Das Thier-Gelände: Dortmunds sehnlichst vermisstes Party-Wohnzimmer

mlzLegenden des Dortmunder Nachtlebens

Seit dem Sommer 2009 hat Dortmunds Party-Landkarte ein Loch. Die klaffende Wunde, die das Thier-Gelände in der City hinterließ, scheint inzwischen geheilt. Doch bei vielen juckt die Narbe noch heute ab und zu.

Dortmund

, 16.06.2018, 04:45 Uhr / Lesedauer: 6 min

Erinnerung:

Freitags, 23.30 Uhr: Wir haben Glück und parken direkt am Eingang. Das Autoradio, zu dessen Klängen wir uns gerade warmgesungen haben, verstummt. Doch der Bass wummert weiter: „I can‘t wait for the weekend to begin“, dröhnt es aus der Liquid Lounge – genau in unserem Sinn. Der Türsteher hält uns lachend die Tür auf. Mann ist das schon voll. „Hallo, hallo! Auch wieder da? Schön dich zu sehen! Party!“ Knutscher links, rechts, weiter. Wir drängeln uns an der Bar entlang, wollen zum Podest am DJ-Pult, wollen tanzen. Blick auf die Uhr: 2.30 Uhr. „Mir ist heiß. Wollen wir mal raus?“ „Klar!“

Kurz erfrischen, dann ein Abstecher ins Mendoza. Abzappeln zu Gloria Estefans „Conga“ – das muss sein. Danach kurz in den Blauen Raum, einmal die Treppen hoch und wieder runter. Auf ein „Yeah!“ mit Usher und Popowackeln zu „Hot in here“. Zurück in die Lilo. Voll, eng, egal. Blick auf die Uhr: 5.45 Uhr. „Wollen wir mal los? Meine Kellnerschicht fängt in zwei Stunden an.“ „Ok. Morgen wieder?“ „Klaro! Lexy & K-Paul sind im zuHouse.“ „Ich bin am Start!“


So wie die Autorin dieses Textes erinnern sich viele Dortmunder – aber auch Bochumer, Sauerländer, Düsseldorfer, Menschen in ganz NRW – gern an das Thier-Gelände zurück, an dessen Stelle heute die Thier-Galerie steht.

Catrin Wagner (33): „Das Party-Thier-Gelände war einmalig toll! Für viele das zweite Wohnzimmer. Auch für mich.“

Patrizio Tinelli (42): „Auf den Punkt gebracht war das Gelände der perfekte Ort zum Feiern, alle waren gleich und wollten feiern.“

Dimitrios Kalpakidis (39): „Die Lilo war mein zu Hause. Samstagsfrüh um 5 Uhr hat mich der Türsteher am Kragen gepackt und rausgeschmissen, sonst wäre ich jetzt immer noch da.“

Playlist: Wir haben mit Party-Machern und Party-Gängern gesprochen - so klang das Thier-Gelände

Auf dem seit 1992 brachliegenden Produktionsgelände der alten Thier-Brauerei, mitten im Herzen von Dortmund, entstand Ende der 90er ein völlig neues Ausgeh-Quartier – ein würdiger, wenn auch kleinerer Nachfolger des Kneipenviertels am Ostwall, das seine Hochzeit in den 80er-Jahren hatte.

Mit dem Thier-Gelände hatte Dortmund den Party-Magneten des Ruhrgebiets. „Das war nichts aus der Retorte“, sagt Hubertus Brand (52) rückblickend, „da bröckelte der Putz von der Decke und die Leute fanden das cool.“

Auf das Sixx.PM folgte eine karibische Cocktailbar

Partyveranstalter Brand hatte damals erkannt, dass der Brauerei-Komplex genau der richtige Ort war, um ordentliche Partys zu feiern. Er mietete das gesamte Areal vom ehemaligen Brauerei-Besitzer Peter Cremer und eröffnete dort 1999 das Sixx.PM.

