Scheinfirmen locken Zuwanderer mit falschen Versprechen ins Ruhrgebiet

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12 Jahre nach dem EU-Beitritt Bulgariens und Rumäniens reagiert Dortmund besser auf Zuwanderung. Integration ist schwierig, aber möglich. Betrügerische Firmen stehen auf schwarzen Listen.

Dortmund

, 19.03.2019, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Im Mai 2019 wählt Europa ein neues Parlament. Bulgarien und Rumänien sind dann seit 12 Jahren Mitglieder der Union. Seit 2007 verlassen immer mehr Bürger beider Länder ihre Heimat, weil sie im eigenen Land keine Perspektiven sehen und in Westdeutschland auf eine bessere Zukunft hoffen. Ende 2018 hatten fast 4000 Bulgaren ihren Wohnsitz in Dortmund. Ihre Lebensumstände haben sich im Vergleich zu den ersten Jahren nach dem EU-Beitritt Bulgariens insgesamt verbessert. Die aktuelle Lage auf dem Arbeitsmarkt leistet einen wichtigen Beitrag. Doch Armut und Integrationsprobleme gibt es immer noch.

Kein Ausruhen in der sozialen Hängematte

In den goldenen Westen übersiedeln und in der sozialen Hängematte ausruhen? „Das verneine ich vehement“, sagt Heike Bettermann vom Dortmunder Jobcenter, „für diese Stadt kann ich sagen: Das ist nicht so.“ Sie leitet im Jobcenter den Bereich „Markt & Integration“.

Heike Bettermann leitet im Jobcenter Dortmund den Geschäftsbereich „Arbeitsmarkt-Integration".

Heike Bettermann leitet im Jobcenter Dortmund den Geschäftsbereich „Arbeitsmarkt-Integration". © Peter Bandermann

Bei einem Besuch unserer Redaktion im Jahr 2011 in der bulgarischen Stadt Plovdiv hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass ein Leben in Deutschland leichter sei, weil der Staat bereitwillig zahle. Im März 2019 haben wir wieder vor Ort recherchiert. Das Gerücht gibt es immer noch.

Gefälschte Arbeitsverträge

Der Plan soll so einfach sein: bei einer Scheinfirma einen Arbeitsvertrag unterschreiben, nach sechs Monaten die Kündigung erhalten und dann bequem Sozialhilfe kassieren. „Ja, es gab diese Geschäftsmodelle“, sagt Heike Bettermann. Doch nachdem 2016 in Bremerhaven 1200 gefälschte Arbeitsverträge aufgeflogen waren, organisierten Behörden eine enge Zusammenarbeit.

An „runden Tischen“ in Dortmund saßen Jobcenter, Stadtverwaltung, Zoll, Staatsanwaltschaft und Polizei. Sie sollten Betrugsversuche früh erkennen. Hauptzollamt und Jobcenter stimmen sich einmal pro Woche ab. Inzwischen gibt es eine „schwarze Liste“ mit verdächtigen Firmen. Wie lang ist die Liste mit den Scheinfirmen? Wer steht drauf? Wie erkennt das Jobcenter einen Verdachtsfall?

Zusammenarbeit mit anderen Städten

Andreas Kaufmann schweigt dazu. Der Leiter der „Stabsstelle Leistung und Qualitätssicherung“ lässt sich nicht in die Karten gucken. Denn die Täter im Hintergrund seien kreativ und lernfähig. „Probleme bereiten uns nicht die Zuwanderer selbst, sondern die Hintermänner. Durch Kontrollen wollen wir die Probleme nicht verdrängen, sondern lösen. Deshalb arbeiten wir auch mit anderen Städten zusammen“, sagt Andreas Kaufmann. In ganz Deutschland ist der Spezialist als Referent gefragt.

Andreas Kaufmann leitet im Dortmunder Jobcenter die Stabsstelle „Leistung und Qualitätssicherung."

Andreas Kaufmann leitet im Dortmunder Jobcenter die Stabsstelle „Leistung und Qualitätssicherung." © Peter Bandermann

Der Außendienst des Jobcenters und der Zoll besuchen verdächtige Firmen. Um herauszufinden, ob Briefkastenfirmen agieren und nicht nur nach Aktenlage zu entscheiden. Aufgefallen waren nicht nur verschiedene Firmennamen, sondern auch das Auftreten dubioser Personen. Sie schickten stets die selben Dolmetscher mit aufs Amt. Seit das Jobcenter verdächtige Firmen aufsucht, Spezialisten über Neuanträge entscheiden und eigene Dolmetscher übersetzen, haben es die Betrüger viel schwerer, um an Sozialleistungen heranzukommen.

Mit falschen Versprechen nach Dortmund gelockt

Häufig würden die Antragsteller nur vorgeschoben. Hintermänner würden die Hand aufhalten und abkassieren. Zurück blieben mit falschen Versprechen nach Deutschland gelockte Menschen. „Da kommt keiner umsonst nach Dortmund“ sagt Andreas Kaufmann.

Heike Bettermann sagt: „Diese Menschen wollen wir nicht hängen lassen. Mit Sprachkursen, Qualifikation und guten Arbeitsverträgen wollen wir vor Schwarzarbeit schützen und stellen fest: Die allermeisten Zuwanderer wollen einer ordentlichen Arbeit nachgehen.“ An einem Bewerbertag im Büro „Willkommen Europa“ in der Nordstadt konnten Arbeitgeber und Arbeitnehmer 20 Verträge abschließen.

Fallzahlen für das Jahr 2018 wertet das Jobcenter gerade aus. Belastbare Aussagen über Betrug und Betrugsversuche gibt es noch nicht.
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