Eine Tür, die nach innen führt

23.09.2007, 18:56 Uhr / Lesedauer: 2 min

Viele tun es - wenige sprechen darüber: Beten!

Kennen Sie das Stoßgebet bei einer Klassenarbeit, den Notruf bei einer Vollbremsung auf der Autobahn, das lange Gespräch mit Gott in schlafloser Nacht? Das gemeinsame Gebet abends am Kinderbett, die Bitte für einen Freund oder den Hilferuf vor einer Operation?

Zurzeit bin ich öfter im Krankenhaus, um einen Patienten dort zu besuchen. In der Kapelle liegt ein Buch aus mit vielen Gebeten: hadern, schimpfen, jammern, klagen. Wünsche, dass alles gut gehen möge, Danksagungen, Bitten. Jedes Gebet ist anders, sieht anders aus: nur ein Wort, ein Satz vielleicht, ein Gedicht, ein langer Brief, ein Verweilen in Stille, ein Lied, das Vaterunser. Beten ist eine elementare Kulturtechnik der Innerlichkeit. Selbst dort, wo kein Gott verehrt wird, wie im Buddhismus, gibt es das Gebet. Für Muslime strukturiert es den Tageslauf. Und Religionspädagogen empfehlen, es schon Kindern zu lehren. Beten fördert Konzentration, Stillefähigkeit, es entlastet und weitet die engen Räume des Alltagsbewusstseins. Zu sich finden, das ist die wohltuende Wirkung des Gebets.

Beten lockert unsere Fixierung auf das Ich und auf das Mein. Es lässt das aufscheinen, das größer ist als wir. Beten ist etwas Intimes, eine Herzenssache. Mehr Menschen als man denkt, tun es. Die Sehnsucht danach steckt in jedem. Und doch sagen viele: Ich kann nicht beten. Manche sagen auch: Ich bete nicht, aber manchmal höre ich, wie es in mir betet.

Beten ist eine faszinierende Möglichkeit jedes Menschen, sich zu überschreiten, sich zu verlassen und doch dabei ganz bei sich zu bleiben. Es ist eine Tür, die nach innen führt, in das Allerheiligste, das jeder Mensch in sich hat.

Tun Sie¹s doch mal ­ vielleicht gerade jetzt: vor einer Reise in die Ferien oder wo immer Sie Ihre Woche erleben.

Barbara von Bremen absolvierte ein freiwilliges Jahr in Lateinamerika, bevor sie evangelische Theologie studierte. 1989 kam sie nach Dortmund, ist als Pfarrerin für Stadtkirchen-Arbeit an St. Petri tätig. E-Mail: b.v.bremen@stpetrido.de

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