„Das lief zunächst total schlecht“, erinnert er sich an die Anfänge der Diskothek, die durch ihren industriellen Charme bestach. 2001 machte Mike Mendoza dann seine karibische Cocktailbar auf und „plötzlich funktionierte auch das Sixx.PM“, berichtet Brand. Im selben Jahr am 11. Juli kam die Liquid Lounge dazu – „die Initialzündung des Geländes, ab da waren wir Hotspot“.

Im Sixx.PM fanden verschiedene Veranstaltungen satt – von Ü30-Partys über Grufti-Partys hinzu Schwulen-und-Lesben-Partys.

Im Sixx.PM fanden verschiedene Veranstaltungen satt – von Ü30-Partys über Grufti-Partys hinzu Schwulen-und-Lesben-Partys. © Dieter Menne (Archiv)

Die „Lilo“ – ein Gemeinschaftsprojekt von Hubertus Brand und Till Hoppe, der am Eröffnungstag seinen Geburtstag feierte – war „eine coole Bar mit cooler House-Musik, guten Cocktails und super Barpersonal, bei freiem Eintritt“, sagt Hoppe (41), der heute mit der Panorama GmbH unter anderem für die Gastronomie im U-Turm zuständig ist.

Robin Tonn (43), der das Booking für die Liquid Lounge gemacht und als „DJ Robin“ oft selbst aufgelegt hat, erinnert sich: „Ich hab da nicht viel Geld verdient, aber es hat so viel Spaß gemacht. Die Abende sind verflogen.“ „Da wurde noch gefeiert und nicht nur geglotzt“, sagt „Lilo“-Gast Patrizio Tinelli.

Die Liquid Lounge bestach mit ihrer langen Theke, deren Rückwandregal rot-orange beleuchtet war.

Die Liquid Lounge bestach mit ihrer langen Theke, deren Rückwandregal rot-orange beleuchtet war. © Dieter Menne (Archiv)

Das allerwichtigste für ihn war aber das Bar-Team „mit Kleini, Alex, Massimo und Co“. „Kleini“, das ist Sebastian Klein (41), heute gastonomischer Leiter der Eventfirma muto, damals „Lilo“-Barchef. „Wir waren eine eingeschworene, verlässliche Truppe“, schwärmt er. Klein war einer der Feuerspucker: In Absprache mit den DJs, beispielsweise zu „For you“ von den Disco Boys, wurde es regelmäßig heiß unter der fünf Meter hohen Decke der Liquid Lounge.

„Wir haben gefeiert bis zur Extase“

„Lilo“-Gänger Dimitrios Kalpakidis sagt: „Wir haben gefeiert bis zur Extase – jedes verdammte Wochenende.“ Während er oft mit seinen Kumpels in der WG „vorglühte“, gingen viele andere am Abend zunächst ins Mendoza. Mit ihrem sechs Meter hohen und zwölf Meter breiten Barregal, der Palmendekoration und den großen, farbintensiven Bildern eine einmalige Location zum Cocktailtrinken.

„Wir hatten allein 30 Caipi-Variationen auf der Karte“, erzählt Mike Mendoza, der heute noch ein „warmes Gefühl“ bekommt, wenn er an die alten Zeiten denkt. Auch wenn es keine richtige Tanzfläche gab, war immer ein DJ da, der House, aber auch gerne Diskosachen aus den 70ern und 80ern spielte.

Karibisches Flair herrschte im Mendoza. In dem imposanten Barregal hatten über 630 verschiedene Spirituosen Platz.

Karibisches Flair herrschte im Mendoza. In dem imposanten Barregal hatten über 630 verschiedene Spirituosen Platz. © Dieter Menne (Archiv)

„DJ Rosti“, alias Frank Rosteutscher (46), zu einer seiner Lieblingserinnerungen: „Als 2006 wegen der Fußball-WM auch viele Gäste aus der ganzen Welt auf dem Gelände hatten, gab es einen Abend, da haben Fans von Trinidad und Tobago mit Trommeln auf der Theke getanzt. Das werde nie vergessen.“

