Langzeitarbeitslose werden im Christlichen Jugenddorf (CJD) am Standort Marten beruflich und sozial wieder fit gemacht. Dafür nehmen sie an einem bundesweit einmaligen Programm teil.

Oespel

, 05.04.2019, 10:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vor zehn Jahren verlor Olaf alles, was ihm Halt gab: erst die Freundin, dann die Arbeit. Und der heute 49-Jährige fand sich dort wieder, wo er nie mehr landen wollte: in der Drogenszene. Ein Rückfall nach zehnjähriger sogenannter Cleanzeit.

Erst sechs Jahre später schaffte Olaf den Absprung.

„2015 habe ich noch einmal eine Entgiftung gemacht“, erzählt der gelernte Verfahrensmechaniker. Seine kriminellen Handlungen in dieser Zeit waren, so paradox es klingen mag, seine Rettung. Denn er hatte nach dem Entzug die Wahl zwischen Haftantritt und dem Ableisten von Sozialstunden.

Unbefristeter Vertrag und kleine Führungsaufgaben

Denn Olaf entschied sich für die Sozialstunden, und die führten ihn schließlich zum Christlichen Jugenddorfwerk (CJD) am Standort Marten. Heute ist Olaf dort festangestellter Mitarbeiter im CJD-Integrationsbetrieb Zeche Germania gGmbH. Mit unbefristetem Vertrag und kleinen Führungsaufgaben.

Dass Olaf noch einmal die Kurve bekommen hat, dafür hat das Programm „Aktiv statt passiv“ gesorgt. Es ist ein bundesweit einmaliges, von der Europäischen Union und dem Jobcenter gefördertes Projekt zur (Re-)Integration von Langzeitarbeitslosen in das Erwerbsleben. Das CJD hat es gemeinsam mit weiteren Bildungs- und Beschäftigungsträgern in Dortmund konzipiert und sich bei der EU damit beworben.

„Qualifizierungsprogramm vom Feinsten“

„Es ist ein zweijähriges Förder- und Qualifizierungsprogramm vom Feinsten“, sagt Bereichsleiterin Sabine Kremer. Denn in der gesamten Zeit werden die Teilnehmer eng von Jobcoaches begleitet, nicht nur im Arbeitsprozess, sondern auch darüber hinaus. Die Jobcoachs helfen bei familiären und finanziellen Problemen, begleiten die Teilnehmer bei Bedarf zu Ärzten, Behörden, zur Schulden- oder Drogenberatung.

„Olaf konnte das Meiste selber regeln. Doch viele kommen in einem sehr desolaten Zustand zu uns, haben darüber hinaus keinen Schulabschluss und keine Berufsausbildung. Manche können nicht richtig lesen und schreiben, deshalb ist die Unterstützung der Jobcoachs sehr vielseitig“, erklärt Mark Kohlberger, CJD-Leiter am Standort Marten.

Eigentlich ist Olaf in der Abteilung „Haushaltsnahe Dienstleistungen“ fest angestellt, manchmal hilft er aber auch bei der Betriebs- und Transportlogistik aus.

Eigentlich ist Olaf in der Abteilung „Haushaltsnahe Dienstleistungen“ fest angestellt, manchmal hilft er aber auch bei der Betriebs- und Transportlogistik aus. © CJD/Stephan Kottkamp

40 Teilnehmer pro Jahr

Für ihn, sagt Olaf, sei vor allem eins wichtig gewesen: „Eine Beschäftigung, eine Aufgabe und somit auch wieder eine Struktur zu haben.“ Weil es sich für die Teilnehmer von „Aktiv statt passiv“ um ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis handelt, konnte Olaf außerdem damit beginnen, seine Schulden abzubezahlen.

Olafs Weg in die Maßnahme unterscheidet sich von dem der meisten anderen Teilnehmer – pro Jahr sind es 40. „In der Regel erhalten die Langzeitarbeitslosen zunächst eine Arbeitsgelegenheit bei uns, danach wechseln sie in die Qualifizierung“, erklärt Bereichsleiter Ralf Schumacher.

