Frauen in Dortmund verdienen im Schnitt noch immer 11 Prozent weniger als Männer

mlzEqual Pay Day

Frauen gehen am 18. März, dem Equal Pay Day, erneut auf die Straße, um gegen die Diskriminierung per Lohnzettel zu protestieren. Auch in Dortmund zahlt es sich aus, ein Mann zu sein.

Dortmund

, 17.03.2019, 04:35 Uhr / Lesedauer: 4 min

Rosie Fortunello (29) arbeitet in einer Männerbranche. Die Dortmunder Wirtschaftsingenieurin mit Schwerpunkt Elektrische Energietechnik ist Unternehmensberaterin in der Automobilindustrie. Sie glaubt, dass sie ganz gut verdient. Zumindest angemessen. Aber sie weiß von einer Freundin, die sich aus gutem Grund benachteiligt fühlt. „Die Freundin arbeitet in derselben Firma und in einer vergleichbaren Position wie ihr Lebensgefährte, verdient aber wesentlich weniger.“ Das führe auch zu Spannungen in der Beziehung, weiß Rosie Fortunello

Lohngleichheit gilt als der Schlüssel zur Gleichberechtigung. Der Equal Pay Day am 18. März 2019 soll wieder auf die Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen aufmerksam machen. Er steht für den Tag, bis zu dem Frauen umsonst arbeiten, während Männer bereits ab dem 1. Januar für ihre Arbeit bezahlt werden.

Bundesweit liegt die geschlechterspezifische Lohnlücke, der sogenannte Gender Pay Gap, laut Statistischem Bundesamt bei 21 Prozent. Etwa zwei Drittel der Lohnlücke lassen sich damit erklären, dass Frauen häufiger in Teilzeit und in (sozialen) Berufen mit geringerem Verdienst arbeiten und seltener Chefinnen werden. Statistisch bereinigt um Faktoren wie Berufswahl, Führungspositionen, Qualifikation, Arbeitsumfang, Ausbildung, Auszeiten vom Job oder Berufserfahrung, bleibt aber immer noch eine Verdienstlücke von etwa sechs Prozent.

Gewerkschaftssekretär: „Mangelnde Zahlungsbereitschaft“

Diese Lücke könnte, weil unerklärt, auf der Diskriminierung von Frauen beruhen. Sei es, weil sie im Kopf des Arbeitgebers nicht als Ernährerinnen der Familie betrachtet werden, sei es, weil sie nicht so hart verhandeln wie Männer oder ihre Arbeit weniger wertgeschätzt wird.

In Dortmund – auch eine Statistik der Bundesagentur für Arbeit – verdienen Frauen in Vollzeit im Schnitt über alle Berufe verteilt 11 Prozent weniger als Männer. Bei dieser unbereinigten Lohnlücke kommen Männer auf ein durchschnittliches Bruttoeinkommen von 3468 Euro, Frauen hingegen nur auf 3092 Euro. Für Manfred Sträter von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) in Dortmund liegt das neben den teils niedrigeren Positionen von Frauen auch an der „mangelnden Zahlungsbereitschaft“ von Unternehmen.

Entgelttransparenzgesetz

Seit gut anderthalb Jahren soll das Entgelttransparenzgesetz die Benachteiligung von Frauen beseitigen. Das Gesetz verpflichtet Arbeitgeber, Männern und Frauen für vergleichbare Arbeit gleich viel zu zahlen. Seit Anfang 2018 ist im zweiten Schritt das individuelle Auskunftsrecht in Kraft getreten. Danach haben Beschäftigte in Betrieben mit mehr als 200 Mitarbeitern das Recht zu erfahren, was ein Kollege in vergleichbarer Position verdient, sofern es sechs vergleichbare Jobs in dem Unternehmen gibt.

Dadurch sollen bestehende Ungerechtigkeiten offen gelegt und schließlich beseitigt werden. Doch laut einer Untersuchung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung haben bislang nur wenige Arbeitnehmer Gebrauch von ihrem Auskunftsrecht gemacht. Das bestätigt auch eine Umfrage dieser Redaktion bei Dortmunder Unternehmen, von denen die meisten bei der Frage nach Gehaltsstrukturen nur zurückhaltend antworten.

KHS: Branchenbedingt mehr Männer

So hat es beim Maschinenbau-Unternehmen KHS noch kein Auskunftsersuchen der Mitarbeiter nach dem Entgelttransparenzgesetz gegeben, teilt Rolf Staab, Leiter des Zentralbereichs Personal mit. Auch wenn man Fragen nach Gehaltsstrukturen und den Gender Pay Gap im Unternehmen nicht beantworte, sei sich die KHS GmbH „der Wichtigkeit dieses Themas bewusst.“ Branchenbedingt arbeiteten bei KHS zu einem Großteil Männer, so Staab, „umso wichtiger ist es uns, Frauen gezielt zu fördern“.

