Mit zunehmendem Druck wollen die Sicherheitsbehörden in Dortmund die Clan-Kriminalität zerschlagen. Die Clans wehren sich und bedrohen Polizisten und Mitarbeiter der Stadtverwaltung.

Dortmund

, 28.07.2018, 04:30 Uhr / Lesedauer: 6 min

Drogenhandel, Prostitution, Gewalt, Geldwäsche und der Zugang zu Waffen: Polizei, Stadtverwaltung und Zoll haben es in etlichen Schwerpunkteinsätzen gegen die Clan-Kriminalität in Dortmund mit ernst zu nehmenden Gegnern zu tun. Die Polizei erkennt „massive Gewaltanwendungen“ bei Revierkämpfen unter Libanesen und Kurden. Verbindungen der Kriminellen reichen in den Libanon, nach Südamerika, Belgien, Italien und in die Schweiz. Kontakte gibt es auch zum berüchtigten Miri-Clan in Berlin sowie auf der Führungsebene zu Dortmunder Bandidos-Rockern. Allein zwischen Januar und Juli 2018 war die Polizei mit 150 Einsätzen auf den Straßen, in Cafés, Teestuben, Shisha-Bars, Wettbüros und anderen Etablissements unterwegs - mit einem ehrgeizigen Ziel: „Wir wollen diese kriminellen Strukturen langfristig zerschlagen.“

Clans sind nervös geworden

Diese Ansage von Polizeipräsident Gregor Lange und die ständigen Nadelstiche bei den Kontrollen vor allem in der Dortmunder Nordstadt haben Reaktionen ausgelöst: Polizisten sind in ihrem Privatleben bedroht worden. Clan-Mitglieder lauerten Mitarbeitern der Verwaltung an einem Eingang am Stadthaus auf. So einen Fall hat es jüngst auch beim Landeskriminalamt in Berlin gegeben. Die Polizei in Dortmund reagierte mit „Gefährderansprachen“ und in einem Fall auch mit vorübergehendem Freiheitsentzug in einer Zelle des Polizeigewahrsams.

Der stellvertretende Landesvorsitzende des Bundes deutscher Kriminalbeamter (BdK) in NRW, Oliver Huth, sagte, dass gegen die organisierte Kriminalität eingesetzte Ermittler alles dafür tun müssten, um ein Eindringen der Täter in ihr Privatleben zu verhindern. Bedrohungen gegen Polizeibeamte und auch Staatsanwälte würden zum Beispiel vor, während und nach Gerichtsterminen ausgesprochen. Oliver Huth: „Da fallen Sätze wie ,Wir wissen, wo du Fußballtrainer bist‘. Aber mir ist kein Fall bekannt, bei dem ein Ermittler nachgegeben hat.“

Dortmunder Polizei will die Clan-Kriminalität zerschlagen

Polizeipräsident Gregor Lange: „Wir wollen diese kriminellen Strukturen langfristig zerschlagen.“ © Peter Bandermann

Die Polizei hat in Dortmund nicht nur ihren Druck gegen die Clans erhöht, sondern auch die Kommunikation mit den Bürgern verstärkt. Obwohl die Einsätze in einen Bereich hineinragen, über dem bislang der Mantel des Schweigens lag. An Informationen des Kommissariats gegen organisierte Kriminalität (OK) war nur selten heranzukommen. Inzwischen berichtet das Polizeipräsidium nahezu wöchentlich über die Ergebnisse der Kontrollen, an denen auch das OK-Kommisssariat beteiligt ist. Eine vorläufige Bilanz für das Jahr 2018, gültig bis Ende Juli:

  • 150 Schwerpunkteinsätze
  • mehr als 1000 Personen überprüft
  • mehr als 70 Platzverweise
  • mehr als 70 Strafanzeigen
  • in 40 Fällen: Freiheitsentzug (Ingewahrsamnahmen, Haftbefehle)

Die langfristige Bilanz fällt noch wuchtiger aus: Ermittlungen des OK-Kommisssariats haben in den vergangenen drei Jahren 60 führende Köpfe aus dem Milieu für insgesamt 244 Jahre hinter Schloss und Riegel gebracht. In den Jahren 2014 und 2015 endeten die Ermittlungen der Polizei gegen 115 Drahtzieher. Betroffen waren auch Köpfe aus dem bundesweit aktiven Miri-Clan, der in Dortmund den Drogenhandel dominiert. Die Gerichte verurteilten die Täter zu langen Haftstrafen - 502 Jahre kamen zusammen. Das sind Ergebnisse langwieriger Ermittlungen, über die während der Recherchen kein Wort öffentlich verloren werden durfte, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Der Polizeipräsident: „Ergebnisse sieht man in diesem Bereich nie sofort. Hier zahlt sich Geduld aus.“ Kaum waren die Bosse in Haft, tauchten neue Probleme auf.

