Gastronomen fürchten das Corona-Aus: Protestaktion auf dem Friedensplatz

mlzCoronavirus

Mit leeren Tischen und leeren Betten demonstrieren Dortmunder Gastronomen gegen die Einschränkungen der Coronakrise. Dabei geht es ihnen nicht nur um fehlende Unterstützung durch die Politik.

Dortmund

, 24.04.2020, 13:14 Uhr / Lesedauer: 2 min

Weiße Tischdecke, feierliches Gedeck, Oberkellner mit Fliege - auf den ersten Blick scheint alles bereit für ein Festmahl auf dem Dortmunder Friedensplatz. Doch die entscheidende Zutat dafür fehlt: Kundschaft.

In Wahrheit handelt es sich nämlich um eine Demonstration der Gastro-Initiative Dortmund. „Wir hatten als erste Branche unter der Coronakrise zu leiden und sind am längsten betroffen“, ist sich Philip Winterkamp sicher.

Der 43-Jährige ist Chef der Muto-Heimatgastronomie und Mitorganisator der Aktion. „Wobei eigentlich ist es eher eine Depression. Es passiert ja nichts“, korrigiert Caterer Jörg Prüser.

Ursprünglich Guerilla Aktion geplant

Tatsächlich bleiben die sechzig in der Mitte des Platzes aufgestellten Tische und die paar dazwischen verstreuten Betten heute leer. Sie müssen es. Polizisten kontrollieren die Einhaltung der strengen Sicherheitsvorschriften, unter denen die Stadt eine Demonstration überhaupt erst erlaubt hat.

Ursprünglich wollten die Organisatoren Stühle und Tische zunächst als Guerilla-Aktion auf dem alten Markt aufstellen. Keine gute Idee, meinte der rechtliche Beistand der Truppe. „Im schlimmsten Fall hätten wir unsere Konzession verlieren können“, so Winterkamp.

Jetzt lesen

Kurz hat er sich die Schutzmaske runtergezogen, um eine Zigarette zu rauchen. Hinter ihm verläuft ein Flatterband, das einen großen Bereich für die Demonstration abgrenzt. Nur fünf Organisatoren dürfen auf das Gelände.

Stiller Protest

Nach einem detaillierten Ablaufplan fahren 50 Gastronomen mit ihren Lieferwägen vor, bauen einen Tisch auf oder rollen ein Bett auf das Gelände. Vor Ort bleiben und demonstrieren dürfen sie nicht. Es ist ein stiller Protest.

Was die Organisatoren der Demo von den Maßnahmen der Politik halten? „Richtig, aber zu spät“, findet Caterer Prüser. „Nicht richtig und zu spät“, widerspricht ihm Mitstreiter Winterkamp. Viel hätten ihm die Soforthilfen nicht gebracht oder wie er sagt: „Zwei Tage Luft und fünf Tage Motivation.“

Die Gastro-Initiative Dortmund wünscht sich die Übernahme der laufenden Kosten und Soforthilfen, die nicht zurückgezahlt werden müssen. In den kommenden fünf Jahren könne ohnehin kein Gastronom Kredite zurückzahlen, erklärt Winterkamp die Forderung.

Sascha Lange gibt den Showkellner, aber der Hahn bleibt trotzdem trocken.

Sascha Lange gibt den Showkellner, aber der Hahn bleibt trotzdem trocken. © Johannes Bauer

Stattdessen geht es für viele um die Existenz. Der Ärger, aber auch die Frustration und die Verzweiflung ist den Organisatoren deutlich anzumerken. „Einen Monat. So lange halte ich mit meinem Betrieb noch durch, wenn das so weitergeht“, meint Winterkamp konsterniert.

Der 43-Jährige ergreift am häufigsten das Wort, verweist aber auch auf die individuellen Schicksale seiner Kollegen. Die geringe Differenzierung sei überhaupt das größte Problem.

„Ein Clubbesitzer profitiert kaum davon, dass er künftig nur noch sieben Prozent Mehrwertsteuer auf Speisen zahlen muss. Ein Biergartenbetreiber könnte seinen Betrieb schon morgen wieder aufmachen“, erklärt Heinz Overkamp vom deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga).

Gastronomie fehlt klare Ansage

Die Organisatoren des Protests wirken ratlos. Ihnen fehlt ein konkreter Fahrplan, wie es weitergehen soll. „Wir brauchen eine klare Ansage: lohnt es sich überhaupt zu kämpfen?“, fragt sich Winterkamp.

Jetzt lesen

Bleibt die Kundschaft. Etwa 5-15 Prozent des üblichen Umsatzes ließen sich aktuell über Essenslieferungen erwirtschaften schätzen die Gastronomen. Da viele Leute nun aber mehr selbst kochen, schrumpft auch dieser Anteil.

Am Ende hoffen die Gastronomen auf eine neue Wertschätzung von Seiten der Kunden. „Sonst stellt sich irgendwann die Frage: Braucht es die Gastronomie überhaupt noch?“, so Overkamp.

Lesen Sie jetzt