Geschäfte am Westenhellweg: Wer kommt, wer schließt, was steht leer?

mlzEinkaufen

Das Westenhellweg-Ladenkarussell dreht sich in Corona-Zeiten anders als sonst. Ein Blick auf die Zu- und Abgänge auf Dortmunds goldener Einkaufsmeile - die aktuell nicht so glänzt wie gewohnt.

Dortmund

, 06.11.2020, 09:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Spötter behaupten, ein Ladenlokal am Westenhellweg zu vermieten war früher so einfach wie momentan ein Revierderby gegen Schalke zu gewinnen. Doch diese Zeiten sind vorbei: Schon seit Jahren werden die Leerstände an Dortmunds Einkaufsmeile immer langwieriger. Und die Corona-Krise verstärkt diesen Trend noch.

„Es ist momentan alles zäh wie Honig“, sagt Immobilienmakler Marcus Etzel, der seit über 25 Jahren Gewerbeimmobilien in Dortmund vermittelt. „Gerade passiert wenig, viele warten ab“, sagt sein Kollege Andreas Grüß vom Westenhellweg-Immobilienspezialisten Lührmann.

Das sieht man Dortmunds goldener Einkaufsmeile, die in Wirklichkeit nur 750 Meter lang ist, momentan auch an: Rund ein Dutzend Ladenlokale stehen derzeit am Westenhellweg leer, einige schon seit Monaten oder noch länger. Gleichzeitig zeigen mehrere Neuansiedlungen, dass der Westenhellweg nach wie vor eine von Deutschlands gefragtesten Einkaufsstraßen ist.

Wer von der Reinoldikirche den Westenhellweg in Richtung Petrikirche hinunterläuft, stößt zuerst an Hausnummer 22/24 auf ein verdecktes Schaufenster: Kurz hinter der kleinen Gasse „Am Trissel“, die zum Alten Markt und zum Hansaplatz führt, kündigt eine leicht bekleidete Frau auf einer Plakatwand den Einzug des Dessous-Labels Intimissimi an.

Der Dessous-Händler Intimissimi zieht am Westenhellweg um und vergrößert seine Entfernung zur Thier-Galerie.

Der Dessous-Händler Intimissimi zieht am Westenhellweg um und vergrößert seine Entfernung zur Thier-Galerie. © Thomas Thiel

Bis vor kurzem verkaufte die italienische Kette ihre Unterwäsche noch einige Meter weiter in Hausnummer 64. Doch es sei gut, den Abstand zur konkurrierenden Thier-Galerie etwas zu vergrößern, erklärte im Juni Immobilienmakler Andreas Grüß, der den Umzug vermittelt hatte.

Nur zwei Geschäfte weiter ist jüngst ein zweiter Westenhellweg-interner Umzug über die Bühne gegangen: Das Reise-Unternehmen L‘tur musste aus dem Kaufhof-Gebäude ausziehen und hat seine Zelte nun zwischen Calzedonia und dem Juwelier Christ aufgeschlagen.

Westenhellweg-Kreuzung zeigt Trends des Einzelhandels gebündelt

Ein paar Schritte später steht man im absoluten Herz des Dortmunder Einzelhandels, das wie kein zweiter Ort am Westenhellweg die turbulenten Zeiten abbildet, in denen die ganze Branche momentan steckt - und das nicht erst seit Beginn der Corona-Krise.

Die Kreuzung mit der Hansastraße - dem Ort mit der höchsten Passantenfrequenz des Ruhrgebiets - wird von drei großen Gebäuden dominiert:

Der nächste Leerstand am Westenhellweg: Roland-Schuhe schließt am Samstag (7.11.). Links das Karstadt-Gebäude, rechts die Mayersche, die 2021 in das Roland-Gebäude zieht.

Der nächste Leerstand am Westenhellweg: Roland-Schuhe schließt am Samstag (7.11.). Links das Karstadt-Gebäude, rechts die Mayersche, die 2021 in das Roland-Gebäude zieht.