Kampf um Marktanteile im Drogenhandel

Führende Köpfe der kriminellen Szene verschwanden mit den Haftstrafen von der Bildfläche. In der Nordstadt entstand ein Vakuum. Konkurrenten des Miri-Clans witterten ihre Chancen und wollten dem geschwächten Gegner lukrative Marktanteile im Kokain- und Marihuana-Verkauf streitig machen. Es kam zu Revierkämpfen mit Waffengewalt:

  • Am 15. Mai 2015 wurde auf der Stahlwerkstraße im Borsigplatzviertel am helllichten Tag unter 50 bis 60 Beteiligten ein Bandenkrieg ausgetragen. Angreifer und Gegner waren mit Macheten bewaffnet. Anschließend sprachen Kurden konkurrierenden Libanesen „Straßenverbote“ aus.
  • In der Nacht zum 22. Februar 2017 feuerte ein Täter mehrere Schüsse auf die „Bar Cardi“-Lounge in der Stahlwerkstraße ab. Verletzte gab es nicht, doch die Munition verfehlte Besucher der Bar nur knapp. Vorher hatte es einen Angriff auf einen Rapper aus einem verfeindeten Clan gegeben.

Die Polizei sieht sich als Mitverursacher solcher Revierkämpfe. „Wir sind uns einig, dass wir vorher in ein Wespennest gestochen haben“, kommentiert Polizeipräsident Gregor Lange (56) die Reaktionen, nachdem führende Clan-Köpfe festgenommen worden waren. Der Jurist: „Das hat zu Machtkämpfen geführt - und wir haben mit starker Präsenz und immer mehr Ermittlungen reagiert.“ Diese Einsätze bilden einen Schwerpunkt der Dortmunder Polizei. Und sie führen nicht nur in die Nordstadt, denn der Druckaufbau in wenigen Quartieren dieses Bezirks führte zu einem Verdrängungseffekt. „Das verteilt sich in alle Himmelsrichtungen“, sagt ein Kriminalpolizist.

Poser-Videos mit Waffen

Noch vor der Polizei wählten die kriminellen Banden eine neue Form der Öffentlichkeitsarbeit. Zuvor waren sie ebenso lichtscheu wie die OK-Ermittler im Präsidium. Aus dem Clan-Milieu stammende Rapper stellten sich und ihre Werte ins Rampenlicht. Sie posierten mit Pistolen und Maschinengewehren für professionell geschnittene Musikvideos und mimten mit teuren Autos und anderen Luxusgütern den erfolgreichen Aufsteiger aus dem Untergrund. Die schnell und rhythmisch für Youtube, Facebook und Instagram vertonte Botschaft: „Bist du kriminell, hast du Erfolg.“ Erfolg, den die Aufsteiger im lukrativen Drogen-Business mit Luxus zur Schau stellen. Zu erkennen am Straßenrand: Teure Autos deutscher Hersteller sind das Statussymbol Nummer 1. Das sind Autos, die sich in der Nordstadt sonst kaum jemand leisten kann.

Rap als Promotion und Provokation

„Die arbeiten in der Musik mit sehr bewusst eingesetzter Sprache und genau gewählten Bildern“, berichtet ein OK-Ermittler, der seinen Namen aus Sicherheitsgründen nicht nennt. Mal seien die im Internet veröffentlichten Videoclips eine Provokation gegen Rapper aus dem anderen Lager. Mal aber auch Promotion - nicht nur für den Verkauf der Titel, sondern auch um Nachwuchs für die kriminellen Machenschaften anzuwerben. Für den Absatz von Kokain und Marihuana braucht der Vertrieb permanent „Läufer“, die mit mehreren Mobiltelefonen und Ortskenntnissen über Fluchtwege ausgestattet werden, die Kommunikation zu den Kunden pflegen, die Ware vom Depot zum Abnehmer bringen und den Lohn einkassieren.

Die Einnahmen aus dem Drogenverkauf investieren die Clans im Rotlicht-Milieu, in den Kokain-Kreislauf und in Vertriebsstrukturen. So ist die Vielzahl der Shisha-Bars, Wettbüros und anderer Lokale im gesamten Stadtgebiet zu erklären. Eigens eingerichtete Wettbüros dienen dazu, das eingenommene Bargeld aus dem Drogenverkauf für Sportwetten einzusetzen und die Gewinne aus dem Kokainverkauf als Wettgewinne zu tarnen. Bei fast allen Kontrollen überprüft die Polizei auch Shisha-Bars. Denn „mit einer Shishabar allein kann niemand viel Geld verdienen“, erläutert der Kriminalhauptkommissar aus dem OK-Kommissariat das Geschäftsmodell, „aber die Bar ist nützlich als Treffpunkt und Rückzugsraum.“ Bei den Kontrollen, im Polizeijargon auch „Stubendurchgang“ genannt, treffen die Polizisten nicht nur Shisha-Tabak-Konsumenten an - sie sind mittendrin im kriminellen Milieu und stehen bei Kontrollen auch vor bekannten Gesichtern mit langen Vorstrafenregistern.

