Dortmunder in England: So trotzen die Briten dem Coronavirus

mlzReisen in Corona-Zeiten

In Zeiten der Corona-Pandemie zieht es nur wenige Touristen nach Großbritannien. Wie es ist, dort auszuwandern, erzählt uns ein Dortmunder.

Dortmund

, 02.08.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Mit mehr als 45.900 Todesfällen durch das Coronavirus belegt das Vereinigte Königreich einen traurigen dritten Platz in der Welt hinter Brasilien und den USA (Stand 30. Juli). An touristische Reisen nach Großbritannien denken nur wenige Dortmunder in diesen Zeiten.

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Anders ist das bei denen, die aus dringenden Gründen reisen. Am 15. Juli ist unser Reporter Marc Wernicke nach Großbritannien umgezogen. Aufgrund des Brexits müssen EU-Bürger, die über den Jahreswechsel hinaus ihre Aufenthaltsrechte sichern wollen, einen festen Wohnsitz im Land nachweisen.

In einem letzten Bericht erzählt der Reporter aus Dortmund, wie es ist, in dieser außergewöhnlichen Zeit in das Land zu reisen, das mehr als jedes andere in Europa von der Pandemie getroffen wurde.

Reiseziel: Norwich

Ein wichtiger Schritt erfolgte innerhalb von 48 Stunden vor der Abreise: Auf der Website des britischen Innenministeriums müssen alle Reisenden ein dreiseitiges Formular ausfüllen und angeben, wo sie sich für die nächsten zwei Wochen in Quarantäne begeben. Das ist seit Mitte Juni Pflicht.

Am 15. Juli herrschte am Dortmunder Flughafen nach vier Monaten des Beinahe-Stillstands wieder eine wachsende Betriebsamkeit. Eine Temperaturkontrolle, wie sie auf dem Flugticket in Aussicht gestellt wurde, fand bei den Reisenden nach London-Stansted nicht statt.

Vor dem Boarding wurde die Maschine desinfiziert. Als dann die Fluggäste einstiegen, blieb etwa die Hälfte der Sitze leer – nicht aus Sicherheitsgründen sondern wegen der noch geringen Nachfrage. Es galt eine strikte Maskenpflicht.

Reisen in Corona-Zeiten: Dortmunder berichtet aus England

Wahrzeichen der Stadt Norwich im Osten von England ist das Schloss. Von hier aus regierte William der Eroberer im 11. Jahrhundert das Land. Heute enthält es ein Museum der britischen Geschichte von den Wikingern bis zu den Weltkriegen. © Marc D. Wernicke

Die Ankunft am Flughafen Stansted circa 30 Kilometer nordöstlich von London hinterließ gemischte Gefühle.

Einerseits gestaltete sich der Weg durch die Passkontrolle zum Taxi-Treffpunkt kaum anders als noch Ende Februar, vor dem „Weltuntergang“, wie es der Fahrer ironisch nennt.

Anderseits wirkte es unheimlich, am viertgrößten Airport Großbritanniens nur etwa halb so viele Menschen zu sehen. Auch hier fanden bei den Ankommenden aus Dortmund keine Temperaturkontrollen statt.

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Nach zwei Stunden Taxifahrt vorbei an Feldern, Wäldern und drei Fliegerhorsten der Royal Air Force erreichte der Dortmunder die neue Heimat: Die Stadt Norwich im Osten Englands ist mit circa 142.000 Einwohnern etwa ein Viertel so groß wie Dortmund.

Reisen in Corona-Zeiten: Dortmunder berichtet aus England

Der Markt im Zentrum von Norwich ist vergleichbar mit dem Hansaplatz in Dortmund. Viele Briten sind auch im Freien mit Maske unterwegs. © Marc D. Wernicke

Einen See, Industriedenkmäler oder einen Fernsehturm gibt es hier nicht – dafür ein echtes Mittelalterschloss, eine römische Stadtmauer und ein Fußballteam, das auch schon gegen den BVB gespielt hat. Den Verbleib in der Premier League konnte der „Norwich City F.C.“ unter dem früheren Borussia-Trainer Daniel Farke in dieser Saison jedoch nicht verteidigen.

In der Innenstadt von Norwich – „Norritsch“ gesprochen – tummeln sich auch während der Corona-Pandemie viele Briten unbeschwert – wenn auch im Freien deutlich öfter mit Maske als es in Deutschland zu beobachten ist.

Eine Maskenpflicht in Geschäften gilt hier erst seit dem 24. Juli. Ein Mann schützte sich sogar mit einer Feuerwehrmaske und erntete damit in der Warteschlange vor einer Bank kaum neugierige Blicke.

Regierung in der Kritik

Während in England die gesamtbritische Regierung unter Premierminister Boris Johnson scharfe Kritik für verspätete Maßnahmen und schwache Kommunikation erntet, haben die Lokalregierungen in Wales und Schottland besonnener gehandelt. Dort müssen inzwischen sogar Reisende aus England in Quarantäne.

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Einig sind sich die Briten in ihrer Dankbarkeit für die Ärzte und Pflegekräfte des Nationalen Gesundheitsdienstes, die in zahlreichen Fensterplakaten in Haushalten und Geschäften ihren Ausdruck findet. „Keep calm and carry on“ – bleibt ruhig und macht weiter – ist das Motto vieler hier, wie schon vor 80 Jahren.

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