Die zu.House-Partys zogen 2004 vom Tanzcafé Hösel (heute Oma Doris) auf das Thier-Gelände. Die Zuhouse-Rocker Lars Josten und Thorsten Happe richteten sich im zuHouse.Club ein – mit zwei Floors (grün und rot), einer chilligen Lounge und Außenbereich. Gern denkt Josten (46) zurück: „Das war die Zeit, bevor alles so kommerziell wurde. Wir hatten WestBam da, Axwell von der Swedish House Mafia und viele, viele mehr. Und die Ticketpreise waren echt okay.“

Dieses Youtube-Video von 2008 gibt einen Einblick in den zuHouse.Club:

Oft wurde vor den großen Partys vorher mit dem ganzen Team gegrillt. „Wir waren eine große Familie. Alle haben an einem Strang gezogen. Das war toll.“ Zu.House-Gänger mögen sich noch an die „allerallerletzte Scheibe“ von DJ Todde (Thorsten Happe) erinnern. „Die habe ich mehr als einmal pro Abend gespielt und damit immer das Ende hinausgezögert. Die Leute haben das geliebt. Das war schon ein ausgeflippter Haufen“, sagt der heute 47-Jährige.

Von der Lkw-Waschanlage zum Blauen Raum

Fünfter Laden am Platz war der Blaue Raum, rechts neben dem Mendoza. Eröffnung war 2005. Auf mehreren Ebenen wurde hier als Ergänzung zu den anderen Musikangeboten auf dem Gelände zu Black Music getanzt.

„Ursprünglich war das mal die Lkw-Waschanlage der Brauerei gewesen, dann der Personalraum vom Mendoza“, berichtet Marie Meurer (38), die die Bar mit Hoppe und Brand betrieb. „Als Personalraum hatte er eine blaue Farbe, daher der Name. Der hielt sich auch dann noch, als der Raum während des Umbaus zur Bar pink gestrichen wurde.“

Video: Ein Rundgang über das Thier-Gelände 2006

Als Letztes kam 2007 noch der Checkpoint dazu, eine Snack-Ecke im ehemaligen Pförtnerhäuschen mit Sandwiches und Pizza. „Wir wollten einfach nicht, dass uns die Leute weglaufen, wenn sie nachts Hunger haben“, erklärt Mike Mendoza.

Zum Erfolgsrezept des Thier-Geländes mit drei Bars und zwei Clubs sagt Hubertus Brand: Es war die Mischung.

„Die verschiedenen Formate mit unterschiedlichen Musikrichtungen, nah beieinander, im Stadtzentrum, mit sehr gutem Personal, moderaten Getränkepreisen. Das war optimal.“ Dazu kam, dass der Einlass erst ab 21 Jahren war. „Das haben wir extra gemacht, um uns interessanter zu machen“, erklärt Brand. Außerdem war der Eintritt bis auf die Clubs zu.House und Sixx.PM frei.

Erinnerungen an die Loveparade-Aftershow-Party

„Wenn man nicht wusste, wo man hingehen sollte, selbst wenn man allein unterwegs war, war das Thier-Gelände die richtige Adresse“, meint Hoppe. Sein absolutes Highlight war die Loveparade-Aftershow-Party 2008, unter anderem mit DJ Paul van Dyk. „Da hatten wir 8000 Leute auf dem Gelände – gigantisch. Aber wir haben an dem Tag auch etwa 8000 Euro Minus gemacht.“ Warum? „Wegen der hohen Sicherheitsauflagen, wir mussten zum Beispiel extra Lärmschutzwände aufbauen lassen.“

Ebenso berauschend, aber auch sehr melancholisch, sei hingegen die Closing-Party gewesen. Wiederum an Hoppes Geburtstag, am 11. Juli 2009. Exakt 10 Jahre nach der „Lilo“-Eröffnung. Genau vier Tage vorm Anrollen der Abrissbirne.

Zum Aufnahmezeitpunkt dieses Fotos am 2. September 2009 war das Party-Thier-Gelände bereits Geschichte. Die Vorbereitungen für den Bau des Einkaufszentrums liefen.

