Die Polizei Dortmund setzt Kameradrohnen ein, um das Kontaktverbot zu überwachen. Unser Autor fordert in seinem Kommentar: Hört auf, unschuldige halbnackte Menschen zu filmen!

Dortmund

, 18.04.2020, 06:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein warmes Frühlings-Wochenende in Dortmund. Die Menschen strömen aus der heimischen Isolation an die frische Luft, mit ausreichend Abstand machen sie es sich in den Parks der Stadt gemütlich. Viele träumen entspannt mit geschlossenen Augen vor sich hin - bis ein merkwürdiges Surren am Himmel ertönt.

So geschehen ist das am Oster-Wochenende unter anderem im Tremoniapark im Kreuzviertel. An mindestens zwei Tagen des langen Wochenendes flog je eine kleine Drohne über die große Liegewiese. Viele Sonnenanbeter setzten sich auf und beobachteten das merkwürdige Teil argwöhnisch.

Die Menschen wussten nicht, wer sie da gefilmt hat

Hoch oben am Himmel stand der Quadrokopter am Ostersamstag, mehrere Minuten lang. Dann flog er einfach über die Bäume hinweg fort. Einige leicht bekleidete Menschen im Park machten einen verunsicherten Eindruck. Sie wussten nicht, wem diese Drohne gehörte, wer sie da filmte. Ein Pilot war nirgends zu sehen.

Am Tag zuvor, am Karfreitag, war das immerhin anders. Da kam aus dem Fluggerät eine Lautsprecher-Durchsage, die verkündete, dass das Teil von der Dortmunder Polizei stamme. Die freundliche Ansage erinnerte die Park-Besucher an den nötigen Mindestabstand.

Jetzt lesen

Ohne diese Information sorgt der Einsatz der Kameradrohne für so viel Verunsicherung, dass er überhaupt nicht sinnvoll ist. Und auch mit dieser Durchsage steht sehr infrage, ob die Videoüberwachung von Bürgern das geeignete Mittel ist, um das damit beabsichtigte Ziel zu verfolgen.

In manchen Freibädern sind seit einiger Zeit Handys verboten. An den Kassen weisen Hinweisschilder darauf hin, damit niemand Fotos von spärlich bekleideten Besuchern machen kann. Doch jetzt fliegen Kameradrohnen über Dortmunder in Bikinis und Badehosen.

Wie groß wäre der Aufschrei bei Privatpersonen?

Man stelle sich den (berechtigten) Aufschrei vor, wenn Privatpersonen einfach so fürs Heimarchiv Jugendliche in Badesachen filmen würden. Wie gut die Kameras zoomen können und wie detailliert man einzelne Menschen auf den Bildern erkennt, kann ja niemand aus der Entfernung beurteilen.

Es wäre nicht verwunderlich, wenn die Initiatoren der Drohneneinsätze ihre eigenen Häuser bei Google Street View verpixeln ließen - weil sie berechtigterweise nicht wollen, dass Fremde in ihre Privatsphäre eindringen.

Die bisherigen Anti-Corona-Maßnahmen sind sicherlich sinnvoll und jeder Dortmunder sollte alles geben, um die Pandemie einzudämmen. Nur so können wir alle möglichst bald zum normalen Leben zurückkehren. Aber eine Videoüberwachung ist nicht der geeignete Weg, die Einhaltung zu kontrollieren.

Jetzt lesen

Ohne Probleme können Polizisten im Streifenwagen über die Wege der Parks fahren und mit den eigenen Augen sehen, wer zu nah beieinander sitzt. Dafür muss man die Bürger nicht filmen. Andere Dortmunder berichten davon, dass eine Drohne am Oster-Wochenende vor ihrem Balkon in der südlichen Innenstadt herflog, jemand anders berichtet von einer Drohne, die über dem privaten Garten gekreist sei. Ob sie auch von der Polizei stammten? Die Bewohner wissen es nicht.

Mitte Februar wurde ein Mann in der Dortmunder City festgenommen, nachdem ihn eine Kameradrohne gesucht hatte. Er soll verschreibungspflichtige Medikamente auf der Straße verkauft haben. Dieser Einsatz war schon eine kritische Nachfrage wert, ob das Filmen eines ganzen Straßenzuges da gerechtfertigt war.

Die Polizei soll ja die modernsten Möglichkeiten haben

Zweifelsohne gibt es sinnvolle Einsatzmöglichkeiten - und bei der Suche nach Gewalttätern soll die Polizei auch den modernsten technischen Stand zur Verfügung haben. Aber in jedem einzelnen Fall haben die Beamten zu prüfen, ob so ein Eingriff in die persönliche Freiheit von unbeteiligten Bürgern gerechtfertigt ist. Sonst schießen sie mit Kanonen auf Spatzen und behandeln Menschen bei Ordnungswidrigkeiten wie Schwerverbrecher.

Die absolut sinnvollen Corona-Schutz-Maßnahmen stehen bereits in Konflikt zu Teilen des deutschen Grundgesetzes. Die Menschen können sich nicht mehr gänzlich frei bewegen, Demonstrationen sind momentan nicht möglich. Nicht falsch verstehen: Das ist aktuell auch absolut richtig so. Aber dazu muss nicht noch kommen, im öffentlichen Raum vom Blickfeld einer Kameralinse ins nächste zu laufen.

Jetzt lesen

Mit dem relativ neuen (von verschiedenen Seiten umstrittenen) NRW-Polizeigesetz bekamen die Beamten erweiterte Möglichkeiten für Einsatzsituationen. Die Dortmunder Behörde hat Anfang des Jahres die Kameradrohnen im Rahmen einer Testphase bekommen.

In dieser Zeit soll ausprobiert werden, in welchen Bereichen der Polizeiarbeit der Einsatz der elektronischen Hilfsmittel sinnvoll ist. Wenn man einen neuen Hammer hat, sehen viele Dinge wie Nägel aus. Trotzdem muss man nicht überall draufhauen, wo man drankommt.

Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt