Ramadan in Corona-Zeiten: Warum die Krise auch ihr Gutes hat

mlzFastenmonat und Corona

Für Muslime beginnt am 24. April der Ramadan: Beten, Fasten, Fastenbrechen - eigentlich im großen Kreis. Drei Dortmunder berichten, wie ihr Fastenmonat in der Krise nun aussieht.

Dortmund

, 23.04.2020, 16:35 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der heilige Fastenmonat des Islam beginnt am Freitag (24.4.). Das heißt normalerweise: Viele Gebete und Moschee-Besuche; tagsüber weder essen noch trinken und nach Sonnenuntergang mit vielen Bekannten und Verwandten das tägliche Fasten zu brechen. Mit dem Zuckerfest als krönenden Abschluss.

Doch durch die Corona-Krise und die damit einhergehenden Einschränkungen wird vieles, was auch für viele in Dortmund lebende Muslime zum Ramadan dazu gehört, nicht möglich sein.

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Genauso wie andere Gebetshäuser sind derzeit die Moscheen geschlossen. „So schwer es uns fällt, unsere Moscheen im heiligen Monat Ramadan weiter geschlossen zu halten, so ist es unsere religiöse und bürgerliche Verantwortung, in der aktuellen Phase genau das zu tun“, sagte etwa Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime.

Zudem fällt das abendliche Fastenbrechen, „Iftar“ genannt, für Menschen, die sich an die Kontaktbeschränkungen halten, flach. So findet auch die Großveranstaltung Festi Ramazan in den Dortmunder Westfalenhallen in diesem Jahr nicht statt.

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Drei Dortmunder haben uns erzählt, wie die Corona-Pandemie ihren persönlichen Ramadan beeinflusst. Eines vorweg: Die Freude auf die Fastenzeit teilen alle drei – trotz der Einschränkungen durch das Coronavirus.

Imam Abdelhay Fadil: „Das ist sehr traurig für uns“

Abdelhay Fadil (46) ist Imam – also Gemeindevorsteher – einer Moschee in Dortmund Hombruch der unabhängigen Gemeinde Wali Aktiv. Dazu gehören Moschee und Bildungsakademie am Krückenweg. Schon rund zwei Wochen bevor es zu den Corona-Einschränkungen kam, habe die Gemeinde ihre Veranstaltungen zur Sicherheit abgesagt, sagt Fadil im Gespräch mit der Redaktion.

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„Wir haben uns gesagt, dass wir das auch erst einmal beibehalten, selbst wenn die Stadt die Auflagen lockern sollte“, sagt er. „Man geht zum Gebet, um sich etwas Gutes zu tun“, begründet er die Überlegung. Sich einer potenziellen Ansteckungsgefahr auszusetzen, widerspreche dem.

Dass der Fastenmonat jetzt vor der Tür steht, ändere nichts daran. Dennoch sei „das sehr traurig für uns“, sagt er. Normalerweise feiere die Gemeinde an den Ramadan-Wochenenden große Feste, zu denen Muslime aus ganz Deutschland zur deutschsprachigen Gemeinde in Hombruch kommen.

Zum Fastenbrechen kommen normalerweise viele Muslime zusammen, um gemeinsam zu essen, zu trinken und reden.

Zum Fastenbrechen kommen normalerweise viele Muslime zusammen, um gemeinsam zu essen, zu trinken und reden. © Fadil

Aber auch unter der Woche besuchen sich abends viele Leute privat zum gemeinsamen Fastenbrechen. Die Gemeinde empfehle ihren Mitgliedern jedoch, sich an die Kontaktbeschränkungen zu halten. „Wir sagen: Macht das nicht, nur weil euch Zuhause keiner sieht“, sagt der Imam.

Durch die räumliche Nähe zur Universität kämen für gewöhnlich viele Studenten. Gerade für diese und andere Alleinstehende sei es besonders traurig, dass sie sich am Abend nicht wie gewohnt mit Freunden und Familie treffen können, sagt Abdelhay Fadil. „Auf die gegenseitigen Besuche zu verzichten, wird die größte Herausforderung sein“, sagt der Familienvater.