Im gleichen Gebäudekomplex, direkt an die jetzige Mayersche anschließend, ist seit wenigen Wochen ein ungewöhnlicher Neuzugang in der Ladenlandschaft des Westenhellwegs heimisch: „Brands Up“, ein so genannter „Off Price“-Anbieter aus Neuss, der sich auf Sonderangebote jeglicher Art spezialisiert hat.

Thier-Galerie-Chef prognostiziert Dortmunds City ein „Downgrade“

Diese Neuansiedlung steht für ein Phänomen, das durch die Corona-Krise verstärkt wird: „Wir werden sehr viele Billig- und Interimsmieter bekommen, die eigentlich nicht auf den Westenhellweg gehören“, sagt der Dortmunder Immobilienmakler Etzel - eine Einschätzung, die er mit Thier-Galerie-Chef Markus Haas teilt, der für Dortmunds Innenstadt ein „Downgrade“ prognostiziert, eine gewisse Abwertung in der Qualität der Geschäfte.

Jetzt lesen

Auch wenn „Brands Up“ selbst auf Anfrage betont, das man gekommen sei, um zu bleiben, gehen mehrere Kenner der Handelsszene am Westenhellweg übereinstimmend davon aus, dass das Unternehmen Zwischenmieter sein wird.

Es ist denkbar, dass der Hausbesitzer - die R+V-Versicherung -, der gleichzeitig auch das benachbarte Mayersche-Gebäude verwaltet, die Verkaufsflächen in dem Komplex nach dem Mayersche-Auszug komplett neu ordnen will. Auf Nachfrage wollte sich die Versicherung gegenüber unserer Redaktion nicht äußern: „Wir geben zu Mietern keine Informationen, weder zu Bestandsmietern, noch zu zukünftigen.“

Neue Hoffnung für langwierigen Beate-Uhse-Leerstand

Wieder einige Dutzend Meter weiter, hinter dem Juwelier Rüschenbeck, laufen die Flaneure an zwei kurz hintereinander liegenden Leerständen vorbei.

Im vor kurzem geschlossenen Ladenlokal von Bonita wird voraussichtlich im Frühjahr 2021 ein Nachfolger eröffnen. Es gebe ernsthafte Interessenten für die Fläche, sagt Immobilienmakler Grüß, der die Vermittlung verantwortet. Es seien „gängige Kunden“ für 1A-Lagen, sie kämen aus den Bereichen Optiker, Sneaker und Unterwäsche.

Ebenfalls Anfang nächsten Jahres soll sich auch etwas beim aktuell am längsten leerstehenden Geschäft im Herzen des Westenhellwegs tun: beim alten Beate-Uhse-Geschäft in Hausnummer 51, dessen Rollläden mittlerweile seit über einem Jahr unten sind.

Seit Oktober 2019 steht das Ladenlokal am Westenhellweg, das zuletzt Beate Uhse beherbergt hat, leer.

Seit Oktober 2019 steht das Ladenlokal am Westenhellweg, das zuletzt Beate Uhse beherbergt hat, leer. © Thomas Thiel

Es gibt mehrere Interessenten für die Ladenfläche, Zielzeitraum für eine Eröffnung sei Anfang 2021, sagte Roland Kaulfuß, Geschäftsführer des Kölner Juweliers Gold Krämer, der die Fläche vermietet, unserer Redaktion.

Ein paar Meter weiter, auf der anderen Seite der Petergasse, ist die Zukunft schon da - in einem Fall zumindest fast: Im alten Ladenlokal von Intimissimi läuft der Umbau für eine Filiale der Schumarke Dr. Martens, kurz dahinter hat im August Dunkin‘ Donuts eröffnet und den langwierigen Leerstand neben McDonald’s beendet.

