„Ein bisschen Arroganz muss sein“: Eis-Freestyle macht aus Eis-Disco-Romantik einen Sport

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Kapuzenpullis statt Glitzer, Zwei-Meter-Sprünge statt Pirouetten. Die Eis-Freestyler von „Turtlestyle“ haben mit Eiskunstlauf wenig am Hut. Im November laden sie zu ihrem ersten Contest.

Dortmund, Wischlingen

, 29.09.2019, 04:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Coolen in der Eishalle hat man schon immer daran erkannt, dass sie ohne Jacke fahren. Nur im Pullover und mit Hockey-Schlittschuhen rasen sie über die Eisfläche. Sie versuchen sich an waghalsigen Tricks, immer auf die Aufmerksamkeit von jenen hoffend, die sich in ihren geliehenen Schlittschuhen ängstlich an die Bande klammern.

Aus dem Kleidungs-Code für fortgeschrittene Eis-Disco-Gänger ist bei den Eis-Freestylern von „Turtlestyle“ längst eine Uniform geworden. Ihre Kapuzenpullover ziert das Vereinslogo, bei Auftritten tragen sie dazu noch Käppis und schwarze Masken, die Mund und Nase verdecken.

Mit glitzernden Einteilern und hautfarbenen Nylon-Strumpfhosen, wie man sie aus dem Eiskunstlauf kennt, haben die Freestyler nicht viel am Hut.

Und auch sonst erinnert nicht viel an klassischen Eiskunstlauf, als die Sportler von Turtlestyle an einem Dienstagabend im Eissportzentrum an der Strobelallee trainieren.

Breakdance und Hip Hop treffen beim Eis-Freestyle auf Eiskunstlauf

Während der Nachwuchs einzelne Tricks und Bewegungen übt, gehen die Freestyler vom Show-Team, gewissermaßen die Profis im Verein, eine alte Choreografie durch. Das Show-Team kann gebucht werden: für Weihnachtsmärkte, Partys in Eishallen oder als Halbzeit-Show bei Eishockey-Spielen.

Längst sind sie nicht mehr die, die bei der Eis-Disco am Samstagabend auf ein williges Publikum hoffen müssen.

In ihren Shows sieht man waghalsige Sprünge, eigenwillige Figuren und akrobatische Verrenkungen, das alles gemixt mit Elementen aus Breakdance und Hip Hop und aktueller Musik. „Je bekannter das Lied, desto besser“, sagt Mike Nowak. „Dann muss das Publikum sich nicht erst an die Musik gewöhnen, sondern kann sich direkt auf die Choreografie konzentrieren.“

„Ein bisschen Arroganz muss sein“: Eis-Freestyle macht aus Eis-Disco-Romantik einen Sport

Die Eis-Freestyler von Turtlestyle in Aktion. © Marie Ahlers

Der Kassenwart des Vereins steht an diesem Abend mit Straßenschuhen auf der Eisfläche. Häufig kümmert er sich ums Organisatorische: Kostüme, Sponsoren, Ausrüstung.

Mithilfe einer selbst gebauten Rampe springen einige Freestyler gerade über eine zwei Meter hohe Latte. Nowak zeigt die selbstgezimmerten Halterungen für die Latte, die mit dem Vereinsspruch und -logo, eine Schildkröte, verziert sind. „Den Schildkröten-Sticker aufzukleben, ohne dass er zerreißt, war die meiste Arbeit.“

Zwei Pragmatiker und ein Visionär

An der Vereinsspitze sind sie zu dritt. Neben Nowak sind da noch Dietmar Deubner und Kevin Bock, erster und zweiter Vorsitzender des Vereins. Seit 40 Jahren steht Deubner auf dem Eis, im Revierpark Wischlingen ist er zu Hause. Und auch zum Eissportzentrum Westfalen, in dem Turtlestyle bis zum Ende der Sommerpause in Wischlingen trainiert, hat er einen guten Draht.

Schon lange bevor es Turtlestyle gab, war er für die Jugendlichen in der Eishalle da. „Mann will ja nicht immer alles den Eltern erzählen“, sagt er. „Oft kommen die jungen Leute dann zu mir.“ Die Eishalle, das ist für ihn ein Nachfolger der Jugendtreffs, die es immer weniger gibt.

