Ein Tuner-Treff 2014 auf einem Privatgelände in Wickede: eine einmalige Aktion, mit der damals Geld für einen guten Zweck gesammelt wurde. © Oliver Schaper (Archivbild)
Meinung

Gebt der Auto-Szene in Dortmund einen Treffpunkt – und helft so dem Wall!

„Null Toleranz“ gegenüber Rasern – das ist seit Jahren die Strategie von Stadt und Polizei in Dortmund. Trotzdem wird das Problem auf dem Wall immer größer. Unser Autor meint: Es ist Zeit für ein Experiment.

Es ist ein paar Jahre her, da kam mir bei einer Recherche zum untergegangenen Partyviertel am Ostwall folgende Anekdote unter: Anfang der 1990er Jahre gab es im damals noch in voller Blüte stehenden Ausgehquartier illegale Autorennen auf dem Wall, mit Tausenden Zuschauern – sehr zum Missfallen der dortigen Wirte.

Für die Gastronomen waren die Raser schlecht fürs Geschäft. Einmal besorgten sie sich hunderte Liter Gülle von einem befreundeten Bauern in Lanstrop und verteilten sie mit Schöpfkellen auf dem Mittelstreifen des Ostwalls, dazu bestrichen sie die Zäune, von denen die Zuschauer gerne die Rennen beobachteten, mit Mayonnaise und Senf.

Die Geschichte zeigt: Schon vor 30 Jahren war der Wall ein Tummelplatz für Fans von getunten und vor allem schnellen Autos.

Zustände auf dem Wall werden schlimmer trotz „Null Toleranz“

Die Behörden begegnen dem Phänomen schon lange mit einer harten Haltung: Fast jedes Wochenende gibt es Großkontrollen der Polizei, in den letzten Jahren wurde der Wall mit mehreren zusätzlichen stationären Radarfallen gespickt. Die Stadt fährt gegenüber der Raserszene nach eigener Aussage eine „Null-Toleranz-Politik“, Gespräche mit der Szene hält sie nicht für sinnvoll.

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Freitagabend am Wall in Dortmund

Doch während vom Party-Quartier nichts mehr übrig ist, ist das Problem mit der Auto-Szene am Wall immer noch da. Mehr noch: In den letzten Monaten sei nachts sogar noch mehr los als früher, sagen Mitglieder der Auto-Szene. Der Wall sei überfüllt, es komme zu langen Staus. Menschen aus der ganzen Region und darüber hinaus fahren hier ihre getunten Wagen spazieren. Einige belassen es nicht dabei und liefern sich Rennen.

Der breite, mehrspurige Straßenring um Dortmunds City scheint eine magische Anziehungskraft für die Szene zu haben – da helfen offensichtlich weder Radarfallen noch Gülle.

Warum deshalb nicht was völlig anderes probieren? Bereits vor über vier Jahren hatte Dortmunds bekanntester Autonarr JP Kraemer dazu eine Idee: Er warb für einen legalen Treffpunkt für die Tuner-Szene, wo sich Auto-Liebhaber treffen können und in kontrolliertem Rahmen ihre Autos präsentieren können. Der Vorstoß versandete.

Warum kein Tuner-Treff an den Westfalenhallen oder im Indupark?

Eine verpasste Chance. Denn Kraemers Idee hat nach wie vor Charme: Würden die Behörden zusammen mit vernünftigen Vertretern der Auto-Szene einen geeigneten, abgelegenen Ort finden, würde das die derzeitigen Hotspots wie den Wall oder Phoenix-West und den Phoenix-See im Sommer entlasten und die Anwohner wieder ruhiger schlafen lassen. Natürliche Kandidaten für einen solchen Treff wären die großen Parkplätze der Westfalenhallen oder im Indupark.

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Freitagabend auf dem Wall

Natürlich kann es auch an diesem Treff Probleme geben mit Ruhestörung oder der Straßenverkehrsordnung. Doch ich finde, es ist einen Versuch wert. Man kann das ganze ja auch als zeitlich begrenztes Experiment angehen und nach einigen Monaten notfalls die Bremse ziehen, wenn es scheitert.

Mit einem solchen Treff nähmen die Stadt und die Polizei der Auto-Szene ein starkes Argument aus der Hand: Dass man nie mit ihr rede und sie überall vertreibe (Phoenix-See/Phoenix-West/Wischlingen) und sie ja gar keine andere Möglichkeit habe, als sich am Wall zu treffen.

Wer dann trotzdem partout auf und am Wall unterwegs sein will, der kann immer noch die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen – sich dann aber nicht mehr als Opfer inszenieren und behaupten, er würde als rechtschaffender Auto-Liebhaber immer in einen Topf mit den Rasern geschmissen werden.

Über den Autor
Redaktion Dortmund
1984 geboren, schreibe ich mich seit 2009 durch die verschiedenen Redaktionen von Lensing Media. Seit 2013 bin ich in der Lokalredaktion Dortmund, was meiner Vorliebe zu Schwarzgelb entgegenkommt. Daneben pflege ich meine Schwächen für Stadtgeschichte (einmal Historiker, immer Historiker), schöne Texte und Tresengespräche.
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Thomas Thiel

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