Erdrutsch am Hengsteysee – doch Fußgänger missachten Absperrung und bedrohen Café-Betreiber

mlzCafé Seeschlößchen

Der Rundweg am Hengsteysee ist gesperrt. Nach einem Erdrutsch besteht am Café Seeschlößchen Lebensgefahr. Was die Café-Betreiber seitdem mit den Spaziergängern erleben, ist unglaublich.

Syburg, Herdecke

, 11.03.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Um in diese Geschichte eintauchen zu können, stellen Sie sich Folgendes vor: Ihnen gehört eine fast 150 Jahre alte Villa am Hengsteysee. Ihr Haus und das Wasser trennt lediglich ein Fuß- und Radweg. Der gehört Ihnen, ist aber für die Öffentlichkeit nutzbar. Hinter Ihrem Haus ist es auch schön. Denn da ist nichts als Wald. Eigentlich prima, oder?

Jetzt stellen Sie sich vor, dass dieser einzige öffentliche Weg wegen Lebensgefahr gesperrt ist, den Spaziergängern das aber herzlich egal ist. Sie werden also angepöbelt, bedroht und beleidigt.

Willkommen in der Welt der Eigentümer des Hauses. Wenige Meter von der Stadtgrenze zu Dortmund steht auf Herdecker Gebiet die Villa Funcke. Heute eher bekannt als Café Seeschlößchen.

„Wir waren erst mal ohnmächtig“

Hier wohnt ein Ehepaar seit mehreren Jahrzehnten, es betreibt an Sommerwochenenden ein Café und ermöglicht seit 2012 Ambiente-Trauungen sowie private Feiern.

Bislang sei die Zeit hier ohne größere Probleme verlaufen, sagen die Eigentümer, die namentlich nicht genannt werden möchten.

Blick vom Trampelpfad in Richtung Abbruchstelle. Viele Menschen nutzen das Privatgelände der Hauseigentümer als Abkürzung.

Blick vom Trampelpfad in Richtung Abbruchstelle. Viele Menschen nutzen das Privatgelände der Hauseigentümer als Abkürzung. © Oliver Schaper

Am 4. Oktober 2019 änderte sich alles. An diesem Tag sind Teile einer Stützmauer direkt vor dem Seeschlößchen eingestürzt. „Wir waren erst mal ohnmächtig“, sagen die Eigentümer. Der Fuß- und Radweg ist seitdem gesperrt, ein vollständiges Umrunden des Hengsteysees entlang des Wassers ist nicht möglich.

Die Stadt Herdecke hat Hinweisschilder angebracht und Baustellen-Absperrungen aufgestellt, wie Stadtsprecher Dennis Osberg auf Anfrage mitteilt. Wie die Besitzer des Seeschlößchens vor Ort sagen, ist den Spaziergängern am See das egal gewesen. Sie seien an den Absperrungen vorbeigelaufen.

Jetzt lesen

Warum sollte man wegen der acht Meter breiten Bruchstelle und der 100 Meter, die gesperrt sind, hier auch Halt machen? Einfach vorbeilaufen – und weiter geht die Umrundung des Sees.

Das rote "X" markiert die gesperrte Stelle. Wer ordnungsgemäß und ohne Risiko den Rundweg möglichst nah am See entlang laufen möchte, müsste theoretisch knapp 2 Kilometer Umweg auf sich nehmen. Rein praktisch laufen die meisten Menschen über den Trampelpfad hinterm Café Seeschlößchen und das Privatgrundstück der Eigentümer.

Das rote "X" markiert die gesperrte Stelle. Wer ordnungsgemäß und ohne Risiko den Rundweg möglichst nah am See entlang laufen möchte, müsste theoretisch knapp 2 Kilometer Umweg auf sich nehmen. Rein praktisch laufen die meisten Menschen über den Trampelpfad hinterm Café Seeschlößchen und das Privatgrundstück der Eigentümer. © Martin Klose (Grafik)

Also stellten die Besitzer auf eigene Kosten nicht nur Hinweisschilder auf, sondern auch Bauzäune, sie kauften Hunderte Kabelbinder, um die Zäune sicher zu befestigen. Spaziergänger hätten sie zerschnitten, um die Zäune beiseiteschieben zu können. Selbst Metallklammern haben sie durchtrennt, sagen die Eigentümer

Menschen tragen ihren Kinderwagen über die Absperrung

„Wenn wir die Spaziergänger ansprechen, werden wir beleidigt“, sagen die Eigentümer. Beiden seien nicht selten Schläge angedroht worden, Schimpfwörter aus der Gosse seien normal.

Jetzt lesen

Und alles, weil sie die Menschen darauf hinweisen, dass sie gesperrtes Privatgelände betreten. Die Polizei zu rufen, lohne sich nicht. Bis ein Streifenwagen vor Ort sei, seien die Übeltäter schon längst weg. Einfach so festhalten können die Besitzer des Hauses sie ja auch nicht.

