Dortmunds älteste Straße besteht aus einem Mix aus Holzbohlen und Steinen. © Ingmar Luther
Sensationsfund

Fast 1000 Jahre alt: Archäologen finden Dortmunds älteste Straße

In einer Baugrube in Dortmunds Innenstadt liegt eine kleine archäologische Sensation: Dort haben Archäologen die älteste Straße der Stadt gefunden. Sie besteht aus einem überraschenden Material.

Zu Ostern 1152 war Dortmund der Nabel des Heiligen Römischen Reiches. Der später legendäre deutsche König Friedrich Barbarossa hielt in der aufstrebenden westfälischen Stadt seinen ersten Hoftag ab. Die mächtigsten Fürsten Deutschlands kamen.

Viele der Edelmänner, vielleicht sogar Barbarossa selbst, werden Dortmund von Osten über den Hellweg betreten haben – und dabei wahrscheinlich über jene Eichenbalken geritten sein, die nun im Zuge der Schachtarbeiten für das neue DEW21-Fernwärmenetz am Ostwall freigelegt worden sind.

Das nur acht Quadratmeter große Stück historische Straße (vier Meter breit, zwei Meter lang) liegt in knapp zwei Metern Tiefe an der Kreuzung des Ostwalls mit der Kaiserstraße. Dort stand vor Jahrhunderten das Ostentor, eines der Haupttore der Dortmunder Stadtbefestigung – ein wahres Abwehrbollwerk mit einer doppelt gesicherten, 50 Meter langen Torburg.

Der nun gefundene Holzbohlenweg ist aller Wahrscheinlichkeit nach noch älter als das Ostentor, das erst Mitte des 13. Jahrhunderts erstmals erwähnt wird. Ein amerikanisches Speziallabor in Miami untersuchte Proben der Eichenbalken und kam zu dem Ergebnis, dass das Holz wahrscheinlich im 12. Jahrhundert, vielleicht sogar schon zwischen 1042 und 1108 gefällt wurde.

Die Archäologen dokumentieren ihren Fund in der Baugrube am Ostwall. © Thomas Thiel © Thomas Thiel

Für Dortmunds Stadtarchäologen Ingmar Luther ist der Fund eine Sensation: „Das ist Dortmunds älteste befestigte Straße.“

Der Zustand der über 800 Jahre alten Bohlen ist bemerkenswert, man erkennt sogar noch ihre Maserung. Der lehmige Untergrund versiegelte den Bohlenweg luftdicht und half dem Holz so, die Jahrhunderte zu überdauern.

Altes Bauholz wurde umfunktioniert

Diese Bodenbeschaffenheit war auch der Grund für die Entstehung des Holzweges. „Wir gehen davon aus, dass es hier eine feuchte, matschige Senke gegeben haben muss“, erklärt Luther. „Damit die schwer beladenen Gespanne der Bauern aus dem Umland in dem Schlamm nicht umkippten, legte man den Grund mit Holzbohlen aus.“ Dazu benutzte man kostensparend altes Bauholz, das woanders übrig geblieben war.

Dort, wo die Hölzer nicht zusammenpassten, wurden die Lücken mit kleinem und großem Flussgeröll aufgefüllt. So sollte verhindert werden, dass die Holzbohlen unter dem Gewicht der Gespanne auseinandergeschoben wurden und sich die Räder verkeilten oder – noch schlimmer – ein Ochse sich die Haxen brach. „Denn das konnte im Mittelalter den wirtschaftlichen Ruin eines Bauern bedeuten“, sagt Luther.

Dortmunds Stadtarchäologe Ingmar Luther bezeichnet den Fund als “herausragend und einmalig”. © Thomas Thiel © Thomas Thiel

Das Holzbohlen-Stein-Ensemble ist am Ostwall auch 800 Jahre später noch originalgetreu erhalten. Großflächig kam diese Wegekonstruktion in Dortmund jedoch nicht zum Einsatz – lediglich einige Dutzend Meter des Hellweges am Ostentor waren wohl so befestigt.

Innerhalb der Stadt setzte man (auch aus Repräsentationszwecken) wohl auf teureres Steinpflaster, erklärt Grabungsleiter Björn Linnemann, stadtauswärts war der Hellweg lediglich ein besserer Feldweg.

Grabungsleiter Björn Linnemann hat mit seinem Team den Bohlenweg freigelegt. © Thomas Thiel © Thomas Thiel

Sechs Meter breit war er – warum, ist nicht abschließend geklärt, sagt Linnemann. Eine These ist, dass zwei Gespanne mit Begleitpersonen links und rechts problemlos aneinander vorbeifahren können mussten; andere führen eher militärische Gründe an.

So oder so war der Hellweg die Lebensader Dortmunds. Da er sich an der Reinoldikirche auch noch mit einer weiteren wichtigen Nord-Süd-Handelsroute kreuzte, prosperierte die Stadt im Mittelalter. Dortmund entwickelte sich dank seines Handelsnetzes zu einer mächtigen freien Reichsstadt.

Luft ist der größte Feind des alten Holzes

Das nun gefundene Stück des mittelalterlichen Hellwegs gehörte zur Basis dieses Aufstiegs. Als historisches Zeugnis soll es nun geborgen und konserviert werden – auch, weil DEW21 den Platz für seine neuen Rohre braucht.

Die Zeit drängt: Jeder Tag, den die jahrhundertealten Holzbohlen ungeschützt an der freien Luft verbringen, sorgt für irreparable Schäden. „Wir müssen zusehen, dass das Holz dauerhaft feucht gehalten wird“, erklärt Stadtarchäologe Luther. Nur so könne verhindert werden, dass das Holz aufplatzt. Deshalb werden die Fundstücke regelmäßig mit einer Sprühpistole befeuchtet. „Abends wird es immer nochmal grob bewässert.“

Parallel wird der gesamte Fund dokumentiert und die Bergung vorbereitet. Dazu wird die ganze Konstruktion in ihre Einzelteile zerlegt, durchnummeriert, vermessen und schließlich luftdicht verpackt.

Danach geht es für die Holzbalken zur Konservierung zu Spezialisten nach Schleswig-Holstein. Dort wird ihnen in einem Chemikalienbad das Wasser entzogen. Dieses wird dabei durch eine Konservierungsflüssigkeit ersetzt. Der Prozess allein dauert fünf bis sieben Jahre, so Luther.

Konservierung und Restaurierung sind teuer

Sind die historischen Holzbalken haltbar gemacht worden, wird der Bohlenweg rekonstruiert. Dabei wird jedes Holzelement an seine ursprüngliche Position gesetzt und erneut mit den dazugehörigen Steinen verkeilt. Das dauert nochmals ein Jahr.

Dieser extrem aufwändige Prozess hat seinen Preis: Luther schätzt die Gesamtkosten auf 25.000 bis 45.000 Euro, die er teilweise über Fördergelder und Sponsoren finanzieren will.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
1984 geboren, schreibe ich mich seit 2009 durch die verschiedenen Redaktionen von Lensing Media. Seit 2013 bin ich in der Lokalredaktion Dortmund, was meiner Vorliebe zu Schwarzgelb entgegenkommt. Daneben pflege ich meine Schwächen für Stadtgeschichte (einmal Historiker, immer Historiker), schöne Texte und Tresengespräche.
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Thomas Thiel

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