Friseure in Dortmund fordern Lockerung der Corona-Maßnahmen

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Die Liste der Hygiene-Vorschriften für Friseure ist lang. Die Salons kämpfen in der Corona-Pandemie gegen große Umsatzeinbußen. Die Innung schlägt Alarm. Vor allem eine Lockerung soll her.

Dortmund

, 15.09.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ständige Händedesinfektion, ständiges Wechseln von Einmal-Schutzhandschuhen, alle 60 Minuten eine neue Mund-Nasen-Bedeckung aufsetzen – die Hygieneauflagen für Friseure zum Schutz vor Infektionen sind streng.

„Aber, diese Regeln sind alle sinnvoll und wir nehmen sie sehr ernst. Was mir das Genick bricht, ist die noch hinzukommende Abstandsregel von 2,50 Meter zwischen den Arbeitsplätzen“, sagt Nicole Bielicki. Sie betreibt seit neun Jahren einen kleinen Salon an der Oberbecker Straße in Dortmund Derne.

„Da habe ich 42 Quadratmeter, eigentlich sechs Plätze und fünf Mitarbeiter. Zurzeit kann ich nur vier Plätze anbieten“, sagt die Friseurmeisterin und weiß nicht, wie lange sie das noch ohne Entlassungen durchhalten kann.

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Der Versuch, die Geschäftszeiten auszuweiten und von 8 bis 22 Uhr in Schichten zu arbeiten, ist gescheitert. „Das ging gar nicht, da sind wir alle am Stock gegangen“, sagt Nicole Bielicki.

In dieser schweren Zeit kam ihr eine Kollegin zur Hilfe, die in den Ruhestand ging und ihr am Schellenkai ihr Ladenlokal anbot. „Das hat uns geholfen, sonst hätte ich zwei Mitarbeiterinnen entlassen müssen“, so die Firmenchefin. „Jetzt habe ich zwei Mieten zu zahlen. Aber, es bleibt nur die Flucht nach vorne.“

Innung sieht „zunehmend untragbare Arbeitssituation“

Die Flucht nach vorne hat jetzt auch ihre Friseur-Innung Dortmund und Lünen angetreten. In einem offenen Brief an Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) wird darauf gedrängt, die Hygieneauflagen für die Friseurbetriebe zu überdenken und anzupassen. Man sei besorgt um die Entwicklung des Friseurhandwerks in Nordrhein-Westfalen.

Frank Kulig, Obermeister der Friseur-Innung Dortmund und Lünen

Frank Kulig, der Obermeister der Friseur-Innung Dortmund und Lünen, sagt: Warum dann Kunden bei einem Friseurbesuch immer noch vor einer Infektion mit strengsten Maßnahmen geschützt werden müssen, ist uns nicht ersichtlich.“ © Friseur-Innung

Obermeister Frank Kulig und Geschäftsführer Ludgerus Niklas schildern die für das Handwerk „zunehmend untragbare Arbeitssituation durch die hohen Hygieneauflagen.“ Spannungen und Missverständnisse unter Handwerkskollegen, aber auch unter Inhabern und Mitarbeitern sowie unter Mitarbeitern und Kunden würden zunehmend registriert.

Während die Landesregierung viele Lockerungen in gesellschaftlichen, sozialen und wirtschaftlichen Bereichen zugelassen habe, fühle man sich in der Friseurbranche vergessen, so Obermeister Kulig: „Viele von uns halten es für unlogisch, dass wir mit Trennwänden und doppeltem Mundschutz für Kunden und Mitarbeiter arbeiten müssen, während im Café nebenan Menschen ohne Mundschutz am Tisch mit enger Bestuhlung zusammensitzen.“

Ludgerus Niklas ist Geschäftsführer der Friseur-Innung Dortmund und Lünen

Ludgerus Niklas ist Geschäftsführer der Friseur-Innung Dortmund und Lünen und meint: „Viele von uns halten es für unlogisch, dass wir mit Trennwänden und doppeltem Mundschutz für Kunden und Mitarbeiter arbeiten müssen, während im Café nebenan die Menschen ohne Mundschutz am Tisch mit enger Bestuhlung zusammensitzen.“ © Friseur-Innung