Kaufhof ist mit Abstand größter Leerstand am Westenhellweg

Eine komplett andere Dimension hat der Leerstand, der sich seit Mitte Oktober einen Steinwurf entfernt auftut: Das Kaufhof-Gebäude ist seitdem leergezogen, Pläne für seine Wiederbelebung sind in Arbeit.

Jetzt lesen

Zuerst muss die veraltete, noch aus den 1960er-Jahren stammende Infrastruktur im Gebäude modernisiert werden. Mehrere Zwischennutzungs-Möglichkeiten sind angedacht, sie reichen von Kultur über Dienstleistungen bis hin zu Platz für junge Gründer. Langfristig soll das Gebäude ein Handelsstandort bleiben.

Nachmieter für Gina Trikot gefunden

Dass durch den riesigen Leerstand die 1A-Lage am Hellweg weiter schrumpfen könnte, glaubt in der Branche niemand - zu zugkräftig ist die Einkaufsstraße nach wie vor. Die B-Lage beginnt erst hinter dem Haupteingang der Thier-Galerie.

Diesem gegenüber verschwindet demnächst ein großer Leerstand in einem der modernsten Ladenlokale der ganzen Einkaufsmeile: Der Outdoor-Händler Globetrotter zieht in die rund 900 Quadratmeter, die die wegen Corona insolvent gegangene Modekette Gina Tricot im August aufgegeben hat. Eröffnung des Geschäfts, dem Branchenkenner „überregionale Strahlkraft“ zutrauen, ist voraussichtlich im März oder April 2021.

Leerstand-Dichte nimmt hinter der Thier-Galerie zu

Jenseits der Thier-Galerie, am oberen Westenhellweg, merkt man sofort, dass man die Toplage verlassen hat: Statt internationaler Modemarken dominieren hier lokale Geschäfte, Schönheitssalons und Imbisse.

Auch die Leerstand-Dichte nimmt deutlich zu. Hinter dem Elektronikmarkt Conrad sind gleich zwei Geschäfte hintereinander betroffen: Bereits seit rund einem Jahr sind die Fenster der ehemaligen Eisdiele Pottstein zugeklebt, daneben schaut man seit 1. Oktober in die verwaisten Räume eines früheren Handyshops.

Jetzt lesen

Während letzterer wohl bald wieder vermietet sein wird („Wir haben bereits mehrere Anfragen, die wir prüfen“, schreibt der Besitzer Union Investment auf Anfrage), gibt es beim Ex-Pottstein-Ladenlokal wenig Anlass zur Hoffnung. Dort bestehe ein Mietvertrag, so Union Investment, der Laden werde einfach nicht genutzt.

Auf der anderen Straßenseite, wo vor kurzem noch Vorwerk Haushaltsgeräte verkaufte, ist inzwischen ein Süßigkeiten-Laden eingezogen - laut Immobilienmakler Marcus Etzel eine klassische Zwischennutzung, die mit dem Vorwerk-Mietvertrag enden wird. Für die Zeit danach sucht Etzel noch einen neuen Mieter.

Jetzt lesen

Ebenfalls noch nicht neu vermietet ist nach wie vor das Ladenlokal, in dem bis zum Frühling Baby‘s Glücksmobil - eines der ersten Opfer der Corona-Krise in Dortmund - zuhause war. Man sei in Gesprächen mit Interessenten, heißt es unverbindlich vom Besitzer, der Versicherung „Swiss Life“.

Dass hier, am Ende des Westenhellwegs, Neuvermietungen etwas länger dauern können, dafür ist der seit Jahren trostlos im Dunklen liegende alte English Shop ein Mahnmal. Ob und wann sich im langwierigsten Leerstand des Westenhellwegs etwas ändert, ist völlig unklar: Bereits vor längerer Zeit hat die Besitzerin deutlich gemacht, dass sie keine Fragen unserer Redaktion beantworten möchte.

Lesen Sie jetzt
Lesen Sie jetzt