Seit mehr als elf Wochen steht ein silbergrauer BMW an der Mengeder Rigwinstraße. Keinen Zentimeter wurde er seitdem bewegt. Steht das Auto womöglich im Zusammenhang mit einer Straftat?

Mengede

, 02.10.2019, 15:33 Uhr / Lesedauer: 3 min

Frank Strobel wohnt an der Rigwinstraße. Jedes Mal, wenn er den Balkon betritt, fällt sein Blick auf einen silberfarbenen BMW 316ti. Elf Wochen schon steht das Auto mit polnischem Kennzeichen dort. „In der Zeit wurde es keinen Zentimeter bewegt“, sagt Strobel.

Mittlerweile hätten Unbekannte die Radkappen entwendet und den Heckscheibenwischer verbogen. Auf der Rückbank liegen ein schwarzes Kleidungsstück, auf der Beifahrerseite eine angebrochene Cola-Flasche, in der Mittelkonsole Zigarettenhülsen. Eine Christophorus-Plakette klebt am Armaturenbrett.

„Zuerst haben wir gedacht, das Auto gehört einem Verwandtschaftsbesuch bei einem der Nachbarn“, berichtet Strobel. Die Vermutung bestätigt sich nicht. Der BMW wird zum Gesprächsthema in der Nachbarschaft – einmal mehr, als vor Wochen mehrfach die Alarmanlage auslöst. „Ohrenbetäubend“, sagt eine Nachbarin. „Das war erst tageweise, dann halbtäglich, dann stündlich, zuletzt im Fünf-Minuten-Abstand“, sagt Strobel.

Zeuge erinnert sich, wann der BMW abgestellt wurde

Die Anwohner rufen die Polizei. Frank Strobel sieht spätabends von seinem Balkon, wie ein Streifenwagen hinter dem BMW parkt. „Die Beamten sind ausgestiegen, um das Auto herumgegangen und haben mit Taschenlampen hineingeleuchtet“, erzählt er. Wenig später sei ein Abschleppwagen der Firma Widliczek gekommen. „Die haben erst die Fahrertür, dann die Motorhaube geöffnet und wohl die Batterie abgeklemmt“, sagt der Anwohner. „Die Polizisten haben den BMW noch eine Zeit beobachtet und sind dann weggefahren. In den Kofferraum haben sie nicht geguckt.“

Als die darauffolgenden Tage nichts weiter passiert, geht Frank Strobel zur Polizeiwache in Mengede. Er erinnert sich ziemlich gut an den Zeitpunkt, als er das Auto das erste Mal in der Rigwinstraße gesehen hat. „Das war Mitte Juli.“

Mitte Juli? In der Nacht vom 15. auf den 16. Juli haben bislang unbekannte Täter versucht, den Geldautomaten der Commerzbank-Filiale am Mengeder Markt zu sprengen. „Meine Schwiegertochter war bei uns zu Besuch und wollte am Morgen Geld holen. Da war vor der Bank alles abgesperrt“, sagt Frank Strobel.

Fahrzeug-ID-Nummer ist nicht sichtbar

Der Spreng-Versuch misslang. Die Täter suchten das Weite. „Möglicherweise flüchteten sie mit einem silberfarbenen Audi in Richtung Rigwinstraße“, schreibt die Polizei in einer Pressemitteilung mit der laufenden Nummer 799. „Zeugen, die weitere Angaben zur Tat, den Tätern oder zur Fluchtrichtung machen können, werden gebeten sich an den Kriminaldauerdienst unter Tel. 0231/132-7441 zu wenden.“

Genau das tut Frank Strobel bei seinem Besuch in der Polizeiwache. In den Ruhr Nachrichten hat er von der Zeugensuche gelesen. „Die Beamtin hinter dem Schalter sagte, die Kollegen kümmern sich.“ Es passiert aber nichts: Die Anwohner sehen weder die Polizei noch das für den ruhenden Verkehr zuständige Ordnungsamt an dem BMW. Strobel wendet sich an diese Redaktion. Wir treffen uns mit ihm an der Rigwinstraße. „Warum reagiert die Polizei nicht, wenn Bürger etwas beobachten und Bescheid sagen?“, fragt er beim Ortstermin.

Frank Strobel ist überzeugt, dass mit dem BMW irgendetwas nicht stimmt. „Der ist bestimmt gestohlen“, mutmaßt er. Dafür spricht, dass in dem Sichtschlitz an der Frontscheibe unterhalb des Armaturenbretts keine übliche Fahrzeug-ID-Nummer, sondern nur eine graue Fläche erkennbar ist.

War die Rigwinstraße ein geplanter Fluchtweg?

Womöglich ist der BMW gar das von der Polizei gesuchte Fluchtfahrzeug. Die kleineren Baureihen von Audi und BMW unterscheiden sich von der Optik so groß nicht. Und die Polizei ist bei der Suche nach dem Fluchtauto in der Presseinformation selbst vage.

Es gibt noch einen weiteren Hinweis darauf, dass es sich um das Fluchtauto handeln könnte: Auf der nördlichen Seite der Rigwinstraße parken die Autos mit den rechten Reifen auf dem Bürgersteig. Der BMW aber steht sehr weit und leicht schräg auf dem Bürgersteig, das linke Hinterrad auf der Bordsteinkante. Das könnte auf ein schnelles Abstellen und Verlassen des Fahrzeugs hindeuten.

Geparkter BMW gibt Mengeder Anwohnern Rätsel auf – handelt es sich um ein Fluchtauto?

Der BMW steht mit dem linken Hinterrad auf der Bordsteinkante. © Uwe von Schirp

Denkbar ist gar, dass die Flucht geplant über die Sackgasse der Rigwinstraße geführt hat. Hinter dem Wendehammer liegen die Schaphusstraße und der Evangelische Friedhof. Eine Flucht zu Fuß über den Friedhof oder mit einem zweiten Fahrzeug über die Schaphusstraße ist nicht abwegig. Und sie hätte den Tätern einen Zeitvorsprung gegeben: Bei einer Verfolgung hätte die Polizei über die Straßen Am Hohen Teich, Dönnstraße und die beiden Kreisverkehre an der Mengeder Straße oder über Am Hohen Teich und die Galenstraße fahren müssen.

Fragen an die Polizei

Wir haben unter anderem folgende Fragen an die Pressestelle der Dortmunder Polizei gestellt.

  • Gab es eine Halter-Überprüfung?
  • Ist unter dem Kennzeichen ein BMW 316ti in Polen angemeldet?
  • Handelt es sich womöglich um ein gestohlenes Fahrzeug?
  • Hat die Mengeder Polizei die Aussage von Frank Strobel an den Kriminaldauerdienst oder eine andere Dienststelle weitergeleitet?
  • Hat die Polizei das Ordnungsamt über den abgestellten BMW informiert?
  • Wie ist der Ermittlungsstand bezüglich der versuchten Sprengung des Geldautomaten?
  • Haben sich nach dem Aufruf der Polizei Zeugen gemeldet?
  • War es tatsächlich ein Audi, in dem die Täter von der Bank flüchteten oder möglicherweise auch der BMW?
  • Ist auszuschließen, dass seit elf Wochen ein Fluchtfahrzeug mit Täterspuren an der Rigwinstraße parkt, obwohl es seit Wochen konkrete Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang mit der versuchten Sprengung gegeben hat?

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Berichts liegen uns die Antworten der Polizei noch nicht vor. Wir berichten weiter.

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