Auch beim BVB heißt es – kickende Angestellte außen vor gelassen – in puncto Gehalt spiele das Geschlecht keine Rolle. Kommunikationsdirektor Sascha Fligge: „Es geht uns in der Bewertung unserer mehr als 800 Angestellten um Qualifikation und Leistung. Das sind die Parameter, an denen wir uns auch in Sachen Entlohnung orientieren.“

„Kein Gender Pay Gap bei Amazon“

Das Dortmunder Amazon Logistikzentrum lässt sich ebenso wenig in die Gehaltskarten gucken. Zu der Frage nach den Auskunftsersuchen mit Blick auf das Entgelttransparenzgesetz macht Amazon „grundsätzlich keine Angaben.“ Laut Public-Relations Manager Michael Schneider gebe es bei Amazon keinen Gender Pay Gap. Amazon mache keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern in der Vergütung: „Alle Versandmitarbeiter verdienen exakt das gleiche Grundgehalt und erhalten auch die gleichen Sonderleistungen, wie etwa Aktien. Auch das Bonussystem unterscheidet nicht nach Geschlechtern.“ Das gilt für Versandmitarbeiter. Bei anderen Berufsgruppen allerdings, seien „Qualifikation und Berufserfahrung Einflussfaktoren bei der Vergütung“.

Beim IT-Dienstleister Adesso, so Finanzvorstand Christoph Junge, habe es „bisher nur vereinzelte Anfragen mit Bezug auf das Entgelttransparenzgesetz“ gegeben und damit „wesentlich weniger, als wir in der Vorbereitungsphase erwartet hatten. Wir haben grundsätzlich, auch im Nachgang zu den gestellten Anträgen, nicht den Eindruck, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich hinsichtlich des Themas Lohnlücke benachteiligt fühlen.“

Tarifstrukturen halten Entgeltlücke gering

Jedoch mit geltenden Tarifverträgen fühlen sich Frauen eher auf der sicheren Seite. Tarifstrukturen halten die Entgeltlücke gering und beugen Lohndiskriminierung vor. Bei der Stadt Dortmund, die für alle Beschäftigten Tarifrecht anwendet, hat es bislang kein Auskunftsersuchen zu den Gehältern der Kollegen gegeben, sagt Stadtsprecher Michael Meinders.

Auch bei der Stadttochter DSW21 habe noch keine Arbeitnehmerin und kein Arbeitnehmer nach den Gehältern anderer gefragt. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von DSW21 werden nach dem Tarifvertrag Nahverkehr NRW bezahlt“, sagt Kommunikationschef Bernd Winkelmann, „der Vertrag sieht in allen Entgeltgruppen eine gleiche Bezahlung von Männern und Frauen vor. Entscheidend für die Eingruppierung ist die Tätigkeit und die Ausbildung.“

Bei DSW21 führen mal Männer, mal Frauen die Entgeltgruppe an

Sowohl in den unteren als auch in den mittleren und oberen der insgesamt 15 Tarifgruppen stellten mal die Männer, mal die Frauen den größeren Anteil, zum Beispiel Entgeltgruppe 4: 1,4 Prozent der Männer und 4,2 Prozent der Frauen, Entgeltgruppe 8: 4,7 Prozent der Männer und 7,8 Prozent der Frauen, Entgeltgruppe 12: 2,1 Prozent der Männer und 2,0 Prozent der Frauen. Winkelmann: „Über alle Entgeltgruppen gesehen besteht kein Gender Pay Gap.“

Anfragen des Personals gab es auch nicht am tarifgebundenen Klinikum Dortmund. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen würden nicht aufgrund ihres Geschlechts unterschiedlich eingestuft, sagt Lisa Cathrin Müller von der Unternehmenskommunikation: „Da spielen andere Faktoren wie zum Beispiel die Berufserfahrung eine Rolle.“

Vier Frauen im fünfköpfigen TU-Referat

Bei der ebenfalls tarifgebundenen TU Dortmund gibt es Referate (Abteilungen), in denen der Verdienstanteil der Frauen im Schnitt höher ist als der der Männer und umgekehrt. Der Anteil der Professoren beträgt 65 Prozent gegenüber 35 Prozent Professorinnen. Doch zum fünfköpfigen Rektorat gehören mit Prof. Dr. Ursula Gather eine Rektorin und drei Prorektorinnen sowie ein Kanzler. Und bei den Talentscouts, die in die Schulen gehen, sagt TU-Sprecher Martin Rothenberg, haben Frauen noch mehr Oberhand. Sie sind alle weiblich, männlich ist nur ihr Sekretär.

Rosie Fortunello ein Buch über ihre Studienzeit unter Männern an der RWTH Aachen geschrieben („Unter Spannung“). Sie hat nicht den Eindruck, gegenüber männlichen Kollegen beim Gehalt benachteiligt zu sein, will jetzt aber doch mal bei ihrem Personalmanagement nachhaken. „Ich rufe da mal an. Das interessiert mich schon.“

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