Selbst Kontaktsportarten mit 30 Personen in geschlossenen Räumen und größere Veranstaltungen bis 150 Personen seien wieder erlaubt. „Warum dann Kunden bei einem Friseurbesuch immer noch vor einer Infektion mit strengsten Maßnahmen geschützt werden müssen, ist nicht ersichtlich und widerspricht dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit“, meinen Frank Kulig und Ludgerus Niklas.

Friseure in Sorge: „Es werden Kunden ausbleiben“

Die Mindestabstände in den Salons verringerten zusätzlich die ohnehin bereits begrenzten Kapazitäten, Trennwände und Mundschutz schafften erschwerte Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten.

Schon jetzt müssten Salons, um die Kundenströme mit Abstandsregeln hygienisch zu leiten, Wartegelegenheiten außerhalb der Geschäfte errichten – ein unhaltbarer Zustand in der kommenden kalten und regnerischen Jahreszeit: „Hier werden Kunden in wenigen Wochen ausbleiben.“

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„Wir müssen doch auch wirtschaftlich arbeiten können“, sagt Friseurmeister Marcel Kamin aus Wambel. In seinem Geschäft an der Gosestraße kann er eigentlich 13 Plätze für Kunden anbieten, zurzeit sind aber nur sechs Plätze möglich.

„Die 2,50-Meter-Abstandsregel macht uns zu schaffen. Wir erreichen nur 65 Prozent unseres normalen Umsatzes. Das kann man eine gewisse Zeit durchhalten, aber nicht mehr lange. Wir zahlen ja weiter die vollen Mieten, die vollen Versicherungsleistungen und die vollen Mitarbeitergehälter“, so Marcel Kamin.

Dem kann auch Nicole Bielicki nur zustimmen. „Wir arbeiten unter so großen Hygiene-Anstrengungen, da wäre der Verzicht auf die Abstandsregel ein Segen. Das würde uns retten“, sagt sie.

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Im Brief an den Ministerpräsidenten erinnern der Obermeister und der Geschäftsführer an eine Aussage von Gesundheitsminister Jens Spahn, der in Bottrop kürzlich sagte: „Mit dem Wissen von heute, das kann ich Ihnen sagen, müssen keine Friseure mehr schließen und kein Einzelhandel mehr schließen. Das wird nicht noch mal passieren.“

Kulig und Niklas fragen: „Wird es in wenigen Wochen heißen: Die Hygienemaßnahmen in Friseurbetrieben waren zu hoch gegriffen, Fiebermessen hätte gereicht?“ Solche Überlegungen schlagen demnach derzeit hohe emotionale Wellen nicht nur in den Diskussionen der Innungen, sondern auch bei den nicht organisierten Betrieben und den Verbrauchern.

NRW-Regierung soll Schutzmaßnahmen überdenken

Im Namen der Innungsbetriebe schreiben sie: „Wir halten es für dringend an der Zeit, die Schutzmaßnahmen in unseren Betrieben zu überdenken und den aktuellen Erkenntnissen und örtlichen Infektionszahlen anzupassen.“

Weiter heißt es: „Bringen Sie jetzt die Entscheider und Experten in Organisationen und Institutionen sowie die zuständigen Ordnungsbehörden überregional an einen Tisch, um eine klärende Debatte über den weiteren Umgang mit den Hygienevorschriften in den Friseurbetrieben zu initialisieren.“

Die Innung sei sicher, heißt es am Ende, dass die Branche auch im Sinne der Gesundheit der Kunden weiterhin alles tun werde, um in enger Abstimmung mit den zuständigen Stellen die Eindämmung des Coronavirus voranzutreiben. Maßnahmen müssten allerdings nachvollziehbar und verhältnismäßig sein.

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