Bei der Entsorgung Dortmund GmbH gibt es internen Ärger. Ein Teil der Belegschaft beklagt ein Droh-Klima und schlechte Stimmung. © Archivbild
Konflikt bei Stadttochter

EDG-Streit: Jetzt sprechen die „Aufständischen“ in Dortmunds Müllabfuhr

Innerhalb der Entsorgung Dortmund GmbH (EDG) brodelt es wie in einem aktiven Vulkan. Die Geschäftsführung will „Aufständische“ überführen. Wir haben exklusiv mit einigen von ihnen gesprochen.

15 Männer sitzen an einem Augustnachmittag in einem Dortmunder Vorort an einem Gartentisch, zwischen Swimmingpool, Trampolin und Gartenzaun. Keine Bilder, keine Namen. Vorerst.

Der Weg zum Kühlschrank ist kurz, es gibt Kronen Pils für die meisten, andere wählen Kaffee oder Wasser. Die Dichte an Tattoos ist hoch, der Anteil von Zigarettenrauch in der Luft ist es ebenfalls. Sie einen zwei Dinge: Sie arbeiten alle für die EDG. Und sie sind mächtig sauer auf ihre Chefs.

Konflikt innerhalb der EDG ist eskaliert

Der Konflikt zwischen Teilen der Belegschaft und der Geschäftsführung des städtischen Tochterunternehmens hat sich zugespitzt. Mit der Auswertung von Videomaterial will die Betriebsspitze Mitarbeiter überführen, die zuletzt Flyer mit kritischen Aussagen verteilt hatten.

Ein Konflikt ist eskaliert, der offenbar schon länger innerhalb des Unternehmens mit seinen rund 1000 Angestellten gärt. Deshalb haben einige der angeblichen „Aufständischen“ sich dazu entschlossen, jetzt öffentlich zu sprechen. Sie laden zu einem offenen Gespräch in den Garten eines Mitarbeiters ein, bitten aber um Vertraulichkeit und Anonymität.

„Wir möchten unsere Familie zurückhaben“

Viele von denen, die hier sitzen, sind die Männer, denen die Dortmunder täglich begegnen. Sie sind Müllmänner und haben überhaupt kein Problem damit, sich so zu nennen.

„Wir kennen uns teilweise seit fast 30 Jahren, haben schon so viele Sonderschichten miteinander erlebt, ob Hochwasser, BVB-Meisterfeiern oder Love Parade“, sagt einer von ihnen.

Zwei Stunden lang sprechen sie in emotionalen Worten über ihren Beruf. Darüber, wie sich in den vergangenen Jahren aus ihrer Sicht alles zum Schlechten gewendet hat.

„Wir möchten unsere Familie zurückhaben“, sagt einer. Ein anderer meint: „Ich möchte nicht mehr jeden Morgen mit Bauchschmerzen zur Arbeit gehen.“

Streit um ehemaligen Arbeitsdirektor ist der Ursprung

Worum geht es den Männern, die in unterschiedlichen Abteilungen der EDG arbeiten?

Sie machen keinen Hehl daraus, dass ihr Unmut seinen Ursprung in der Abberufung von Arbeitsdirektor Wolfgang Birk vor dreieinhalb Jahren hat.

Seitdem habe sich das Betriebsklima rapide verschlechtert. Die Männer wissen, dass sie durch den Kontakt mit Birk personalrechtliche Konsequenzen befürchten müssen – das sei ihnen zumindest angedroht worden.

Sie halten Birk trotzdem weiterhin für die richtige Besetzung für den Posten, der die Interessen der Arbeitnehmer in der Geschäftsführung repräsentiert.

Innerhalb des Unternehmens herrsche ein Droh-Klima. Die EDG-Mitarbeiter erzählen von Abmahnungen, weil jemand einen Kaffee zu viel in der Pause getrunken habe oder eine Warnweste nicht ordnungsgemäß trug.

Verkauf an Remondis ist eine häufige Drohung

Generell werde vieles nicht „auf Augenhöhe“ besprochen, sondern häufig direkt mit Konsequenzen gedroht. „Es heißt immer: Wenn du nicht…, dann…“, sagt einer der Müllarbeiter am Tisch.

Ein Argument, das immer wieder komme, laute: Wenn ihr so weitermacht, dann werdet ihr an Remondis verkauft. Remondis ist ein privates Entsorgungsunternehmen mit Sitz in Lünen.

„Selbstbedienungsladen“: Die Liste an Vorwürfen ist lang

Viele fühlen sich zermürbt von dem Dauerärger. Die Mehrheit habe Angst, sich zu äußern, heißt es in der Runde. Nur deshalb sei es nach Wolfgang Birks Abberufung zunächst ruhig geblieben.

Das, was die Männer im Laufe des Nachmittags erzählen, zeichnet kein gutes Bild von den Verhältnissen innerhalb der Dortmunder Müllabfuhr, die längst eine weit verzweigte Holding ist.

Das Wort „Selbstbedienungsladen“ fällt immer wieder. Von Betriebsräten, die der Belegschaft in den Rücken fallen, ist die Rede und von Seilschaften bei der Vergabe von Aufträgen oder Erhöhung von Verdienststufen.

Ein Satz eines Vorgesetzten ist vielen im Gedächtnis geblieben: „Wir müssen den Gelben in den Arsch treten.“ So werden wegen ihrer Arbeitskleidung die Müllwerker genannt.

Die „Aufständischen“ sagen, dass sie für 250 Mitarbeiter sprechen

Die Vorwürfe decken sich mit denen, die in dem Flyer an das Personal aufgelistet sind. Die EDG bestreitet die Angaben in dem Schreiben und will gegen die Urheber personalrechtlich vorgehen.

250 Mitarbeiter stünden hinter ihrem Anliegen, sagen die Männer am Gartentisch. Nachprüfbar ist das nicht. Aber das wäre rund ein Viertel der gesamten EDG-Belegschaft. Sie fühlen sich nicht in der Minderheit.

Deshalb wird ein Teil der Männer die Anonymität bald beenden. Sie möchten den neuen Betriebsrat bilden und werden voraussichtlich im Frühjahr 2022 zur Wahl antreten. „Wenn wir uns outen, wird das ein Spießrutenlauf“, sagt einer, der auf der Wahlliste stehen wird.

Ihr Aufschrei habe nichts mit „Sozialromantik“ zu tun, sondern sei der Versuch, die EDG-„Familie“ wieder zu dem Arbeitsplatz zu machen, den sie kennengelernt haben.

Viele fürchten um den Charakter ihrer Jobs

Und was ist, wenn sie bei der Betriebsratswahl scheitern? „Dann war es zumindest ein Denkzettel. Aber wir verlieren nicht“, lautet die schnelle Antwort auf diese Frage.

„Ich war Hauptschüler und bin Müllmann. Aber ich verhalte mich sozialer als manch einer auf der höheren Ebene“, sagt ein Mann in den Vierzigern, als er noch einmal eine leidenschaftliche Lobrede auf seinen Beruf anstimmt.

„Ich bin schon als kleiner Junge, auf dem Wagen mitgefahren. Ich möchte nicht, dass mir das genommen wird.“

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Redaktion Dortmund
Seit 2010 Redakteur in Dortmund, davor im Sport- und Nachrichtengeschäft im gesamten Ruhrgebiet aktiv, Studienabschluss an der Ruhr-Universität Bochum. Ohne Ressortgrenzen immer auf der Suche nach den großen und kleinen Dingen, die Dortmund zu der Stadt machen, die sie ist.
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Felix Guth

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