Nashörnern wie Seniorin Natala und anderen Großtieren im Dortmunder Zoo droht der Therapienotstand, wenn zur tiermedizinischen Behandlung eine Narkose notwendig wird. © Foto Marcel Stawinoga/Zoo Dortmund
Tierarzneimittelgesetz

Dortmunder Zootierärztin: „Wir essen unsere Tiere nicht“

Ein neues Gesetz soll die Arzneimittelgabe für Tiere regeln. Doch den Tieren des Dortmunder Zoos droht damit eine schlechtere medizinische Versorgung - und im schlimmsten Fall der Tod.

Wenn die Dortmunder Zoo-Tierärztin Dr. Christine Osmann große Tiere wie Nashörner, Giraffen oder-Orang Utans mit einem Blasrohr-Pfeil betäuben will, braucht sie ein hoch konzentriertes Narkotikum, damit es in der kleinen pfeilgängigen Menge wirkt.

Doch sollte das neue Tierarzneimittel-Gesetz so beschlossen werden wie geplant, wird Dr. Osmann – wie andere Tierärzte in deutschen Zoos – auch die passenden Anästhetika nicht mehr zur Verfügung haben.

„Wenn ich diese Tiermedikamente nicht habe, muss ich die Tiere in letzter Konsequenz sterben lassen oder statt einmal zehnmal mit dem Blasrohr oder dem Betäubungsgewehr schießen, was nicht geht und auch mit Blick auf den Tierschutz nicht angemessen wäre“, erläutert Osmann.

Ist ein Tier krank, dann wird es behandelt. „Das klingt so einfach, ist aber sehr komplex“, sagt die Veterinärin. Gerade die großen Huftiere wie Gaur, Zebras und große Antilopen in Narkose zu versetzen, sei für Zootier-Mediziner ein heikles Unterfangen; denn sie kann man nicht einfach festhalten, sondern muss sie aus sicherem Abstand betäuben, sprich mit Gewehr und Blasrohr und dem passenden Narkotikum.

Schnell und schonend in den Tiefschlaf

Schon um ein großes Tier zu bergen, müsse man es schnell in den Tiefschlaf versetzen. Das hochkonzentrierte Narkotikum, beziehungsweise unerlässliche Bestandteile, seien notwendig, um den Patienten möglichst zu schonen, aber auch um die Zoomitarbeiter vor halb betäubten Großtieren zu schützen, so Osmann, „schließlich ist es sehr gefährlich, was wir machen.“

Zoo und Zoo-Veterinäre laufen deshalb Sturm gegen das neue Gesetz, das am Donnerstag (24.6.) und Freitag in zweiter und dritter Lesung im Bundestag behandelt werden soll und die Zoo-Tierärzte offenbar übersehen hat. Verantwortlich für den Gesetzesentwurf ist das CDU-geführte Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) unter Julia Klöckner.

Bislang konnten sich die Zoo-Tierärzte noch irgendwie durchwurschteln. Osmann: „Wir bewegen uns schon lange in einer Grauzone und haben auf das neue Tierarzneimittel-Gesetz gehofft.“ Denn bereits seit ein paar Jahren dürfen keine Arzneimittel mehr aus Staaten außerhalb der Europäischen Union eingeführt werden.

Import nur aus Drittländern

Doch die speziellen Präparate, die wegen der großen Bandbreite der Tierarten im Zoo gebraucht werden, kommen aus diesen sogenannten Drittländern.

„Bei den dringend notwendigen Importen aus Drittländern liegt der besondere Fokus auf dem Etorphin, einem Opioid, dessen potente Wirkung die Immobilisierung großer Huftiere für diverse Eingriffe erst möglich macht“, erklärt Dr. Osmann.

Nach dem aktuellen Gesetzentwurf aber bliebe der Arzneimittel-Import aus Drittstaaten auch in Zukunft untersagt. Nicht wegen ihrer Eignung, die fachlich überhaupt nicht zur Diskussion steht, sondern allein wegen ihrer Herkunft dürften sie mit der Gültigkeit des neuen Gesetzes nicht nach Deutschland eingeführt werden.

Therapienotstand in Europa

Noch hat Dr. Osmann Restbestände. „Wir teilen uns die hochpotenten Mittel ein. Aber wir kriegen nichts mehr.“ Sie versuche, auch andere Medikamente einzusetzen, „aber das ist nicht immer zielführend“.

Auf europäischer Ebene wird ab dem 1. Januar deshalb der sogenannte Therapienotstand anerkannt werden, wonach bei Arzneimitteln ohne Alternativen aus EU-Ländern doch auf Produkte aus Drittländern zurückgegriffen werden darf. „Das ist ein echter Notstand“, betont die Dortmunder Zoo-Tierärztin. In Deutschland aber soll diese Ausnahmeregelung nach dem Gesetzentwurf nicht greifen.

Und das ist nicht das einzige Problem der Zoos mit dem neuen Gesetz. Denn danach gelten einige Zootiere – schweine- und rinderartige – wie Protestschweine und Pinselohrschweine beziehungsweise Wisente, Yaks und Bisons als potenzielle Lebensmittel. Sie dürfen deshalb nur mit Medikamenten behandelt werden, die für Nutztiere zugelassen sind, die später auf dem Teller landen. Diese Medikamente sind aber bei Zootieren oft nur von beschränkter Wirkung.

Bestmögliche Behandlung bleibt verwehrt

Vielen Zootieren bliebe damit die bestmögliche Behandlung verwehrt. Osmann: „Wenn ich ein Gaur oder ein Yak habe mit Schmerzen durch Arthrose, muss ich überlegen, was ich ihm jetzt gebe. Dabei essen wir doch unsere Tiere nicht.“

Warum sehe der Gesetzentwurf nicht eine Ausnahmeregelung vor, fragt Osmann, wie es sie längst für Pferde und Kaninchen gibt, mit der Besitzer ihre Tiere als „nichtlebensmittelliefernd“ einstufen lassen können.

„Uns Zootierärzten sind die Hände gebunden“, sagt Christine Osmann, „entweder wir behandeln die Tiere tierschutzkonform nach den besten veterinärmedizinischen Standards oder beugen uns dem Tierarzneimittel-Gesetz“.

Hätte das neue Gesetz schon 2017 gegolten und hätte sich Osmann streng daran gehalten, hätte Orang-Utan-Weibchen Suma aufgrund des fehlenden Narkotikums wohl nicht mit einem Kaiserschnitt und der Hilfe der Dortmunder Frauenklinik gerettet werden können.

Über die Autorin
Redaktion Dortmund
Stellvertretende Leiterin der Dortmunder Stadtredaktion - Seit April 1983 Redakteurin in der Dortmunder Stadtredaktion der Ruhr Nachrichten. Dort zuständig unter anderem für Kommunalpolitik. 1981 Magisterabschluss an der Universität Bochum (Anglistik, Amerikanistik, Romanistik).
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Gaby Kolle

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