Reinsperger), die nach dem Abgang von Nora Dalay (Aylin Tezel) das Dortmunder Kommissar-Kleeblatt wieder komplettiert. Man sieht sie zunächst nur von hinten, als sie den Tatort betritt und erstmals auf die neuen Kollegen der Kriminaltechnik (KTU) und den Bolzenschneider am Boden trifft: „Wem gehört das hier? Kann das vielleicht mal jemand herausfinden? Rosa Herzog, ich bin die Neue.“

Sie findet Hinweise auf eine versuchte Vergewaltigung. Wegen der Kokainspuren am Tatort knöpft sich ihre Kollegin Martina Bönisch (Anna Schudt) den polizeibekannten, irakischen Drogendealer Hakim Khaled vor, der im selben Haus wohnt und Streit mit dem Opfer hatte. Weil er ihr frech kommt, nimmt Bönisch ihn nach einer Rangelei eine Spur zu schnell und zu ruppig fest und das Unglück nimmt nicht nur für sie seinen Lauf.

Denn in der Gerbersiedlung werden sofort die Handys wie Waffen gezückt und die Bilder ins Netz gestellt – auch für die Fernsehzuschauer im Look der Handykamera. Die Trolle – rechte wie linke – haben ihr gefundenes Fressen. Bönisch bekommt in den sozialen Medien unwillkommenen Applaus von der rechten Seite, und wird von der linken als Nazi abgestempelt. „Nazi über Nacht. Ist doch absurd“, sagt sie, verzweifelt über den Shitstorm.

Bei der Festnahme von Hakim Khaled (Shadi Eck) sieht sich Martina Bönisch (Anna Schudt) gezwungen, den Gesuchten mit körperlicher Gewalt zu überwältigen. Das Geschehen wird gefilmt - und im Internet vielfach kommentiert.
Bei der Festnahme von Hakim Khaled (Shadi Eck) sieht sich Martina Bönisch (Anna Schudt) gezwungen, den Gesuchten mit körperlicher Gewalt zu überwältigen. Das Geschehen wird gefilmt – und im Internet vielfach kommentiert. © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin

Retro-Manta als Dienstwagen

Dutzende auf dem Fernsehbildschirm aufploppende Nachrichten und Kommentare zeigen, wie rasant sich Fake News im Netz verbreiten. Hauptkommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) erklärt es gegenüber dem Kriminalrat so: „Eine Lüge ist schon dreimal um die Erde gelaufen, bevor sich die Wahrheit die Schuhe anzieht.“

Faber ist in dieser Episode aber mehr mit sich selbst beschäftigt als mit dem Fall. Der Kamikaze-Ermittler ist verliebt – oh Wunder. Unglücklich und unbeholfen verliebt; denn seine Angebetete Martina Bönisch hat was mit dem KTU-Chef am Laufen. Daran kann auch Fabers neuer Dienstwagen, ein Retro-Manta GSI, nichts ändern. Allein die Musik, die er geradezu verzückt darin hört, der „Sunshine Reggae“, hat etwas von heiler Welt. Doch das Auto, sagt Bönisch, riecht nach „nassem Hund“.

Auch Corona hat zur Endzeitstimmung beigetragen. Wegen der Pandemie ist das PC-Geschäft von Thomas Jankowski pleite gegangen. Der Arbeitslose lebt jetzt in seinem leerstehenden und zugeklebten Ladenlokal im Gerberzentrum. Der liebeskranke Faber, sogar einmal mit Schutzmaske, fühlt sich ihm beim gemeinsamen Schnaps verbunden; denn auch Jankowski hat nur einen kleinen Kaktus zum Freund.

Zehnminütiges Inferno

Die virale Welle des Hasses hat ganze Arbeit geleistet, als es 48 Stunden nach dem Brand zum zehnminütigen, nervenzerreißenden Inferno in der Hochhaussiedlung kommt. Das Entsetzen darüber ist den Kommissaren ins Gesicht geschrieben.

Rosa Herzog (Stephanie Reinsperger, r.) ist die Neue in der Mordkommission mit Peter Faber (Jörg Hartmann, v.l.), Martina Bönisch (Anna Schudt) und Jan Pawlak (Rick Okon). © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin

Am Ende ist die Gewalt ein bisschen dick aufgetragen, aber trotzdem stimmig in diesem extremen, aber auch extrem guten Dortmund-Tatort, der an die ebenfalls außerordentliche fünfte Dortmunder Folge „Hydra“ aus dem Jahr 2015 anknüpft. Hochaktuell analysiert „Heile Welt“ die zunehmende Spaltung der Gesellschaft durch populistische Meinungsmache und setzt das Thema auch gekonnt in Filmsprache um.

Corona geschuldet ist, dass dieses Mal wieder nicht viel von Dortmund zu sehen ist, mit Ausnahme von ein paar Schnittbildern bei den Autofahrten. Man wollte nicht die ganze Crew, einschließlich der Hygiene-Vorkehrungen, nach Dortmund bewegen müssen.

Viel in Leverkusen gedreht

Das in Scharnhorst angesiedelte Gerberzentrum gibt es nicht, gedreht wurden die Szenen in einer Hochhaussiedlung mit angeschlossenem Einkaufscenter in Leverkusen. Dortmund-Kenner werden es sofort bemerken: Selbst die Szene vor dem Polizeipräsidium spielt nicht in Dortmund. Man musste dieses Mal mit einem anderen Gebäude vorliebnehmen.

Faber gibt übrigens mit seinem Liebeswerben nicht auf. Seinen Duftbaum am Autospiegel hat er schließlich gegen Räucherstäbchen ausgetauscht, um Martina Bönisch zu fragen: „Mögen Sie Weihrauch?“ Fortsetzung dieser zarten Liebesgeschichte folgt sicherlich. Aber erst mal sollte man sich diese Folge nicht entgehen lassen.

ARD, Sonntag, 21. Februar, 20.15 Uhr.

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Stellvertretende Leiterin der Dortmunder Stadtredaktion - Seit April 1983 Redakteurin in der Dortmunder Stadtredaktion der Ruhr Nachrichten. Dort zuständig unter anderem für Kommunalpolitik. 1981 Magisterabschluss an der Universität Bochum (Anglistik, Amerikanistik, Romanistik).
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Gaby Kolle

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