Nicht nur die Stadt Herdecke, auch die Eigentümer des Café Seeschlößchens haben Hinweisschilder am Hengsteysee aufgestellt.

Nicht nur die Stadt Herdecke, auch die Eigentümer des Café Seeschlößchens haben Hinweisschilder aufgestellt. Einige Spaziergänger drehen an der Sperrung um, andere sagen „ist mir egal“. © Michael Nickel

„Menschen heben sogar Kinderwagen über die Zäune, um hier lang zu laufen“, sagen sie. Von ihrer Terrasse aus haben die Eigentümer beobachtet, wie sechs Männer mit Anlauf einen der Bauzäune umgestürzt haben, um weiterlaufen zu können. Vorbei an der Stelle, die lebensgefährlich ist, weil sie jederzeit mehrere Meter tief in den Hengsteysee abrutschen kann.

Fahrradfahrer und Spaziergänger, die keine Zäune umstoßen, haben sich einen alternativen Weg erschaffen. Der führt direkt hinter dem Seeschlößchen durch eine Naturwaldzelle und ein Landschaftsschutzgebiet auf Herdecker Gebiet im Besitz der Stadt Dortmund.

Vandalismus, Beleidigungen, Bedrohungen: die Eigentümer des Gebäudes haben seit der Sperrung mit Menschen zu kämpfen, die mitunter Grenzen des Anstandes überschreiten.

Vandalismus, Beleidigungen, Bedrohungen: die Eigentümer des Gebäudes haben seit der Sperrung mit Menschen zu kämpfen, die mitunter Grenzen des Anstandes überschreiten. © Michael Nickel

Seit der Sperrung verläuft hier ein Trampelpfad, den es vorher nicht gab. Das Betreten dieses Waldes sei abseits der unbefestigten Wege „auf eigene Gefahr erlaubt“, erklärt Herdeckes Stadtsprecher Osberg.

Der neue Weg jedoch ist rutschig und führt mitunter über das Grundstück der Seeschlößchen-Besitzer. Mehrere Holzzäune haben Spaziergänger schon zerstört, als sie über den privaten Teil des Grundstücks kletterten.

Private Terrasse wird als Klo benutzt

„Einmal habe ich morgens auf unserer Terrasse entdeckt, wie hier jemand sein großes Geschäft hinterlassen hat.“ Der Spaziergänger muss nachts wohl darauf gesetzt haben, dass das Café oder zumindest die Toilette geöffnet haben. Beides war nicht der Fall.

Jetzt lesen

Eine Botschaft ist den Eigentümern besonders wichtig: Hochzeiten und Events können hier weiter wie geplant ab Mai stattfinden. Selbst wenn der Weg vor dem Seeschlößchen gesperrt sei, sei der Zugang zum Gebäude möglich. „Die Stadt Herdecke ist sehr bemüht“, sagen sie.

Gut zu erkennen ist der Trampelpfad hinter dem Café Seeschlößchen. Er ist steil und rutschig.

Gut zu erkennen ist der Trampelpfad hinter dem Café Seeschlößchen. Er ist steil und rutschig. © Michael Nickel

„Da die Wiederherstellung der circa 100 Jahre alten Mauer sehr komplex und höchstwahrscheinlich auch ausgesprochen kostenintensiv sein wird, Zuständigkeiten nicht abschließend geklärt sind, die Erreichbarkeit der Baustelle zum großen Teil nur vom See gegeben ist, arbeitet die Stadt Herdecke intensiv an einer provisorischen Lösung“, erklärt Osberg.

Eine Holzbrücke könnte die Lösung sein

Ein weiterer Grund, warum die Stadt Herdecke schnell sein möchte: Sie ist weder Eigentümerin des Weges noch der Mauer – hat den Weg aber für die Öffentlichkeit gewidmet.

Der Rundweg ist auf etwa 100 Metern gesperrt. An der Abbruchstelle ist es gefährlich.

Der Rundweg ist auf etwa 100 Metern gesperrt. An der Abbruchstelle ist es gefährlich. © Michael Nickel

Eine mögliche provisorische Lösung könnte eine circa 12 bis 15 Meter lange Behelfsbrücke sein. Derzeit zeichne sich eine Lösung in Holzbauweise ab, so Osberg: „Die statischen Nachweise werden derzeit durch das Fachbüro geführt.“

Einen genauen Zeitpunkt zur Herstellung des Provisoriums nennt er nicht, aber: „Die Stadt Herdecke arbeitet mit Hochdruck an einer Möglichkeit, den Rad- und Fußweg so schnell wie möglich wieder passierbar machen zu können.“

Bis dahin werden sich die Besitzer des Cafés Seeschlößchen wohl noch einiges anhören und auf schlechtes Wetter hoffen müssen. Denn Sonne zieht die Menschen an.

Lesen Sie jetzt