Gastro-Szene zur Sperrstunde: „Ich kriege einen Kotzanfall“

mlzRisikogebiet

In Risikogebieten sollen Restaurants und Kneipen von 23 bis 6 Uhr ab sofort geschlossen bleiben - das betrifft auch Dortmund. Einige Betreiber denken bereits über Alternativ-Konzepte nach.

Dortmund

, 15.10.2020, 13:45 Uhr / Lesedauer: 2 min

Lange haben die Politiker beraten, am Mittwochabend (14.10.) lautete ihr Beschluss dann: Sperrstunde in der Gastronomie von 23 bis 6 Uhr. Damit sollen die hohen Fallzahlen der vergangenen Tage in Corona-Hotspots eingedämpft werden. Die Dortmunder Gastro-Szene sieht das mit Bedenken. Gerade für den Winter ausgerüstet, steht nun dieser Beschluss im Raum.

Sperrstunde bringe Probleme, statt sie zu lösen

„Wir sind nicht davon überzeugt, dass die Sperrstunde hilfreich ist“, sagt Jan Möller, Inhaber der Bar Balke an der Hohen Straße: „Eher im Gegenteil.“ Er ist der Meinung, dass die Sperrstunde in der Gastronomie mehr Probleme auslösen, statt lösen wird.

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Die Gäste der Bar bleiben normalerweise bis etwa 1 Uhr nachts im Lokal. „Dann entlässt man alle um 23 Uhr auf einmal aus dem geschützten, kontrollierten Raum und schiebt sie in die Unbekannte des öffentlichen Raums“, sagt Möller.

Ob die Dortmunder dann direkt nach Hause gehen oder sich einfach an der nächsten Straßenecke zusammenstellen, wo keine Kontaktlisten ausliegen, sieht er mit Bedenken.

Sechs Monate lang hatte das Balke dieses Jahr geschlossen, um den Laden an die Corona-Schutzmaßnahmen anzupassen und mit der Öffnung keine Gäste zu gefährden. Für den Winter hat die Bar noch einmal die Lüftungsanlage im Innenraum aufgerüstet.

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„Dafür kriegt man jetzt den Dank mit den neuen Maßnahmen“, sagt Möller. „Wir müssen dafür büßen und werden in Geiselhaft genommen, weil manch anderer große Hochzeiten feiert oder sonstige Superspreader-Events veranstaltet. Jetzt sollen wir die Zeche dafür zahlen.“

Sperrstunde fängt an, wenn es normalerweise voll wird

„Wir sind eine Late-Night-Bar“, sagt Franka Cosfeld, Inhaberin des Glücksshot im Brückstraßenviertel. „Bei uns wird es immer erst um 23 Uhr voll. Wenn wir jetzt um die Uhrzeit schließen müssen, wissen wir noch nicht, wie das weitergehen soll.“ Franka Cosfeld hofft, dass der Beschluss der Sperrstunde zurückgezogen wird. „Oder auf 1 Uhr verlängert“, sagt die Inhaberin.

Damit die Einnahmen nicht in den Keller stürzen, will das Glücksshot neue Angebote ausprobieren. Am Samstag sollen Gäste mit einem Sekt-Frühstück schon vormittags in die Bar gelockt werden. „Wir wollen mal ausprobieren, ob das klappt“, sagt Cosfeld: „Aber die Leute haben jetzt bestimmt auch mehr Angst und wollen gar nicht mehr rausgehen.“

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Auch das Glücksshot hat sich gerade auf die Wintersaison vorbereitet, ein Zelt und einen Heizpilz für den Außenbereich bestellt. „Wenn wir um 23 Uhr schließen müssen, weiß ich nicht, ob sich das lohnt“, sagt die Inhaberin.

„Ich kriege einen Kotzanfall“

Marc-André Walter, Inhaber des El Mundo im Kreuzviertel, findet klare Worte für die bevorstehende Sperrstunde: „Ich kriege einen Kotzanfall.“

Normalerweise bleiben die Gäste bis 1 Uhr in der Kneipe. Auch wenn sich das erst einmal nicht nach einem großen Unterschied anhört, kann El Mundo „ab 22 Uhr schon kein richtiges Geschäft mehr machen“, so der Inhaber. Denn die Gäste müssen noch abkassiert und der Laden saubergemacht werden.

Trotzdem will Marc-André Walter die Neuregelung nicht nur negativ sehen, sondern erst einmal auf sich zukommen lassen. „Ich will mich jetzt nicht so aufregen“, sagt der Wirt und denkt bereits über Alternativ-Konzepte nach. „Vielleicht mache ich demnächst ein paar Stunden eher auf und lade die Leute zu einer Art Frühschoppen ein“, sagt Walter. „Man muss jetzt kreativ werden.“

Viele kleine Lokale in Brückstraße betroffen

Im Brückstraßenviertel werden vor allem die kleinen Imbisse von der Sperrstunde betroffen sein. Das Verständnis für die Maßnahmen ist hier zwar groß, trotzdem wird es das Geschäft sehr beeinflussen.

Rabi Mohsen von Beim Ägypter berichtet, dass die Sperrstunde genau in seine Hauptverkaufszeit fällt. Auch Videsagan Rajilirenkam von der Baguetteria Mare sagt zwar, dass die Gesundheit oberste Priorität hat, aber „Corona macht alles kaputt“.

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