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Ein zweiter schmerzhafter Aspekt für die Gemeinde: Gerade im Ramadan generiert sie rund 50 Prozent ihrer Einnahmen durch Spenden – auch die fallen größtenteils weg.

Trotzdem habe die Gemeinde in Video-Technik investiert. Einer der beiden Imame bete die wichtigen Abend- und Freitagsgebeten alleine in die Moschee. Das wird dann live auf Facebook (www.facebook.com/waliaktiv) gestreamt. Das machen traditionelle Gemeinden wohl nicht, vermutet Fadil, aber durch ihre Unabhängigkeit könnten sie so etwas durchaus ausprobieren.

Student Hassan Yaqub: „Jeder ist so ein bisschen auf sich gestellt“

Auch für Hassan Yaqub (26) wird der Ramadan in diesem Jahr anders als gewohnt ablaufen. Der Student wohnt in Dorstfeld, seine Familie in Soest. „Normalerweise gehen wir so oft es geht in die Moschee. Auch das Gemeinschaftliche fällt weg. Jeder ist so ein bisschen auf sich gestellt“, sagt er.

Für ihn hat der Ramadan als Familientradition eine größere Bedeutung, als eine spirituelle, gibt er zu. Deshalb freue er sich normalerweise am Meisten auf das gemeinschaftliche Fastenbrechen.

Student Hassan Yaqub (26) versucht während des Fastenmonats trotz Corona hin und wieder seine Familie in Soest zu besuchen.

Student Hassan Yaqub (26) versucht während des Fastenmonats trotz Corona hin und wieder seine Familie in Soest zu besuchen. © Hassan Yaqub

Mehrere befreundete Familien besuchen sich sonst fast täglich im Wechsel gegenseitig. „Manchmal sind wir auch ins Restaurant gegangen – das alles machen wir in diesem Jahr nicht“, sagt der 26-Jährige.

Seine Familie bleibe unter sich. Ein- bis zweimal in der Woche werde er dennoch versuchen, sie zu besuchen. Und an den anderen Abenden? „Wenn es geht, versuche ich mir trotzdem auch alleine einen schönen Abend mit gutem Essen zu machen – das wird aber nicht jeden Tag möglich sein“, sagt Yaqub.

Lehrerin Renate Karaoglan: „Vielleicht wird es dieses Jahr spiritueller, ruhiger und besonnener“

Der Ramadan sei ein besonderer Monat für sie, sagt Renate Karaoglan. Im Islam sei vieles rhythmisiert, etwa durch die fünf Gebete am Tag. Das Jahr wiederum sei auf den Ramadan ausgerichtet, sagt sie.

Das Fasten an sich, das Geist und Seele schärfen soll, werde durch die Corona-Pandemie nicht so stark beeinflusst, meint Karaoglan.

Für Renate Karaoglan, die auf diesem Bild damit beschäftigt ist im Rahmen einer Hilfsaktion Schutzmasken zu nähen, wird der Ramadan in diesem Jahr anders ablaufen - dem kann sie aber auch etwas Positives abgewinnen.

Für Renate Karaoglan, die auf diesem Bild damit beschäftigt ist im Rahmen einer Hilfsaktion Schutzmasken zu nähen, wird der Ramadan in diesem Jahr anders ablaufen - dem kann sie aber auch etwas Positives abgewinnen. © privat

Aber auch sie sagt: Das gemeinschaftliche Fastenbrechen werde es für sie in diesem Jahr nicht geben. Wenn das auch schade sei, kann sie dem jedoch auch etwas Positives abgewinnen: „Das artet oft schon in Völlerei aus“, sagt die Lehrerin.

„Die Hausfrauen sind tagsüber hauptsächlich mit Kochen beschäftigt und abends ist das dann immer sehr viel, wenn alle zusammenkommen. Vielleicht wird es durch die Einschränkungen dieses Jahr spiritueller, ruhiger und besonnener“, hofft Renate Karaoglan.

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