Dortmunds Corona-Fallzahlen gehören zu den niedrigsten in NRW

mlzCoronavirus

Die Zahl der bestätigten Corona-Krankheitsfälle in Dortmund wächst ständig - im landesweiten Vergleich gehört die Stadt jedoch bisher zu den am wenigsten betroffenen Kommunen. Wie kommt das?

Dortmund

, 03.04.2020, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Texte zu Fallzahlen haben in der Corona-Krise eine sehr geringe Halbwertszeit: Täglich, manchmal sogar mehrmals am Tag steigt die bestätigte Zahl der Menschen in Dortmund, die am Coronavirus erkrankt sind. Zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Textes (2.4., 18.30 Uhr) waren es 360 Fälle - 75 mehr als zu Wochenbeginn und mehr als doppelt so viel als Anfang vergangener Woche.

Ein Blick auf die Coronavirus-Gesamtlage in NRW zeigt jedoch: Im Landesvergleich zählt Dortmund immer noch zu den Kommunen, in denen sich der Virus bisher am wenigsten verbreitet hat - zumindest gemessen an den bestätigten Fallzahlen.

Heinsberg ist zehnmal stärker betroffen als Dortmund

In Dortmund kamen zum Stichtag der Auswertung (2. April) auf 100.000 Einwohner 57 Corona-Kranke. Nur zehn Kreise und kreisfreie Städte hatten eine geringere Quote - Oberhausen hatte den niedrigsten Wert mit 37 bestätigten Coronavirus-Fällen pro 100.000 Einwohner -, während 42 Kreise und kreisfreie Städte mehr Fälle verzeichneten.

Trauriger Spitzenreiter war der Kreis Heinsberg mit 527 Kranken pro 100.000 Einwohner - dort ist das Virus statistisch fast zehnmal stärker verbreitet als in Dortmund.

Auch im Vergleich zu den anderen Großstädten im Land schneidet Dortmund verhältnismäßig gut ab: Essen verzeichnet pro 100.000 Einwohner 15 Erkrankte mehr, in Düsseldorf sind es 23 mehr, in Köln 81 und in Münster sogar 103.

Hat man in Dortmund also besser gegen die Ausbreitung des Coronavirus gearbeitet als woanders? Oder hatte man schlicht und ergreifend bisher relatives Glück? Dazu bekommt man recht unterschiedliche Antworten.

Frühere Tests von Verdachtsfällen abseits der Risikogebiete

Im städtischen Gesundheitsamt glaubt man daran, dass die eigene Arbeit die Epidemie zumindest etwas ausgebremst hat. Die „frühe und umfassende Diagnostik und Datenerfassung sowie die schnellen Umgebungsuntersuchungen“ haben Früchte getragen, heißt es in einer Stellungnahme der Stadt: „So ist es bis Mitte März fast immer gelungen, die Umgebungsuntersuchungen am Tag der Meldung eines Falles weitgehend abzuschließen.“ Die Betroffenen seien schnell in häusliche Quarantäne oder in Behandlung gekommen.

Außerdem habe man bereits eine Woche vor der bundesweiten Umstellung angefangen, nicht nur Menschen zu untersuchen, die zuvor in Risikogebieten gewesen waren. „Auch dadurch ist es gelungen, früher auf die auch in Dortmund zunehmende Ausbreitung der Coronaviren reagieren können“, so die Stadt.

Jetzt lesen

Roland Fried und Katja Ickstadt sind bei der Bewertung der Vergleichszahlen etwas zurückhaltender. Die beiden Biostatistik-Professoren an der TU Dortmund untersuchen unter anderem, wie sich Krankheiten verbreiten, sie kartieren Krankheitsrisiken. Die Zahlen könnten auch auf unterschiedliches Testverhalten in den Kommunen zurückzuführen sein, meint Ickstadt, ebenso auf eine unterschiedliche Altersverteilung. Beides gelte es zu prüfen.

Das sieht auch Fried so: „Ein sinnvoller Vergleich ist nicht einfach und schnell durchführbar“, schreibt er. Dazu müsse man den Faktor Zufall herausrechnen: Hätten sich in jüngerer Vergangenheit in einer Region zufällig weniger Menschen angesteckt, sei dieser Trend auch für die nähere Zukunft zu erwarten.

Jetzt lesen

Das NRW-Gesundheitsministerium geht nicht davon aus, dass unterschiedliche Strategien in den Kommunen für die unterschiedlichen Zahlen verantwortlich sind: „Aus medizinischer oder epidemiologischer Sicht gibt es keine landesweit gültigen Erklärungen für eine höhere oder niedrigere Betroffenheit in den unterschiedlichen Regionen“, heißt es aus dem Ministerium.

Die Experten des Landes NRW glauben eher an die Theorie, dass besondere lokale und regionale Ereignisse entscheidenden Einfluss auf die Verbreitung des Coronavirus gehabt haben. Sie verweisen etwa auf die berühmte Karnevalssitzung in Gangelt, die verantwortlich dafür war, dass der Kreis Heinsberg zu einem Epizentrum der Epidemie in Deutschland wurde.

Günstiger Spielplan des BVB

Ein solches Ereignis ist dem Ministerium aus Dortmund nicht bekannt - auch weil der Spielplan des BVB günstig war: Das letzte Heimspiel vor der Aussetzung des Spielbetriebs der Bundesliga war Ende Februar, bevor das Coronavirus in Deutschland richtig Fahrt aufnahm. Wer weiß, wie die Zahlen aussähen, wenn sich Anfang März noch rund 80.000 Menschen eng an eng durch den Signal Iduna Park geschoben hätten.

Trotzdem warnt das städtische Gesundheitsamt, dass sich die Lage in der Stadt jederzeit verschärfen könne. Derzeit, betont Amtsleiter Dr. Frank Renken, steige die Zahl der stationären Behandlungen von Corona-Kranken: Aktuell seien es 24, von denen 10 auf Intensivstationen beatmet werden müssen. Und auch der erste Todesfall in Dortmund zeige, „dass wir keine Entwarnung geben können“.

Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt