Dortmunder Raumplaner sind dem Klimarisiko auf der Spur

Klimaveränderungen in Europa

Die Passstraße war holprig und seit der letzten Überflutung schwer befahrbar: Stefan Greiving, Professor am Institut für Raumplanung der TU Dortmund, war im Einzugsgebiet des Flusses Theiß zwischen der Ukraine und Rumänien unterwegs. Er kam kaum voran. Und eigentlich hätte er es ahnen können. Denn Greiving entwickelt Landkarten der besonderen Art.

DORTMUND

von Von Andreas Bäumer

, 27.10.2011, 14:48 Uhr / Lesedauer: 2 min
Bei dem Hochwasser in Dortmund 2008 waren vor allem die westlichen Stadtteile betroffen. Die Forscher untersuchen unter anderem, wie empflindlich eine Region für Hochwasserereignisse ist.

Bei dem Hochwasser in Dortmund 2008 waren vor allem die westlichen Stadtteile betroffen. Die Forscher untersuchen unter anderem, wie empflindlich eine Region für Hochwasserereignisse ist.

Auf den Karten verzeichnen Greiving, der Experte für digitale Karten Dr. Christian Lindner und Kollegen Risiken in allen Regionen Europas. Die Forschergruppe hat beispielsweise das aktuelle Risiko von Überschwemmungen und von möglichen Chemieunfällen abgebildet. Die Theiß-Region taucht nun als schwarze Fläche auf der Karte auf. Das bedeutet sehr hohe natürliche und technische Risiken.

Gleichzeitig möchten die Wissenschaftler aber auch in die Zukunft blicken. Dazu haben sie kartiert, wie Regionen mit dem Klimawandel umgehen können. Hier errechnete der Computer für die Theiß-Region zusätzlich einen tiefroten Fleck. Das bedeutet: Auch gegenüber dem Klimawandel ist das Gebiet im europäischen Vergleich besonders verletzlich. Die Karten sollen der europäische Raumentwicklungspolitik eine wissenschaftliche Basis geben. Diese kann Gelder wie für Tourismusförderung oder Straßenbau nämlich nicht nach dem Prinzip Gießkanne verteilen.Greiving nennt ein Beispiel aus Deutschland: "Mit fortschreitendem Klimawandel könnte es sinnlos werden, den Ski-Tourismus im Sauerland zu fördern."

Unterstützt wird die Raumplanung in der EU vor allem vom "Europäischen Beobachtungs-Netzwerk zur Raumentwicklung und Kohäsion" (ESPON). ESPON ist ein überwiegend von der EU mit insgesamt 47 Millionen Euro finanziertes Forschungs-Programm. Neben der EU berät es auch Regionen und Kommunen. Beim Teilprojekt ESPON Klima wirken neben den Dortmunder Raumplanern als Leitpartner noch zwölf Institute aus elf Ländern mit.

Für ihren Blick in die geografische Zukunft nehmen die Forscher Modelle zum Klimawandel, kombinieren ("verschneiden") sie mit ökonomischen, ökologischen und sozialen Daten zur Empfindlichkeit und Anpassungsfähigkeit der Regionen. Wie empfindlich ein Gebiet für Hochwasserereignisse ist, hängt davon ab, wie viele Menschen dort leben und wie stark es bebaut ist. Um anpassungsfähig zu sein, müssen Frühwarnsysteme und ein intakter Zivilschutz existieren. Aus allem zusammen ergibt sich dann, wie "verletzlich" eine Region ist.Stark erhöhte Durchschnittstemperaturen

Der Faktor Klimawandel spielt dabei, je nach Region, eine andere Rolle. So werden sich die Durchschnittstemperaturen im südlichen Zentraleuropa in den nächsten 60 Jahren wahrscheinlich stark erhöhen – um etwa 3,5 Grad. Die Niederschlagsmenge wird gleichzeitig stark abnehmen. In Nordwest-Europa wird sich beides nur moderat verändern. Das alles sind jedoch nur Projektionen. Für seine eigenen Fahrten in der Theiß-Region hätten Stefan Greiving die warnenden Flecken auf den Karten daher nur bedingt helfen können: "Hier kann man zwar ablesen, dass die Region künftig höchstwahrscheinlich stark vom Klimawandel betroffen sein wird. Ob die Region noch andere Probleme haben wird, kann man daraus nicht ablesen. Und ob ein Pass zu einem bestimmten Zeitpunkt befahrbar sein wird, auch nicht."  

Das Theiß-Einzugsgebiet in Rumänien
Das Theiß-Einzugsgebiet liegt in Rumänien und seinen Nachbarländern Ukraine, Ungarn, Slowakei und Serbien. Hier leben 14 Millionen Menschen, die schon jetzt unter Trockenperioden und Überflutungen leiden. Wahrscheinlich wird der Klimawandel die Probleme verstärken. In Deutschland kennen viele die Region aus Medienberichten über dramatische Chemieunfälle. Zuletzt waren im Jahr 2000 nach einem Starkregen 150 000 Kubikmeter giftige Cyanid-Abwässer aus einer Goldmine in die Theiß gelangt. 

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