Einbrecher mit gefälschten Pässen unterwegs

Polizei-Bilanz

Gefälschte Pässe, Einbrüche, Steuerhinterziehung und Sozialhilfebetrug: Eine Ermittlungskommission der Dortmunder Polizei konnte in den vergangenen 12 Monaten international arbeitende Banden überführen. Von der Justiz ließen sich bereits verurteilte Täter jedoch nicht abschrecken.

DORTMUND

, 29.02.2016, 15:29 Uhr / Lesedauer: 3 min

78 Tatverdächtige und 653 aufgeklärte Straftaten - Polizeisprecher Oliver Peiler sprach am Montag von einem "beeindruckenden Ermittlungserfolg" der Ermittlungskommission (EK) "Schmelze". Polizeipräsident Gregor Lange zieht daraus die Konsequenzen: Wegen der erfolgreichen Arbeit in EK-Strukturen setzt die Kriminalpolizei seit Anfang Februar 2016 eine weitere Ermittlungskommission ein, die wegen "einer bedenklichen Entwicklung" bei den Einbruchszahlen zusätzlich gegensteuern soll. Mitte März präsentiert der Polizeipräsident die Kriminalitätsstatistik für 2015. Schon jetzt steht fest: Steigende Einbruchszahlen setzen die Polizei weiter unter Erfolgsdruck. Sie muss die Aufklärungsquote weiter erhöhen.

Im Labor und auf der Straße

Mehrere Erfolge konnte die von dem 1. Kriminalhauptkommissar Rainer Buchholz geleitete Ermittlungskommission in den vergangenen Jahren erzielen. Zwischen Januar 2015 und Januar 2016 kamen die Kriminalbeamten erneut professionell arbeitenden Einbrechern auf die Schliche. Mal half Kommissar Zufall. Mal war es das Bauchgefühl, dass die Polizei auf die Spur der Täter führte. Mal war es Laborarbeit, bei der Zusammenhänge zwischen einzelnen Taten sichtbar wurden. Und mal war es von allem etwas, um den Banden das Handwerk legen zu können. Auch Observationen führten die Polizei ins Ziel. So auch im Vorort Berghofen, im Süden Dortmunds, wo während einer Einbruchsserie auf der lauer liegende Ermittler zwei Einbrecher stoppen konnten.

Pässe gefälscht und verkauft

Die in 12 Monaten insgesamt 78 festgenommenen und unabhängig voneinander arbeitenden Tatverdächtigen stammen aus Dortmund, Albanien, Bosnien und Serbien. Ihnen ordnet die Polizei 653 Straftaten zu. Spezialisiert hatten sie sich auch auf Einfamilienhäuser in Dortmund und anderen Städten. Die Justiz reagierte mit 42 Haftbefehlen und setzte zwei Abschiebungen ins Ausland durch. Krass ist der Fall eines Serben: In seiner Heimat fälschte er Personalausweise und Reisepässe auf qualitativ hohem Niveau. Personalausweise und Reisepässe verhökerte er in Serbien für 100 Euro im Doppelpack.

In Dortmund ging die Pass-Kombination dann für 1000 Euro über den Tisch. Mit den verschwundenen Pass-Rohlingen bei den Dortmunder Bürgerdiensten hat dieser Fall nichts zu tun. Obendrein kassierte der Serbe in Deutschland Sozialhilfe: Auf 43.000 Euro schätzt die Dortmunder Staatsanwaltschaft den so entstandenen Schaden. Auf 36.000 Euro schätzen Steuerfahnder den Schaden, der durch den illegalen Handel mit Lebensmitteln wie Wurst und Käse entstanden ist. Der Serbe baute sich mit dem Erlös ein schickes Haus.

Neue Identität und weitere Straftaten

Einbrecher sollten mit den täuschend echt aussehenden Dokumenten unbehelligt in die Bundesrepublik Deutschland einreisen können, da ihre wahre Identität längst "verbrannt" war. Sie hatten unter ihrem echten Namen bereits Haftstrafen abgesessen und brauchten neue Identitäten, um Grenzkontrollen ungehindert überwinden zu können. Gefängnis-Aufenthalte schreckten manche Täter nicht ab: Bundesweit arbeitende Täter durften ihre Untersuchungshaft-Zellen vorzeitig verlassen. Laut Rainer Buchholz sollen sie teilweise noch am Tag der Entlassung aus dem Gefängnis neue Straftaten begangen und innerhalb weniger Stunden hohe Geldbeträge ins Ausland überwiesen haben. Aktiv waren die Einbrecher in Dortmund, im Märkischen Kreis, im Münsterland, im Ennepe-Ruhr-Kreis sowie in Bayern, Schleswig-Holstein und Niedersachsen.

Datenbanken spucken Zusammenhänge aus

Abgeschlossen sind die Ermittlungen der EK Schmelze noch nicht. "Wir bekommen laufend Treffer", sagt Rainer Buchholz über die Erfolge in den Datenbanken der Polizei. Darin landen Fingerabdrücke, DNA und andere Spuren. Computer ordnen diese Spuren den Tatorten zu. Bei längst in Untersuchungshaft sitzenden Tatverdächtigen können die Akten also immer dicker werden, obwohl sie keine Straftaten mehr begehen.

Zur richtigen Zeit klickten die Handschellen bei zwei zunächst in Bayern aufgefallen und in der Dortmunder Nordstadt lebenden Männern. Die "sehr aktiven Täter" konnte die Polizei am 19. Januar 2016, einen Tag vor der Ausreise nach Albanien, in einer Wohnung festnehmen. "Die Flugtickets lagen schon bereit", sagte Buchholz über den Zeitpunkt der Festnahme. Nebenbei konnte die Polizei auch Einbruchsbeute und 9000 Euro Bargeld sicherstellen. Interessant: Nach einer Festnahme in Drensteinfurt ordnete ein Richter die Untersuchungshaft an - aus der die Männer schnell wieder entlassen wurden. Um dann sofort neue Straftaten zu begehen.

Haftgrund: Wiederholungsgefahr

Henner Kruse von der Dortmunder Staatsanwaltschaft spricht von "sehr komplizierten" Verfahren. "Wir müssen jedem Tatverdächtigen nachweisen, dass er am Tatort war". Die in den vergangenen Wochen vollstreckten Haftbefehle begründete er mit der "Wiederholungsgefahr".

Staatsanwältin Dr. Dagmar Kolbe erhielt während der umfangreichen Ermittlungen eines Tages Besuch von dem Rechtsanwalt eines festgenommenen Mandaten. "Wissen Sie eigentlich, worauf Sie sich da eingelassen haben?", fragte der Jurist. Wissend, dass sein Mandant für etliche Straftaten verantwortlich ist. Wochenlang führte der drogenabhängige Tatverdächtige aus Dortmund die Ermittler von Tatort zu Tatort. Dabei legte er eine "Lebensbeichte" ab. Laut Dr. Dagmar Kolbe nicht die erste Lebensbeichte.

Die Ermittlungskommission (EK) "Schmelze" heißt so, weil die Täter gestohlenen Schmuck schnell einschmelzen. So verdienen sie schneller ihr Geld.

 

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