„Gehirnregionen verkümmern, das ist sehr riskant“

mlzDigitalisierung in Schulen

Seit fast 40 Jahren ist Gerburg Thiel Lehrerin in Dortmund. Digitale Geräte kommen in ihrem Unterricht nicht zum Einsatz. Und dafür gibt es gleich mehrere Gründe.

Dortmund

, 06.11.2020, 06:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Gerburg Thiel ist 62 Jahre alt und steht kurz vor ihrem Ruhestand. Ende Januar beendet sie ihre 39-jährige Lehrer-Laufbahn. Die meiste Zeit unterrichtete Gerburg Thiel Deutsch, Religion und Latein am Gymnasium an der Schweizer Allee in Dortmund - ganz klassisch mit Tafel, Heft und Füller. „Digitale Geräte setze ich im Unterricht gar nicht ein“, sagt die Lehrerin. „Ich traue mich da nicht so richtig dran, und der größere Sinn erschließt sich mir auch nicht.“

Digitales Schreiben lasse Gehirnregionen verkümmern

Denn für Gerburg Thiel ist vor allem das Schreiben per Hand eine sinnvolle Tätigkeit. „Wenn überlegt werden soll, dass bald Heft und Stift durch digitale Geräte ersetzt werden sollen, dann halte ich das für ganz fatal“, sagt sie. „Dann wird es Zeit, dass ich hier rauskomme.“

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So habe ein Referendar einmal mit seinem Laptop im Unterricht die Antworten der Schüler schnell mitgetippt. Am Ende habe er das Dokument dann für alle Schüler ausgedruckt. Das führe jedoch nicht zur selben Vertiefung bei den Schülern wie das Abschreiben von der Tafel. „Das ist dann eher ein oberflächliches Lernen und bleibt nicht hängen“, sagt Thiel. „Gehirnregionen verkümmern, das ist sehr riskant.“

Im Januar kommenden Jahres geht die 62-jährige Lehrerin in ihren Ruhestand.

Im Januar kommenden Jahres geht die 62-jährige Lehrerin in ihren Ruhestand. © Sarah Rauch

Auch den Wunsch der Schüler, Klausuren digital zu schreiben, lehnt Gerburg Thiel aus besagten Gründen ab. „Bei Klausuren merke ich, dass manche Schüler nicht mehr richtig schreiben können“, sagt sie. „Die sind gewohnt, die Einfügetaste zu drücken. Da geht eine Fähigkeit abhanden, und das finde ich fatal.“ Denn über die Jahre hinweg habe sich die Art der Fehler in Texten verändert.

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Früher waren typische Fehler, dass ein einfaches S statt Doppel-S oder umgekehrt geschrieben wurde. Heute fehlen teilweise ganze Endsilben. Anstatt „lernen“ schreiben die Schüler dann „lern“.

„Das führe ich auf das Schreiben im Netz zurück“, sagt Thiel. Von anderen Kollegen habe sie ebenfalls mitbekommen, dass viele jüngere Schüler sich nur noch schwer über einen längeren Zeitraum konzentrieren können. Das liege an der Reizüberflutung.

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Digitalisierung als Ergänzung - nicht Ersatz

Trotzdem sieht Gerburg Thiel auch die positiven Seiten der Digitalisierung an Schulen. „Andere Kollegen benutzen sehr schöne Medien zum Unterrichtseinstieg. Das beeindruckt mich“, sagt sie. „Das ist auch sehr hilfreich für einen anregenden Unterricht.“

Im Privaten ist Thiel ausgestattet mit einem Rechner. Damit konnte sie ihre Schüler während des Lockdowns im Frühjahr mit Unterrichts-Stoff versorgen. „Das Arbeiten im digitalen Klassenzimmer war eine Umstellung, aber ich fand sie gar nicht so schwierig. Dank meiner jungen Kollegen“, sagt Thiel. „Die haben mir am Anfang entscheidende Tipps gegeben.“ Auch ihre Schüler hätten zu dieser Zeit sehr gut mitgearbeitet. Und mehr: Vor allem schüchterne Schüler konnten so ihre Leistung verbessern, berichtet die Lehrerin.

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Einer Herausforderung, der sich Gerburg Thiel in dieser Zeit nicht gestellt hat, war das Video-Chatten mit den Schülern. Auch persönlich würde sie nicht Skypen. „Das widerstrebt mir“, sagt sie. „Ich kann die Zeitverzögerung nicht leiden.“

Trotzdem hat die Zeit im Lockdown gezeigt, dass digitaler Unterricht klappen kann, um eine gewisse Zeit damit zu überbrücken. „Es war schön zu sehen, wie die Schüler darauf reagieren“, sagt Thiel. „Aber nach zwei Monaten reicht es dann auch.“ Digitales Lernen könne das Analoge nicht ersetzen. Ergänzen ja - aber nicht ersetzen.

Denn etwas, das die Digitalisierung nicht ersetzen kann, ist der persönliche Austausch: „Für mich, die ich schon so lange im Schuldienst bin, sind die schönsten Momente immer noch die Unterrichtsgespräche mit den Schülern.“

Im kommenden Jahr geht Frau Thiel in den Ruhestand.

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