Eine Fahrt für 1000 Mark, ein Verbrecher als Beifahrer: Was ein Dortmunder Taxifahrer erlebt

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Der Dortmunder nennt sich Theodor Ekaar-Netsroht - und hat Erlebnisse aus 30 Jahren als Taxifahrer in einem Buch zusammengefasst. Hier erzählt er drei skurrile Vorfälle als Vorgeschmack.

von Anna Maria Stock

Dortmund

, 05.02.2020, 17:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Leben eines Taxifahrers besteht zu einem großen Teil aus Warten, sagt Theodor Ekaar-Netsroht. Der Name ist ein Pseudonym. Der 51-Jährige ist seit 30 Jahren Taxifahrer in Dortmund, hat so manches auf seinen Fahrten erlebt. Und die viele, langweilige Wartezeit genutzt, um ein Buch über diese Erlebnisse zu schreiben. „Mit dem Taxi zur Hölle“ hat er es genannt. Und uns im Gespräch einige skurrile Geschichten persönlich erzählt.

Die Explosion

Einmal habe er zwei Personen nach Dortmund-Berghofen gefahren. Auf dem Rückweg zur Zentrale lag plötzlich ein Haus, das wenige Minuten vorher noch gestanden hatte, in Schutt und Asche. Eine Gasexplosion, wie sich später herausstellte.

Er blieb stehen. Gleich vor dem Haus befand sich ein Taxistand. „In dem vordersten Taxi saß ein älterer Kollege“, erzählt Ekaar-Netsroht. Dessen Auto war beschädigt, die Scheiben zertrümmert. Zitternd sei er ausgestiegen, sagt Ekaar-Netsroht, und zu dem Kollegen im zerstörten Taxi gegangen. „Der war total ruhig.“ Sein Kollege habe gesagt: „Was regst du dich denn da auf? Im Krieg habe ich ganz andere Sachen erlebt.“ Zum Glück sei niemand verletzt worden.

Im Taxi nach Kiel

Seine weiteste Fahrt habe er als noch unerfahrener Taxifahrer gemacht. In der langen Taxischlange vor dem Hauptbahnhof fragte ihn ein Kollege, ob er eine Kundin übernehmen könne, die nach Kiel möchte. „Geld ist kein Problem, hat er mir gesagt“, erzählt Ekaar-Netsroht.

Auf die Frage, wieso er denn nicht selber fahre, sagte der Kollege, dass es ein Missverständnis gegeben hätte. Er dachte erst, die Frau wolle nach Köln. Mit der Aussicht auf ein lukratives Geschäft habe Ekaar-Netsroht zugesagt, die Frau stieg ein. „Sie sprach kein Wort Deutsch, kein Wort Englisch, war osteuropäisch.“ Irgendwie konnten sie sich aber dann doch über das Nötigste verständigen.

Eine Fahrt für 1000 Mark, ein Verbrecher als Beifahrer: Was ein Dortmunder Taxifahrer erlebt

Eigentlich heißt Theodor Ekaar-Netsroht anders. Sein Buch hat er unter einem Pseudonym veröffentlicht. © Anna Maria Stock

So verstand der Taxifahrer, dass sie selbst kein Geld bei sich hatte – woraufhin er anfing, sich Sorgen zu machen. Während einer Pause bei Bremen schrieb er nochmal „Kiel“ und „Köln“ auf einen Zettel, hielt sie nacheinander seinem Fahrgast vor. Die Frau nickte bei beiden. „Ich bekam Zweifel, ob ich auf dem richtigen Weg bin.“

„Das einzige, was die Frau immer sagte, war: ,Zwei Eros-Center‘“, erinnert sich der Taxifahrer weiter. Als sie nach Kiel kamen, wandte sich Ekaar-Netsroht an einen anderen Taxifahrer. Als der ihm sagte, dass es in Kiel tatsächlich zwei Eros-Center gebe, die sich direkt gegenüberlägen, sei ihm bereits ein Stein vom Herzen gefallen.

Vor den beiden Eros-Centern seien sie dann von einem Mann in Empfang genommen worden, vermutlich einem Zuhälter. Das Taxameter zeigte über 1000 Mark an. „Der Zuhälter nahm seine Geldbündel und gab mir das Geld“, sagt Ekaar-Netsroht. Und weiter: „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie viele Steine mir vom Herzen fielen.“ Er fuhr noch am gleichen Tag zurück nach Dortmund.

Messer im Stiefel

Ein anderes Mal, nach einem Konzert in der Westfalenhalle, hätte er einen Fahrgast gehabt, der in die Niederlande wollte. Als dieser ihn dann aber auf die A1 gen Köln – in die falsche Richtung – schicken wollte, sei er misstrauisch geworden.

Der Fahrgast trug Cowboystiefel. „Der fummelte immer daran rum“, erzählt der Taxifahrer. Als sie auf einem Parkplatz anhielten, sah er dann im Licht der Straßenlaternen, dass aus dem geöffneten Stiefelschaft eine lange Messerklinge aufblitzte. Theodor Ekaar-Netsroht erschrak. Sagte aber nichts, fuhr weiter. Viel zu schnell, trotz Schneetreibens. Und ignorierte die Bitte seines Gastes, erneut anzuhalten.

Hinter Wuppertal stand dann ein Schild an der Straße: „Autobahnpolizei“. Erleichtert fuhr Ekaar-Netsroht von der Autobahn, hielt vor dem Polizeigebäude und drückte den Knopf der Taxi-Alarmanlage, die sein Auto wie jedes Taxi hat – und die das Auto blinken und hupen lässt.

„Und dann ging alles ganz schnell.“ Die Polizeibeamten nahmen den Mann sofort fest. „Er war tatsächlich bereits per Haftbefehl gesucht worden“, erzählt Ekaar-Netsroht. Was sein Fahrgast verbrochen hatte, das habe er nicht erfahren.

Die Polizisten hätten ihm dann noch das Geld gegeben, das sie bei dem flüchtigen Verbrecher gefunden hatten. „Das hat bei weitem nicht gereicht, aber das war mir dann auch egal“, so Ekaar-Netsroht.

Taxifahrer wider Willen

So aufregend sei das Taxifahren nicht immer: „Am schlimmsten ist diese furchtbare Langeweile. Das Warten auf den nächsten Kunden.“ Als Theodor Ekaar-Netsroht mit 21 Jahren den Taxischein machte, war das eine Möglichkeit, schnell Geld zu verdienen, eine Art Notlösung. Daraus sei dann eine Dauerlösung geworden.

Heute fährt er hauptberuflich LKW, ist aber nebenberuflich nach wie vor als Taxifahrer in Dortmund unterwegs.

Etwas Wunderbares habe ihm das Taxifahren in all den Jahren auf jeden Fall beschert, erzählt er: seine Frau. Die habe er bei der Arbeit kennengelernt.

Eine Fahrt für 1000 Mark, ein Verbrecher als Beifahrer: Was ein Dortmunder Taxifahrer erlebt

© tredition-Verlag

„Ich habe versucht, das Prinzip Taxi zu erklären. Einen Blick hinter die Kulissen zu gewähren“, beschreibt Theodor Ekaar-Netsroht das Vorhaben hinter seinem autobiografischen Buch. Theodor Ekaar-Netsroht: Mit dem Taxi zur Hölle. Als mich der Teufel jagte. tredition 2019.
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