Michael Draeger vom Reisecafé Stoffregen kämpft seit dem Beginn der Pandemie um die Rettung der Reisebüros. Vielen drohe jetzt die Insolvenz, sagt er. Der Grund seien fatale Regelungen zur Überbrückungshilfe II. © Schaper
Überbrückungshilfe

Dortmunder Reisebüros in Angst: „Das ist ein Genickschuss“

In Dortmund droht vielen Reisebüros die Insolvenz. Die Überbrückungshilfe II hilft nicht, sondern sorgt für den Ruin, sagt Michael Draeger vom Reisebüro Stoffregen. Eine Regelung sei fatal.

Seit Beginn der Corona-Pandemie und dem ersten Lockdown im März/April kämpft Michael Draeger um staatliche Hilfen für die Tourismusbranche. Als einer der Hauptorganisatoren hat der Filialleiter des Reisebüros Stoffregen an der Kampstraße im Sommer die bundesweiten Demos zur Rettung der Reisebüros mit organisiert.

Anders als andere Branchen, so sagt er zum wiederholten Male, haben Reisebüros nicht nur keine Einnahmen, sondern immense Ausgaben für Provisionsrückzahlungen oder Stornogebühren.

„Wir leben von den Provisionen, das sind unsere Einnahmen. Anders als andere Branchen mussten wir das Geld aus dem staatlichen Konjunkturpaket dazu verwenden, die Provisionen für die vielen ausgefallenen Reisen im vergangenen Jahr zurückzuzahlen. Auf der Haben-Seite hatten wir also nichts davon. Und jetzt wird uns bei der Überbrückungshilfe II ganz übel mitgespielt“, sagt Michael Draeger.

Aufreger ist eine Mitte Dezember formulierte EU-Beihilferegelung, die unter Punkt 4.16 zur Überbrückungshilfe aufgenommen worden ist. „Danach können wir lediglich Fixkosten wie Büromiete, Strom und Heizung geltend machen. Das heißt, wenn ich tatsächlich mal eine Reise verkauft habe, wird die Provision dafür berechnet und meine Fixkosten senken sich wieder. Das ist ein Genickschuss“, so Michael Draeger.

Ein KfW-Kredit wird quasi als Einnahme gewertet

Und als sei das nicht schon verheerend genug, verweist er auf eine weitere Passage im Text zur Umsetzung der Überbrückungshilfe: „Wenn jemand einen KfW-Kredit aufgenommen hat, um sein Reisebüro über Wasser zu halten, dann ist auch dieser Kredit nicht anrechnungsfähig. Er wird – und das ist kein Scherz – als Einnahme gewertet.“

Michael Draeger kennt viele Kolleginnen und Kollegen in Dortmund und Umgebung, die – wie er – gerade schlaflose Nächte haben. Und er kennt vor allem auch Reisebüros, die einen Kredit über 100.000 Euro aufgenommen haben. Ein Inhaber ist bereit darüber zu reden – allerdings anonym.

„Für den KfW-Kredit über 100.000 Euro“, sagt der Chef eines kleinen, fünfköpfigen Reisebüros, „haften die GmbH und ich sogar privat. Und das wird gewertet, als hätte ich die 100.000 Euro vereinnahmt. Wenn das so bleibt, müssten wir 52.000 Euro zurückzahlen – und hätten wegen der verbleibenden 48.000 Euro keinen Anspruch auf das Überbrückungsgeld III für die Zeit von Januar bis Juni.“

Um seine Liquidität in diesem neuen Jahr 2021, in dem nur mit einem Drittel des Umsatzes von 2019 zu rechnen sei, zu sichern, müsste der anonyme Reisebüro-Besitzer weitere 100.000 Euro aufnehmen. „Die könnte ich gar nicht zurückzahlen. Das geht nicht. Dann müsste ich zu machen und wäre arbeitslos“, sagt er.

SPD-Politikerin: „Sorgen sind unbegründet“

Übereinstimmend mit Michael Draeger formuliert er eine Forderung an die Politik und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU): „Es müssen unsere echten Verluste geltend gemacht werden können und Kredite müssen bei der Berechnung der Überbrückungshilfe ausgeklammert werden.“

In Berlin hat sich die Dortmunder Bundestagsabgeordnete und stellvertretende wirtschaftspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Sabine Poschmann, am Donnerstag um die Befürchtungen der Reisebüros gekümmert.

Am Nachmittag teilte sie auf eine Anfrage der Redaktion mit: „Nach bisherigen Informationen sind die Sorgen unbegründet. Provisionen und Margen gelten weiterhin als Fixkosten. Ich bemühe mich aktuell um eine schriftliche Bestätigung durch den Wirtschaftsminister. Grundsätzlich werden Reisebüros bei den Überbrückungshilfen nicht anders behandelt als andere Branchen.“

Über den Autor
Redaktion Dortmund
Nach mehreren Stationen in Redaktionen rund um Dortmund bin ich seit dem 1. Juni 2015 in der Stadtredaktion Dortmund tätig. Als gebürtigem Dortmunder liegt mir die Stadt am Herzen. Hier interessieren mich nicht nur der Fußball, sondern auch die Kultur und die Wirtschaft. Seit dem 1. April 2020 arbeite ich in der Stadtredaktion als Wirtschaftsredakteur. In meiner Freizeit treibe ich gern Sport: Laufen, Mountainbike-Fahren, Tischtennis, Badminton. Außerdem bin ich Jazz-Fan, höre aber gerne auch Rockmusik (Springsteen, Clapton, Santana etc.).
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Peter Wulle

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