Gabelstapler-, Führer- und Motorsägen-Scheine

Im besten Fall sind die Teilnehmer nach den zwei Jahren fit für den ersten Arbeitsmarkt: „Unser Hauptfokus liegt darauf, dass wir sie in Helfersegmenten qualifizieren und fördern, also in klassischen Berufen, wo sie auch ohne Ausbildung später eingegliedert werden können. Zu den wichtigsten Qualifizierungsbausteinen gehören Gabelstapler-, Führer- und Motorsägen-Scheine“, erklärt Sabine Kremer.

Qualifiziert wird in den Abteilungen „Betriebs- und Transportlogistik“, die Umzüge und Haushaltsauflösungen organisiert und durchführt, „Haushaltsnahe Dienstleistungen“, zu der einfache Tätigkeiten im Bereich der Gartenpflege, kleine Reparaturen, Haushaltsreinigung oder die Versorgung, Begleitung und Betreuung von (pflege-)bedürftigen Menschen gehören, Küche/Catering sowie „Elektrodemontage und Elektrorecycling“.

Vermittlungsquote lag im vergangenen Jahr bei 38 Prozent

Die Vermittlungsquote lag im vergangenen Jahr bei 38 Prozent. „Das ist für diese Zielgruppe einer sehr gute Quote“, sagt Mark Kohlberger. Nach dem Wechsel in externe Betriebe werden sie noch ein halbes Jahr durch das CJD betreut. „Es ist ein harter Schritt für die Beschäftigten, wenn sie unter ganz anderen Bedingungen, unter Zeit- und Produktionsdruck arbeiten müssen. In diesem halben Jahr können wir sie stabilisieren, dem Arbeitgeber mit Rat und Tat zur Seite stehen und bei der einen oder anderen Krise intervenieren“, erklärt Sabine Kremer.

Olaf ist nach erfolgreichem Abschluss im August 2018 beim CJD geblieben. Für ihn persönlich hätte es nicht besser laufen können: „Ich fühle mich hier super wohl, das Arbeitsklima ist klasse. Ich hatte zwar schon eine Zusage bei einer anderen Firma, war aber dann froh, dass ich bleiben konnte.“ Festangestellt ist er in der Abteilung „Haushaltsnahe Dienstleistungen“, die es erst seit vergangenem Sommer gibt.

Menschen mit und ohne Handicap

Hier arbeiten Menschen mit und ohne Handicap Hand in Hand. Zwischendurch hilft Olaf zudem in der Abteilung „Betriebs- und Transportlogistik“ aus, die unter anderem im Auftrag von Borussia Dortmund die Südtribüne im Stadion bestuhlt, wenn internationale Begegnungen anstehen. In diesem Bereich hatte Olaf bereits seine Sozialstunden abgeleistet, hier übernimmt er gerne Verantwortung: „Er fährt einen kleinen LKW, er teilt die Leute ein, er hat hier echte Fähigkeiten“, lobt Sabine Kremer.

Zeche Germania
Christliches Jugenddorfwerk ist seit 1989
am Standort Marten

  • Die Zeche Germania, zuvor Umweltwerkstatt, wurde 1989 in Marten vom CJD Dortmund mit der Zielsetzung gegründet, Langzeitarbeitslosigkeit zu verringern und die Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt zu ermöglichen.
  • Sie ist ein Qualifizierungs- und Beschäftigungsstandort, der durch einen Mix aus Mitteln der Europäischen Union, des Bundes, des Landes Nordrhein-Westfalen der Agentur für Arbeit und des Jobcenters gefördert wird.
  • Langzeitarbeitslose und Menschen mit Handicap erhalten eine fachpraktische Begleitung sowie eine sozialpädagogische Unterstützung.
  • Zum Standort gehören auch noch ein Trödelmarkt, der an sechs Tagen in der Woche geöffnet ist, ein Servicebereich mit einer Großküche, die täglich einen Mittagstisch für Beschäftigte und Menschen aus der Nachbarschaft anbietet und eine Cateringabteilung, die Veranstaltungen plant, organisiert und durchführt.
  • Der CJD-Integrationsbetrieb Zeche Germania gGmbH wurde 2003 mit dem Projekt „Hand in Hand“ und dem Ziel gegründet, Menschen mit Behinderungen einen dauerhaften Arbeitsplatz zu bieten.
Lesen Sie jetzt