Experiment zum OB-Wahlkampf: Wen würden Kinder wählen?

mlzOB-Wahl 2020

Ist die Vorhersage von Wahlergebnissen ein Kinderspiel? Diese These Schweizer Wissenschaftler haben wir mit Viertklässlern überprüft. Die Kinder durften abstimmen – das Ergebnis überrascht.

Dortmund, Lünen

, 07.09.2020, 08:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Politikberater predigen es seit Langem: Der erste Eindruck zählt, nicht das Wahlprogramm. Und der erste Eindruck von den Dortmunder OB-Kandidaten kommt für die meisten Wähler vom Wahlplakat. Wissenschaftler der Universität Lausanne haben bereits 2007 herausgefunden: Schon Kinder erkennen Gewinner am Gesicht. Sie treffen unterm Strich dieselbe Entscheidung wie Erwachsene. Was zählt, sind Sympathie und Vertrauenswürdigkeit.

Was liegt da näher, als Kinder zu fragen, wer unter den aussichtsreichsten Kandidaten der nächste Oberbürgermeister oder die nächste Oberbürgermeisterin von Dortmund wird? Thomas Westphal (SPD), Dr. Andreas Hollstein (CDU), Daniela Schneckenburger (Grüne), Utz Kowalewski (Die Linke) oder Michael Kauch (FDP)?

Weil die Kinder die Gesichter auf den Wahlplakaten noch nicht kennen sollten, um das Ergebnis nicht zu verfälschen, haben wir drei 4. Klassen der Leo-Grundschule in Lünen gebeten, den nächsten oder die nächste OB in einem nachgeahmten Experiment für uns probezuwählen.

Der Kapitän muss eine Führungskraft sein

Die 4a, 4b und 4c, insgesamt 55 Kinder, waren schneller als jedes Meinungsforschungsinstitut. Nach jeweils 20 Minuten stand der Sieger fest.

Zunächst waren die Kinder, alle zwischen 8 und 10 Jahren alt, aufgefordert zu erklären, welche Fähigkeiten ein Kapitän haben muss, der ein Schiff durch schwere See steuert. Die Antworten könnte man durchaus als Anforderungsprofil für den ersten Bürger der Stadt verwenden. Der ist schließlich auch so etwas wie ein Kapitän auf der städtischen Kommandobrücke.

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Wahlexperiment: Kinder wählen Dortmunder Oberbürgermeister - so wie Erwachsene?

Wer wird Dortmunder Oberbürgermeister oder Oberbürgermeisterin? Drei 4. Klassen der Lünener Leo-Grundschule haben für die Ruhr Nachrichten ein Wahlexperiment von Schweizer Wissenschaftlern nachempfunden und Orakel für die Dortmunder OB-Wahl gespielt. Das Fazit der Forscher: Es kommt nicht aufs Wahlprogramm, sondern aufs Äußere der Kandidaten an. Fanden wir spannend. Das Ergebnis traf aber nicht ganz die wissenschaftliche These.
04.09.2020
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Zunächst sollen die Kinder erzählen, was für Eigenschaften ein Kapitän haben muss, um sein Schiff sicher durch ein Unwetter zu steuern.© Schaper
Die 4. Klassen der Lünener Grundschulen haben eine genaue Vorstellung vom Anforderungsprofil, das durchaus auch für die städtische Kommandobrücke gelten könnte.© Schaper
Die Schüler haben sich eifrig zu Wort gemeldet.© Schaper
Jeder kam mal dran,© Schaper
Anhand der Wahlplakate an den Stellwänden (die Parteilogos waren zugeklebt) sollten die Kinder - wie hier die Klasse 4b - entscheiden, welchem Kandidaten sie am ehesten zutrauen, ein Schiff durch unsicheres Gewässer zu lenken.© Schaper
Ihre Wahl sollten sie nicht laut kundtun, sondern auf einem Wahlzettel ankreuzen.© Schaper
Da es eine geheime Wahl war und die Kinder sich nicht beeinflussen sollten, wurde möglichst verdeckt gewählt.© Schaper
Dann wurden die gefalteten Stimmzettel eingesammelt.© Schaper
55 Stimmzettel waren es insgesamt.© Schaper
Schließlich ging es an die Auszählung.© Schaper
Die Kinder erklärten, warum sie sich für "ihren" Kandidaten entschieden haben.© Schaper
Am Ende bekommen sie erklärt, wer gewonnen hat und wie die jeweiligen Kandidaten in der letzten Umfrage bei den Erwachsenen abgestimmt haben. Bei den Kindern hat Utz Kowalewski (Die Linke) gewonnen, gefolgt von Dr. Andreas Hollstein (CDU), Daniela Schneckenburger (Grüne), Thomas Westphal (SPD) und Michael Kauch (FDP).© Schaper

Die Kinder wissen: Ein Kapitän „muss gut auf seine Mitmenschen aufpassen“, „fürsorglich sein“, „alles im Blick haben“ und „das Schiff im Gleichgewicht halten“, „die richtige Ausbildung haben“, er oder sie „darf das Selbstvertrauen nicht verlieren“ und in einer schwierigen Situation „nicht in Panik geraten“, muss „Erfahrung“, „Mut“ und „Ausdauer“ haben“, „anführen“ und „befehlen können“, „die Mannschaft muss auf ihn hören“.

Der erste Mann oder die erste Frau an Bord muss „eine Führungskraft sein“, „klug“ und „stark“ sein, „darf niemals aufgeben“, „sich nicht vor dem Sturm verstecken“ oder „ablenken lassen“ und „muss aufpassen, dass niemand aus dem Boot fällt“.

