Befreiung von der Maskenpflicht sorgt für Ärger beim Arzt und in der City

mlzAttest

Ali Engin hat ein Attest, das ihn von der Maskenpflicht befreit - in zwei Arztpraxen hatte er deshalb aber Ärger. Ein Ärztesprecher zweifelt den Sinn solcher Befreiungen grundsätzlich an.

von Daniel Reiners, Fabian Paffendorf

Dortmund

, 04.11.2020, 17:10 Uhr

Wenn Ali Engin (50) sich eine Maske über Mund und Nase zieht, dauert es keine drei Minuten, bis sich Schwindelanfälle bei ihm einstellen und ihm schwarz vor Augen wird. So zumindest schildert der Dortmunder den Masken-Testversuch, den er unter Aufsicht seines Hausarztes vor wenigen Tagen unternommen habe.

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Aufgrund von mehreren Vorerkrankungen des Herzens und einer Asthma-Erkrankung wurde Engin von der Maskenpflicht befreit. Das bestätigt auch sein Hausarzt gegenüber unserer Redaktion. Was für ihn eine notwendige Maßnahme zum Schutz der eigenen Gesundheit ist, führt laut Engin allerdings in einigen Praxen aktuell zu Problemen.

Engin wollte in der vergangenen Woche zwei Termine in zwei Praxen in der City wahrnehmen. Beide Termine habe er im Vorfeld offiziell vereinbart. Als er dann eine kardiologische Praxis betrat, und dabei keine Maske im Gesicht trug, sei er in Sekundenschnelle vom medizinischen Personal angegangen worden.

Mitarbeiter schicken den Mann sofort aus den Praxen

„,Maske aufziehen oder sofort raus‘, hat mir eine Arzthelferin entgegen gebrüllt, ohne dass ich auch nur Gelegenheit hatte, meine Situation zu erklären", berichtet Engin. Im Computer-System der Praxis hätte laut Engin aber bereits ein Vermerk eingetragen sein müssen, aus dem hervorgeht, dass er aufgrund der Vorerkrankungen maskenbefreit sei.

Wenige Tage später habe dann ein weiterer Termin angestanden, diesmal in einer Diabetologie. Und wieder, so berichtet Engin, habe sich die Situation wiederholt. Noch bevor es zu einem Erklärungsversuch habe kommen können, sei er durch eine Arzthelferin der Praxis verwiesen worden.

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„Ich stehe nun zunächst einmal ohne Termine da. Das Schlimmste ist aber dieses Gefühl, wie ein Aussätziger behandelt worden zu sein", sagt Engin. Ihm sei durchaus bewusst, dass das Bild einer maskenlosen Person innerhalb eines geschlossenen Raumes in diesen Tagen ein zunächst irritierendes Bild sei.

Dass es aber ja tatsächlich Personen gebe, die, wie er, dermaßen vorerkrankt seien, dass sie schlicht durch eine Maske nicht genügend Sauerstoff bekämen, dafür solle laut Engin doch gerade medizinisches Personal Verständnis aufbringen. Letzteres vermisse Engin aktuell allerdings inständig.

Viele Patienten sind mit Befreiungs-Attesten gekommen

Gegenüber dieser Redaktion wollten die betroffenen Praxen keine Auskunft zu dem von Engin beschriebenen Vorfall geben. Eine Mitarbeiterin der Kardiologie erklärt allerdings, dass es im Normalfall möglich sein müsse, als Patient einen etwaigen Erklärungsgrund für das Fehlen einer Maske beim Helfer-Personal vorzutragen. Anschließend werde dem Patienten dann eine Maske angeboten und ihm diese auch für die kurze Zeit des Aufenthaltes zugemutet.

Sie könne sich einen solchen beschriebenen Fall nur damit erklären, dass der Ton wohl auch von der Patientenseite aus habe rau sein müssen, sodass die Angestellten vom Hausrecht gebrauch machen mussten. „Gerade in den letzten Monaten hat es viele Patienten gegeben, die sich scheinbar Maskenbefreiungs-Atteste haben ausstellen lassen, und dann maskenlos in die Praxis strömten", sagt die Mitarbeiterin.

Da die aktuelle Pandemie-Lage auch für die Mitarbeiter der Arztpraxen eine enorme Belastung mit sich bringe, könne nicht auszuschließen sein, dass ein eventuell aufdringlicher maskenloser Patient einer Praxis verwiesen werde. Ein klärendes Gespräch müsse aber stets möglich sein.

Ärztesprecher sieht Regel statt Einzelfall

Laut Dr. Prosper Rodewyk, dem Leiter der Bezirksstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe in Dortmund, ist das, was Ali Engin passiert sei, keinesfalls ein Einzelfall, sondern vielmehr die Regel.

„Gerade in den ersten Wochen nach Einführung der Maskenpflicht gab es vermehrt von Seiten der Patienten die Anfragen nach einer ärztlichen Bescheinigung, um von der Pflicht entbunden zu werden“, sagt Prosper Rodewyk.

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Den Wunsch nach einem Attest hätten aber fast alle wieder fallen lassen, als ihnen bewusst geworden sei, welche Probleme das nach sich ziehe. „Letztlich gilt das Hausrecht in Arztpraxen oder sonst wo. Und wenn dort auf die Einhaltung der Maskenpflicht bestanden wird, dann ist es egal, mit welchen und wie vielen Bescheinigungen man dort auftaucht“, sagt der Mediziner.

Seiner Meinung nach gebe es auch keinerlei medizinischen Grund, der gegen ein Tragen einer Schutzmaske für einen kurzen Zeitraum sprechen würde. „Wenn jemand nun eine Vorerkrankung der Atemwege hat, dann macht es keinen Sinn, dass er sich weiteren Infektionen aussetzt, weil er keine Maske tragen will“.

In einer früheren Version dieses Artikels war an einer Stelle von einer „Mitarbeiterin der Radiologie“ die Rede. Hierbei handelte es sich um einen Fehler. Gemeint war die Kardiologie. Die Radiologische Praxis in dem Ärztezentrum steht in keinen Zusammenhang mit dem hier geschilderten Fall. (19. November 2020)

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