Eine 14-jährige Dortmunderin gerät innerhalb kürzester Zeit in einen Kreislauf aus Drogen und Kriminalität. Ihre Familie ist verzweifelt und greift zu Zwang als letztem Mittel.

Dortmund

, 14.10.2020, 08:50 Uhr / Lesedauer: 4 min

Der 6. Oktober 2020 ist der Tag, an dem Sonja M. ihre 14-jährige Tochter Luisa (alle Namen geändert) zwangseinweisen lässt.

Am Morgen dieses Tages stehen vor dem Haus der Familie in einem östlichen Dortmunder Stadtteil zwei Mitarbeiter des Ordnungsamts sowie ein Mitarbeiter des Jugendamts neben Sonja M. und beobachten, wie Luisa in ein Großraumtaxi steigt. Das Taxi bringt das Mädchen in eine Klinik für suchtkranke junge Menschen nach Hamm.

„Wenn wir es so weiterlaufen lassen, ist sie in zwei Jahren unter der Erde.“

Kurz darauf ist Luisa weg. Ihre Mutter hofft, dass dies endlich der Schritt ist, der ihr ihre Tochter zurückbringt. Denn Sonja M. befürchtet, dass sie ihr Kind an die Drogen verliert. „Ein Arzt hat zu uns gesagt: Wenn wir es so weiterlaufen lassen, ist sie in zwei Jahren unter der Erde.“

Sonja M. weiß nicht, ob Luisa die Entgiftung in den nächsten drei Wochen durchhält und ob sie sich danach stabilisiert. Aber sie weiß: Alles ist besser als der Zustand der zurückliegenden zwei Jahre. „Ein normales Leben ist nicht mehr möglich.“

Nach außen wirkt die Familienstruktur intakt

Einige Tage vor Luisas Abfahrt sitzen Sonja M. und ihr Lebensgefährte Bernd K. in einer Wohnung in einem durchschnittliche Wohnviertel in Dortmund und erzählen ihre Geschichte. Luisa ist nicht mit dabei. Aber sie ist das einzige Thema.

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An einer Wand hängt eine Fotocollage mit dem Wort „Family“ im Hintergrund. Nach außen wirkt alles gepflegt und aufgeräumt. Nicht kaputt.

Erst kamen Diebstähle, dann kamen die Drogen

Luisa ist 12, als aus einem unauffälligen Mädchen, „das schon immer etwas weiter war als andere“, eine mehrfache Straftäterin wird, die alkoholabhängig ist und regelmäßig harte Drogen konsumiert. Nicht auf einen Schlag. „Es kam peu à peu“, sagt Sonja M..

Begonnen habe es mit einem Diebstahl bei einer Freundin. Einige Wochen später erhält die Familie einen Anruf aus einer Kaufland-Filiale, dass ihre Tochter etwas gestohlen habe.

Kurz darauf fängt Luisa an, sich zu ritzen, also selbst zu verletzen. Die Jugendliche begibt sich freiwillig in therapeutische Behandlung und beendet diese scheinbar gesund. „Wir dachten, dass sie sich gefangen hat“, sagen Sonja M. und ihr Lebensgefährte Bernd K..

Luisa gerät in Gruppe von straffälligen Aplerbecker Jugendlichen

Ab Silvester 2018/2019 kommen Alkohol und die Drogen ins Spiel. Luisas Leben nimmt innerhalb kürzester Zeit einen dramatischen Verlauf. Das Mädchen gerät im Stadtteil Aplerbeck mit einer Gruppe von Jugendlichen in Kontakt, deren Alltag von Trinkgelagen, Drogenkonsum und Straftaten bestimmt ist.

Der Ortskern von Aplerbeck. Hier kommt es immer wieder zu Problemen mit Jugendlichen.

Der Ortskern von Aplerbeck. Hier kommt es immer wieder zu Problemen mit Jugendlichen. © Jörg Bauerfeld

Im Frühjahr 2020 sorgt diese Gruppe für Angst unter vielen Menschen in Aplerbeck. Und die 14-Jährige ist mittendrin. Im Mai eskaliert ein Polizeieinsatz, weil Jugendliche Widerstand leisten. Das Mädchen greift mehrere Polizisten an.

Letztlich sind acht Beamte nötig, um sie zu bändigen. „Ich musste zustimmen, dass sie ihr Handschellen anlegen“, erzählt Sonja M. Einige Wochen später attackiert Luisa erneut Polizisten, diesmal in der Wache Aplerbeck.

Die Eltern versuchen auf vielen Wegen zu helfen

Sonja M., ihr Lebensgefährte und ihr Ex-Mann versuchen, ihrer Tochter auf vielen Wegen zu helfen. Sie probieren es mit Verständnis, hoffen, dass das nur eine normale Experimentierphase einer Jugendlichen ist.

Sie probieren es mit Druck, schaffen Alkohol- und Drogentests für zu Hause an. Die Mutter holt Luisa mehrfach am frühen Morgen aus fremden Wohnungen in der Dortmunder Nordstadt ab.