Zum Aufnahmezeitpunkt dieses Fotos am 2. September 2009 war das Party-Thier-Gelände bereits Geschichte. Die Vorbereitungen für den Bau des Einkaufszentrums liefen. © Dieter Menne (Archiv)

Dass man heute eigentlich von Glück reden kann, dass es überhaupt so lange gut ging, versteht man nur, wenn man weiß, dass es immer nur eine Mietvertragsgarantie von drei Monaten gab. „Es hätte schon viel früher vorbei sein können, wenn sich ein Investor gefunden hätte. Das wussten wir und haben es sportlich genommen“, sagt Hubertus Brand und erklärt: „Wir haben so immer so gerechnet, dass es jederzeit hätte vorbei sein können. Wir haben aus einfachen Mitteln eine Bar gebaut, es gab auf dem ganzen Gelände nur eine Eismaschine für alle und Ton- sowie Lichttechnik für Großveranstaltungen haben wir immer nur gemietet. So konnten wir schnell reagieren.“

Mehrere Closing-Partys zum Abschluss

Schon die letzten Jahre vor der Schließung hielt sich unter den Gästen das Gerücht, es sei bald Schluss. Als dann seit 2008 die Schließung feststand und der Bau von Dortmunds größtem Einkaufszentrum beschlossene Sache war, sei es für Brand, der heute an vier Road-Stop-Filialen im Ruhrgebiet beteiligt ist, ein zähes letztes Jahr mit mehreren Closing-Partys gewesen. Das Ende habe er schließlich wie eine „Befreiung“ empfunden. Aber nicht ohne Wehmut: „Mit allen Höhen und Tiefen war es eine sehr geile Zeit“.

Der Initiator des Thier-Geländes: Hubertus Brand (hier 2009) war an allen Clubs und Bars auf dem Party-Areal beteiligt. Mit dem Sixx.PM war es 1997 losgangen.

Der Initiator des Thier-Geländes: Hubertus Brand (hier 2009) war an allen Clubs und Bars auf dem Party-Areal beteiligt. Mit dem Sixx.PM war es 1997 losgangen. © Dieter Menne (Archiv)

Dass er nun endlich mal etwas Geld sparen könne, war für Dimitrios Kalpakidis das einzig Gute, das er in der Schließung sah: „Die Abende gingen gut in die Tasche. Aber das erste Wochenende danach standen wir da und haben uns gefragt, wo wir hingehen sollen. Irgendwie blöd, dass die jungen Leute, die heute 25 sind, in dieser Stadt nicht das erleben können, was wir erleben durften.“

Er ist sich sicher, das Thier-Gelände wäre auch heute noch „eine Goldgrube“. Da ist Hubertus Brand skeptisch: „Es wäre heute nicht mehr wie früher. Heute ist der Freitag als Ausgehtag beinahe tot. Heute geht der Trend eher weg von der Clubszene hin zu Festivals.“

Mit „Sky and Sand“ war Schluss

Das letzte Lied, das auf der Closing-Party in der Liquid Lounge lief – da erinnert sich Till Hoppe genau –, war „Sky and Sand“ von Paul Kalkbrenner. Hoppe hasst es bis heute, wie er sagt. „Irgendwie wird mir da so komisch, wenn ich es höre.“

Er könne noch heute mit geschlossenen durch die Räume laufen. „Es fühlt sich für mich an, als wäre es noch da – auch wenn es seit neun Jahren weg ist.“

Dort, wo damals in sechs Clubs und Bars gefeiert, getanzt, gelebt wurde, wird heute auf 33.000 Quadratmetern geshoppt.

Freitag, 15. Juli 2018, 23.30 Uhr: „I can‘t wait for the weekend to begin“, summe ich vor mir her, während ich mich fertig mache – um ins Bett zu gehen.

Die Serie „Legenden des Dortmunder Nachtlebens“: Dortmunds Nachtszene hat in den vergangenen Jahrzehnten etliche Diskos kommen und gehen gesehen. In dieser Serie stellen wir immer samstags einen legendären Laden vor, der seine Gäste besonders geprägt hat.
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