Geschäfte kommen und gehen an der Hohen Straße

mlzStändig im Wandel

Die Hohe Straße grenzt Kreuz- und Saarlandstraßenviertel ab und verbindet die City mit dem Süden. Hier schließen Geschäfte so schnell wie sie wieder öffnen. Die Gründe sind mannigfaltig.

von Max Nölke

Mitte

, 22.09.2018, 04:44 Uhr / Lesedauer: 4 min

Drei Restaurants, ein Bäcker, ein Parkettgeschäft, zwei Einrichtungsläden, ein Münzhändler und ein Laden für E-Zigaretten. Penibel nachgezählt, sind es neun Geschäfte, die momentan auf den 1300 Metern, die die Hohe Straße misst, geschlossen sind.

Einige vorübergehend, andere dauerhaft. Manche ziehen um und wiederum andere warten ungeduldig auf ihre Eröffnung. Die Straße, die sich durch das Saarlandstraßenviertel zieht und an das Kreuzviertel grenzt, verbindet Stadtzentrum und Südstadt miteinander. Dicht besiedelt und stark befahren, befindet sich die Hohe Straße ständig im Wandel. Derzeit sind die Veränderungen besonders deutlich.

Was ist mit Bettengeschäft „Wolqe“ los?

Ein Spaziergang die Hohe Straße entlang führt an vielen Baustellen vorbei, an Räumlichkeiten, die mit Werbeplakaten zugekleistert sind oder an Läden, die zwar komplett eingerichtet sind, aber seit Monaten zu verstauben scheinen und scheinbar nicht eröffnen wollen. Wir starten eine urbane Safari:

Geht es vom Platz der Alten Synagoge hoch Richtung Süden über die Kreuzung, hinter der die Hohe Straße beginnt, stellt sich bereits bei Hausnummer 1 die erste Frage. Hier fragt sich zum Beispiel Fabian Röse, der seit Jahren dort wohnt: „Was ist mit dem Bettengeschäft „Wolqe“ los? Seit einem Jahr ist Werbung dran und seit mindestens drei Monaten ist der Laden komplett eingerichtet. Der hatte aber noch nie geöffnet.“ Eine Antwort gibt das Unternehmen auch nicht. Auf der Website steht bloß: „Wir sind bald für Sie da!“

Restaurant steht seit 2017 leer

Die Poststraße überquert, geht es weiter hinauf. An die Ecke zur Beurhausstraße. Auf Höhe der Hausnummer 5 befand sich bis zum 15. Mai das Restaurant Schweinske. Mai 2017 wohlgemerkt. Bis zum Jahr 2014 war hier der „Holzknecht“, ehe der Nachfolger übernahm. Schweinske schloss 2015 aber schon wieder, eröffnete im Oktober 2016 dann nochmals und schlug ein Jahr später endgültig den letzten Wimpernschlag. Seither steht es leer.

Rucksack auf und weiter geht’s. Die Hohe Straße 7 kann eine lange Historie des Leerstandes und der Neueröffnungen aufweisen. Unter anderem nach einem Einrichtungshaus und einem Elektrofachmarkt öffnet nun also das E-Zigaretten-Geschäft. Eröffnung ist jedenfalls, so wird es angezeigt, am 29. September.

Straßenseite gewechselt, lässt die nächste geschlossene Räumlichkeit nicht lange auf sich warten. Auf Höhe der Nummer 24 befindet sich das Restaurant Miso. Im Oktober vorigen Jahres eröffnet, ist die Tür seit gut zwei Wochen schon nicht mehr aufgeschwungen. Sie ziert ein Schild mit der Aufschrift: Bis auf Weiteres geschlossen.

„Tatsächlich müssen wir zum 1. Oktober schließen“, berichtet Besitzer Bernd Petrick. Der Betrieb lief zu schleppend, die Resonanz war zu gering. „Geschmeckt hat es trotzdem bei uns“, sagt er lachend. Nun kommt eine Pizzeria rein.

Münzfachhandel schloss nach Überfall

Die Route führt uns weiter bergauf zu einem wahrhaften Relikt der Hohen Straße. Jahrzehntelang führte Hans Nöring seinen Münzenfachhandel, Hausnummer 37. Im Februar dieses Jahres hat er zugemacht. „Ich habe ein hohes Alter erreicht, sodass ich mir dachte: jetzt ist gut“, sagt er. Hinzu kam ein bewaffneter Raubüberfall, der ihn dazu bewegte, seinen Laden zuzumachen.

Nöring bemängelt seit Jahren ein sinkendes Niveau auf der hochfrequentierten Straße. Ein Friseur öffnet, ein paar Wochen später schließt der, dann öffnet wieder ein neuer, und auch der hält sich nicht lange. Ab und an öffnet mal ein An- und Verkauf. „Braucht es das wirklich?“ Hmm... naja, anderes Thema. Weiter geht's!