Geheime Wahl

Auf wen der fünf Dortmunder OB-Kandidaten trifft das am ehesten zu? Das sollen die Kinder anhand der fünf Wahlplakate entscheiden, die vor ihnen hängen. Die Parteilogos sind zugeklebt, aber nicht die Namen und übrigen Schriftzüge.

Fotos der Kandidaten sind noch mal klein auf dem eigens angefertigten Wahlzettel, auf dem die Kinder ihr Kreuz machen sollen – möglichst so, dass der Tischnachbar es nicht sieht; denn es ist eine geheime Wahl. Die Kinder sollen sich nicht gegenseitig beeinflussen.

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Das Votum fällt eindeutig aus, wird aber kaum das Wahlergebnis am 13. September widerspiegeln und zerschießt damit die These der Schweizer Forscher, die doch so oft schon in der Welt mit weiteren Experimenten bestätigt wurde: Utz Kowalewski (Die Linke) erhält von den Kindern 19 Stimmen (34,5 Prozent) und liegt mit weitem Abstand vorn, in der letzten Forsa-Umfrage allerdings nur auf Platz 4 (5 Prozent).

Ihm folgt bei den Kindern Dr. Andreas Hollstein (CDU) mit 11 Stimmen (20 Prozent), dahinter Daniela Schneckenburger (Grüne) mit 10 Stimmen (18,2 Prozent), Thomas Westphal mit 9 Stimmen (16,4 Prozent) und abgeschlagen Michael Kauch (FDP) mit 6 Stimmen (11 Prozent).

„Weil die ökologisch ist“

Für Kowalewski spreche, „dass er gut Boot fahren kann“, ist Finn überzeugt. Jedenfalls sehe er so aus. Philipp findet das auch. Er hat ihm seine Stimme gegeben, weil der Nachname polnisch klingt: „Das sind gute Fischer und Angler.“ Melina hat ihn gewählt, weil er „so nett aussieht“ und wie ihr Arzt.

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Wessan sieht seinen Favoriten in Hollstein: „Dem kann man vertrauen“, „der sieht schlau und mutig aus“, meint Ghazal, und auch „kräftig“, sagt Dennes. Und „konzentriert, als ob er alles schaffen würde“, ergänzt Mihal.

Alexander hat sich für Daniela Schneckenburger entschieden, „weil sie ökologisch ist“ – das hat er auf dem Plakat gelesen – und er mal Bauer werden will. Für Jan und Xenia sieht sie „nett und freundlich“ aus. „Ich habe sie für die Bäume gewählt“, sagt Leon. Offensichtlich hat er wie Alexander nicht nur auf die Gesichter, sondern auch auf die Schriftzüge geschaut und damit die Schweizer Wissenschaftler Lügen gestraft.

„Der ist schon Oberbürgermeister“

Wie Paul, der glaubt, dass Westphal schon Oberbürgermeister ist, wie es auf dem Plakat steht. Deshalb habe er ihn gewählt. Auch für Noel und Collin kennt sich Westphal gut aus. „Der ist nie böse auf seine Mannschaft“, glaubt Nizar zu wissen.

Für Kauch haben Fenia und Arina gestimmt „weil sich der Name so deutsch anhört und er so lustig aussieht“. Eine weitere Stimme hat er bekommen, „weil er alles im Griff hat.“

Das Fazit des Experiments mit den Nachwuchswählern: Betrachtet man Utz Kowalewski als Ausreißer (wegen seines kinderfreundlichen Fotos), sehen auch die Kinder Westphal, Hollstein und Schneckenburger als Stichwahlkandidaten. Doch mit Orakeln ist es fast wie mit Meinungsumfragen: Erst am 13. September weiß man, ob das Experiment gelungen ist.

Mit demselben Experiment, das wir erstmals 2009 in der Grundschule Eichlinghofen gemacht haben, wurde damals Ullrich Sierau (SPD) von den Kindern zum Kapitän gewählt. Und ein paar Wochen später tatsächlich auch zu Dortmunds Oberbürgermeister.

Das Vorbild

So machte es die Wissenschaft:

  • Unser Versuch in der Leo-Grundschule hat ein reales Experiment als Vorbild. Zwei Wissenschaftler der Universität Lausanne zeigten in den Jahren 2007 und 2008 Kindern und Erwachsenen Fotos von männlichen und weiblichen Kandidatenpaaren, die fünf Jahre zuvor bei den französischen Präsidentschaftswahlen angetreten waren. Es handelte sich um die Gewinner und Zweitplatzierten der Wahl. Sie waren den Schweizer Probanden unbekannt.
  • Und dennoch entschieden sich allein auf Basis dieser Fotos 684 Studenten zu 72 Prozent für denselben Kandidaten wie seinerzeit die französischen Wähler.
  • Im zweiten Teil des Experiments spielten 681 Kinder zwischen fünf und 13 Jahren zunächst ein Computerspiel, das die Reise der griechischen Sagengestalt Odysseus von Troja nach Ithaka nachstellte. Dann sollten sie aus besagten Kandidatenpaaren jeweils einen Kapitän für das Schiff wählen.
  • Die Kinder entschieden sich dabei ganz ähnlich wie die Erwachsenen zu 71 Prozent für den Gewinner-Kandidaten.
  • Die Forscher schlossen daraus, dass das Gesicht eines Kandidaten über den Wahlerfolg entscheidet und dass sich die äußerlichen Merkmale, nach denen die Kinder die Kompetenz einer Person beurteilen, mit zunehmendem Alter und Erfahrung kaum ändern.
  • In einem Nebenexperiment sagten die Kinder damals auch die Wahl von Barack Obama voraus.
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