Der an den Schwerpunkteinsätzen beteiligte Zoll hat in den Shisha-Bars ebenfalls eine hohe Trefferquote: Den häufig mit Chemikalien gestreckten Wasserpfeifentabak versteuern Händler eher selten. Die Stadtverwaltung Dortmund ist mit Jugendschutz- und Gewerbekontrollen sowie mit der Bauaufsicht dabei - manch eine Shishabar wurde geschlossen. 2018 wurden 66 Ordnungsverfügungen erlassen, teilt die Stadt Dortmund mit. Immer zielen die Kontrollen auch auf den Nichtraucherschutz ab.

Behörden erhöhen den Druck

Polizei, Zoll und mehrere Ämter der Stadtverwaltung arbeiten seit sechs Jahren zusammen. „Wir haben das jetzt kultiviert und marschieren in eine Richtung“, sagt Polizeipräsident Gregor Lange über die Kooperation, die aktuell immer mehr Druck aufbaut. „Konsequente Maßnahmen“ hätten bereits „Verunsicherungen“ ausgelöst. Von den Reaktionen der Clans betroffen seien vor allem die Streifenteams der Nordstadt-Wache. Der OK-Ermittler: „Für die muss ich eine Lanze brechen. Die stehen diesen Leuten täglich gegenüber und erleben das Problem aus unmittelbarer Nähe.“ Die Clans reagierten unkooperativ, provokant und mit Drohgebärden. „Aber wir ziehen uns nicht zurück und halten nicht still. Denn die Lage ist noch nicht befriedet. Wir müssen sehr wachsam sein“, sagt der Kriminalhauptkommissar.

„Ohne Ausdauer wachsen die Probleme“

Das Auftreten der Szene gegenüber der Polizei sei abhängig vom Auftreten der Beamten gegenüber der Szene. Die Botschaft der Clans: „Wenn die Polizei mit Verstärkung kommt, dann holen wir auch Verstärkung.“ Gregor Lange: „Davon lassen wir uns nicht beeindrucken, im Gegenteil: Unsere Kontrollen werden dann noch kleinteiliger. Wir müssen ausdauernd dran bleiben, weil sonst die Probleme wachsen.“

Laut Polizei gibt es in Dortmund mehrere Clans in unterschiedlichen Größen mit streng hierarchisch aufgebauten Strukturen. Mit präzisen Angaben über die Zahl der Clans und ihrer Mitglieder und ihren genauen Orten hält sich die Polizei zurück. Nur so viel: Die Mehrheit der Mitglieder hat ausländische Wurzeln im Libanon, in Syrien und in der Türkei. Türkische Kurden mischen ebenfalls kräftig mit. Manche sind in Deutschland geboren und aufgewachsen und besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft. Seit vielen Jahren tritt in Dortmund der Miri-Clan als Platzhirsch auf. Berlin, Bremen und neben Dortmund auch weitere Ruhrgebietsstädte sind lukrative Märkte für seine Prostitutions-Geschäfte inklusive Drogenhandel und Schutzgelderpressung. Je nach Region gibt es auch „Beziehungen“ zu Rockerbanden. Was nach Absprachen mit Rockern in Bremen funktioniert, müsse nicht zwingend in Dortmund gelingen, berichtet der OK-Ermittler. Das Verhältnis zwischen den Miris in Dortmund und einer Rockerbande in der Stadt lasse sich als friedliche Koexistenz beschreiben.

Expansion ist das tägliche Geschäft

Stets bewegen sich die Clans in einer „Größenordnung, mit der sie in der Lage sind, ihr Machtbestreben durchzusetzen“, erklärt der Ermittler. Die Expansion sei das tägliche Geschäft. Dazu gehören auch Revierkämpfe auf offener Straße. Die Polizei muss in solchen Fällen innerhalb weniger Sekunden reagieren können und mit Gewalt und Gefangenenbefreiungen rechnen. Die Kontrollen seien nicht ungefährlich. Der Kriminalhauptkommissar: „Nach Durchsuchungen wissen wir, dass sie Zugang zu Waffen haben.“

Mitglied eines Clans zu sein, ist nicht verboten. Der Polizeipräsident: „Verboten ist es aber, in organisierten Strukturen systematisch das Gesetz zu unterwandern. Wir machen Kriminellen mit allen zulässigen Mitteln klar, dass sie unsere Rechtsordnung einzuhalten haben.“

Im Jahr 2017 ermittelte die Polizei allein in der Ermittlungskommission Nordstadt in 2208 Verfahren gegen 2795 Tatverdächtige. In 1273 Fällen ging es dabei um Rauschgift-Kriminalität. Die Polizei erwirkte 73 Haftbefehle. Diese hohen Zahlen sind fast ausschließlich auf eigene Ermittlungen zurückzuführen.
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