Doch die Situation verschlimmert sich immer weiter. Luisa geht nicht mehr zur Schule, verweigert jede Hilfe. Gegen sie gibt es mittlerweile 15 Strafanzeigen – darunter zwei von der Mutter, weil die Tochter ihr gegenüber aggressiv geworden ist und bei voller Fahrt ins Lenkrad gegriffen hat.

„Ich wollte, dass irgendetwas passiert“, sagt Sonja M. über den schmerzhaften Schritt, ihr eigenes Kind anzuzeigen.

Luisa kommt mit 1,8 Promille Atemalkohol nach Hause und steht dabei immer noch aufrecht. Sie konsumiert neben Alkohol und Marihuana regelmäßig harte Drogen wie Kokain oder MDMA. Mittlerweile mit sichtbaren körperlichen und emotionalen Folgen.

Kind bekommt die Drogen aus der Leopoldstraße

Nach allem, was die Eltern wissen, bekommt sie das Rauschgift aus der Leopoldstraße. „Ich weiß nicht, woher sie das Geld dafür hat. Von mir bekommt sie nichts mehr“, sagt ihre Mutter. Sie befürchtet das Schlimmste und meint damit, ohne es auszusprechen, dass ihre Tochter sich für Drogen prostituieren könnte.

Die Familie wendet sich an das Jugendamt. Doch dort erhält sie lange nach eigenem Empfinden zu wenig konkrete Unterstützung. Einmal sei der Satz gefallen: „Dann schmeißen Sie sie doch raus, dann wird sie schon merken, was sie an ihrem Zuhause hat“, so berichtet die Mutter.

Mit einem neuen Sachbearbeiter habe sich die Situation in den vergangenen Monaten allerdings verbessert. Ein Gespräch mit einem Mediziner der Klinik in Hamm bringt sie schließlich zur Entscheidung, es mit der vom Amtsgericht angeordneten Zwangseinweisung als letztem Mittel zu versuchen.

Mehrere Dortmunder Familien sind in einer vergleichbaren Situation

Sonja M. und Bernd K. haben in den vergangenen zwei Jahren mehrere andere Eltern kennengerlernt, die in einer vergleichbaren Situation sind. Eltern, die keinen Ausweg mehr wissen, weil ihre Kinder zu tief in einem Geflecht aus Abhängigkeit, falschem Umfeld und inneren Konflikten stecken.

Wie viele andere haben sie lange die Schuld bei sich gesucht. Sie kennen auch das Bild, das andere Menschen von Familien mit drogenabhängigen Kindern haben. Den Gedanken: Da muss doch was schief gelaufen sein in der Erziehung.

Die Ursache für Suchtprobleme bei Jugendlichen sind vielfältig

Doch die Ursachen für Sucht bei Minderjährigen sind komplex und nicht immer ist das Elternhaus auschlaggebend. In Deutschland gibt es bis zu zwei Millionen Eltern, deren Kinder mit Drogenproblemen kämpfen. In Dortmund wäre statistisch eine von zehn Familien betroffen.

Sonja M. und Bernd K. kennen Geschichten von Familien, denen es so geht wie ihnen. Die vieles versuchen, damit es besser wird. Die sich aber zwischen Hilfsangeboten und guten Ratschlägen auch oft allein gelassen fühlen.

Sie haben Familien kennengelernt, in denen die Eltern selbst Drogen konsumieren und denen das Schicksal ihrer Kinder gleichgültig ist. Sie wissen von Situationen wie der einer alleinerziehenden Mutter, die von ihrem Sohn mit Schlägen dazu gezwungen wird, ihn nach draußen zu lassen.

In Aplerbeck, wo Luisas Absturz begann, ist in den vergangenen Monaten etwas Ruhe eingekehrt. Treffen von Jugendlichen gibt es immer noch, dabei werden auch Alkohol und Drogen konsumiert.

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Laut der Polizei Dortmund sind seit Juni 2020 keine Raubstraftaten zu verzeichnen. Die Behörde hatte im Juni mehrere Intensivtäter identifiziert. Der 15-jährige Haupttäter befindet sich seitdem in Untersuchungshaft.

Was passiert nach der Entgiftung?

Sonja M. sagt, sie sei schon an den Punkt gekommen, an dem sie über Aufgeben nachgedacht habe. „Aber das ist keine Option. Es ist furchtbar mit anzusehen, wenn dein eigenes Kind so mit sich selbst umgeht. Wir müssen ihr jetzt helfen.“

Die ersten Tage in der Entgiftungsklinik hat Luisa einigermaßen gut überstanden. Für ihre Familie beginnen jetzt schon wieder neue Denkprozesse. Sie muss klären, wo die 14-Jährige nach ihrer Rückkehr leben kann. „Sie kann auf keinen Fall nach Hause. Dann beginnt alles wieder von vorne“, sagt Sonja M.

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