Als Nowak und Kevin Bock einen Eis-Freestyle-Verein gründen wollten, holten sie sich als erstes Deubner ins Boot. Kevin Bock ist der dritte Mann im Bunde. Wenn Nowak und Deubner die Pragmatiker sind, ist Bock der Visionär.

Vom Revierpark in die RTL-Soap

Bock, der auf den Spitznamen Turtle hört, will Großes erreichen mit dem Verein. Er will, dass jeder in Dortmund die Freestyler von Turtlestyle kennt, die immerhin amtierende Deutsche Meister sind. „Wir sind der beste Eis-Freestyle-Verein in Dortmund“, ruft er selbstbewusst in die Kamera, als er sich für ein Video vorstellen soll.

„Ein bisschen Arroganz muss schon sein“, fügt er lachend hinzu, als die Kamera aus ist.

Video
Dortmunds erster Eis-Freestyle-Verein: TurtleStyle

Sobald eine Kamera auf Bock gerichtet ist, läuft er zu Höchstformen auf. Dann wird gesprungen, getanzt, posiert, was das Zeug hält. Als letztes Jahr RTL beim Revierpark Wischlingen anrief und nach jemandem fragten, der in der Soap „Alles was zählt“ einen Eislauf-Trainer spielen könnte, wurde Bock sofort hellhörig.

Er bewarb sich und bekam die Rolle. Seit August ist er in der Serie, die in einem Eissportzentrum spielt, als Trainer Andy Sievers zu sehen.

Fast lässt Bocks Präsenz die anderen Freestyler im Show-Team verblassen. Da ist zum Beispiel Ann-Kathrin, die sich mühelos aus dem Stand in den Spagat fallen lassen kann. Oder Lorenz, der mit Anlauf locker zwei Meter hochspringen kann. Oder Lea, die - mit schweren Eisschuhen an den Füßen - mehrere Minuten im Handstand ausharrt.

Vorraussetzung: Vorwärtsfahren, rückwärtsfahren, bremsen

Fast alle Freestyler von Turtlestyle sind Quereinsteiger. Erfahrungen im Eiskunstlauf oder Eishockey bringt hier niemand mit. Stattdessen sind sie Tänzer, Breakdancer oder Kampfsportler.

Auch bei den Show-Team-Mitgliedern stehen viele erst seit drei oder vier Jahren als Freestyler auf dem Eis. Bock selbst hat erst vor drei Jahren mit dem Training angefangen. „Bis dahin hatte ich nicht mal Rhythmusgefühl“, erzählt er lachend.

„Vorwärtsfahren, rückwärtsfahren, bremsen können“, sagt Deubner. Das sind die Voraussetzungen, um bei den Eis-Freestylern mitmachen zu dürfen.

Keine Profi-Sportler

„Wir suchen keine Profi-Sportler“, sagt Bock, „sondern individuelle Typen mit Ehrgeiz, die was erreichen wollen.“ Gerade für das Nachwuchs-Team sind die drei von der Vereinsspitze immer auf der Suche nach neuen Mitgliedern.

Eis-Freestyle ist keine vom Deutschen Olympischen Sportbund anerkannte Sportart. Es gibt nicht mal ein Regelwerk. Doch vielleicht ist auch das der Grund, dass Eis-Freestyle noch ein tatsächlicher Freistil ist.

„Das Spannende ist, dass Freestyle viele Optionen offenlässt“, sagt Bock. Man kann kreativ werden, Neues ausprobieren, eigene Ideen einbringen. Starre Regeln gibt es nicht. Genauso wenig wie glitzernde Einteiler und mit Haarspray einbetonierte Hochsteckfrisuren.

Turtlestyle lädt zum ersten eigenen Contest ein:

Dortmunds einziger Eis-Freestyle-Verein richtet am 2. November seinen ersten eigenen Contest aus. Dann findet im Revierpark Wischlingen der 1. Wischlinger Ice-Freestyle Cup statt.

In Einzelchoreografien haben hier Teilnehmer aus ganz Deutschland die Möglichkeit, sich zu beweisen. Bewertet wird ihre Leistung von einer fachkundigen Jury, unter anderem in den Kategorien Kreativität, Ausführung und Musikverständnis. Anmeldungen nimmt der Revierpark Wischlingen unter www.wischlingen.de entgegen.

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