Geschäfte kommen und gehen an der Hohen Straße

Der Münzhandel Nöring schloss im Februar seine Türen... © Max Nölke

Auf der Ecke zur Kreuzstraße folgt ein Leerstand im Doppelpack. Profi-Parkett (59a) hat seinen Standort nach Hagen verlagert, Bäckerei Böhmer – eine Instanz an der Hohen Straße 59 – musste die Filiale in diesem Sommer schließen, zusammen mit drei weiteren Standorten in Dortmund. „Es hat sich schlichtweg nicht gerechnet“, sagte Karolina Ruhl, Geschäftsführerin des Familienbetriebs, im Gespräch mit dieser Zeitung Anfang September.

Frachtraum zieht um

Geschlagene 120 Meter weiter, bei – von Google Maps ausgespuckten – zwei Minuten Fußweg geht es weiter im munteren Wandlungsspielchen. Hier bei Hausnummer 69 befindet sich seit 2014 der Frachtraum. Noch. Denn Fabio Bruno zieht mit seinen Upcycling- und Industriemöbeln um. Er brauche einfach mehr Platz, sagt der Besitzer. Ab November soll er diesen bekommen, dann im Hinterhof der Gutenbergstraße 68.

Rätsel Nummer 9 wirft das griechische Restaurant Mykonos auf. Gelegen an der Hohen Straße 73 ist der Grieche seit Wochen geschlossen. Bei einem Blick ins Innere bestätigt sich der Eindruck, dass hier schon länger kein Gyros-Spieß mehr seine Runden dreht. Informationen sind aber von den Besitzern nicht zu bekommen.

Und dann erstrahlt dort tatsächlich noch etwas. Auf den letzten Metern der Straße bei Hausnummer 84, die sich kurz danach in die Ardeystraße verwandelt, schimmert das Wort „Neueröffnung“ auf der Scheibe. Seit dem 4. September. Darüber ragen neu-glänzende weiße Letter auf schwarzem Untergrund. Geschrieben steht dort – na klar – Barbier.

Geschäfte kommen und gehen an der Hohen Straße

...die Bäckerei Böhmer hielt bis September durch. © Dieter Menne

Ein Faktor: Onlinehandel

Bei der Suche nach Gründen für die vielen Veränderungen und den momentan stark zunehmenden Leerstand, lassen sich viele Pfade einschlagen. Ulf Wollrath von der Industrie- und Handelskammer Dortmund ist Geschäftsführer im Bereich Handel, Dienstleistungen und Gründungen: „Eine Teilerklärung ist mit Sicherheit der Onlinehandel. Der macht bequem.“

Damit beginnen die Probleme für den stationären Handel. Hinzu kommt, dass die Hohe Straße als Neben- und Zufahrtsstraße zur City nur eine Passantenfrequenz der Stufe C hat, die Innenstadt etwa ist der Kategorie A zuzuweisen. „Das Potenzial für Läden an der Hohen Straße ist nicht hoch genug.“

Ein weiteres Problem sieht Wollrath in den wachsenden Betriebsgrößen. Alles wird ausgeweitet, damit sich das Geschäft rentiert. Supermärkte erreichen baumarktähnliche Ausmaße. Bäckerei-Ketten bauen Filialen in Restaurantgrößen. Selbst der klassische Kiosk ist manchmal nicht vom Getränkelager der Metro zu unterscheiden. Von solchen Flächenausweitungen wird der Einzelhandel eben nicht verschont. Die Folge: Konkurrenz wie Bestands- und -Mietkosten steigen. „Wenn bei diesem Wachstum aber die Bevölkerung nicht mitzieht, kommt es zu Leerständen.“

Mannigfaltige Probleme

Ein Grundmuster für die aktuelle Situation an der Hohen Straße lässt sich laut Wollrath nicht erkennen. Die Probleme sind mannigfaltig. Die Straße ist stark befahren, es gibt schlechte Parkmöglichkeiten, die Immobilienbedingungen sind schwierig, denn die Mietpreisvorstellungen sind hoch. Des Weiteren sorgen betriebsindividuelle Fehlkalkulation für Schließungen und Leerstände. „Außerdem wird alles schneller. Konzepte kommen und gehen.“ Für Restaurants wird es da immer schwieriger, sich zu halten.

Genaue Ursachen für die derzeitigen Missstände an der Hohen Straße sind schwierig zu ermitteln, viele Faktoren spielen eine Rolle. So könnte die Abschreckung für Neugründungen ein Grund sein, da die Risiken zu hoch geworden sind. „Wir beobachten die Entwicklung aber in der gesamten Stadt“, erklärt Wollrath. Gerade zu sehen in sogenannten „Ausläufer-Gebieten“, wie es die Hohe Straße ist. Gebiete, die den Handel der Innenstadt mitversorgen sollen. Das Kaiserstraßenviertel ist ein vergleichbarer Bezirk. Hier gibt es vermehrt Spezialläden, die ohnehin einen schweren Stand haben. „Sicher ist: die Leerstände werden zunehmen in Zukunft. Überall“

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