Kein Impfstoff gegen Grippe: Dortmunder (78) hat alles versucht

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„In ganz Dortmund bekommen Sie keinen Grippe-Impfstoff.“ Reiner Gallen (78) hat alles versucht, aber vergeblich. Apotheker und Ärzte sagen: Das wird sich ändern, aber nicht so bald.

Dortmund

, 14.11.2020, 04:35 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die fünftletzte Stufe war‘s, nach dem „opulenten Frühstück“ im schicken Hotel in Ägypten: Reiner Gallen stürzte, brach sich den Unterschenkel und den Oberarm, musste monatelang ins Krankenhaus.

„Ich lag neun Wochen im Klinikum Nord, hab so gut wie keinen Kontakt zu Menschen gehabt, selbst meine Frau durfte mich ja nicht besuchen.“ Mitte Oktober folgte eine OP. Die Fäden sind gezogen, aber der 78-Jährige sitzt noch im Rollstuhl.

Erst im Krankenhaus, dann fast nur zuhause – „mein Immunsystem ist geschwächt, der Körper ist sehr anfällig.“ Gallen weiß: Die Grippe könnte ihn töten.

Die Lösung: eine Impfung.

In ganz Dortmund kein Impfstoff – im Internet auch nicht

Das Rezept für den Impfstoff stellte ihm sein Hausarzt aus. „Er hat gesagt: Besorgen Sie die Spritze, dann wird das gemacht.“

„Und dann ging das Theater los.“ In ganz Dortmund gebe es keinen Grippe-Impfstoff, beteuert Gallen. Selbst im Internet hat der 78-Jährige geschaut, auf vielen Suchportalen, selbst bei Online-Händlern wie Doc Morris – „dabei verabscheue ich die normalerweise“. Und selbst, als Gallen aus Versehen bei einer Apotheke in Düsseldorf landete, bekam er dieselbe Antwort: „Wir haben nichts mehr da.“

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Hausarzt steht sogar noch im Altenheim im Wort

Gallens Hausarzt, Dr. Stefan Bonnenberg, weiß: Das ist aktuell der Regelfall. Er steht sogar bei zwei Altenheim-Bewohnern im Wort, er will sie gegen Grippe impfen und gleichzeitig gegen Pneumokokken, also gegen Lungenentzündung. Aber womit?

Die Vorräte in seiner Praxis an der Haumannstraße in Marten sind schon lange aufgebraucht. Zumindest die gegen Grippe. Und Nachschub gebe es nicht.

Apotheker Michael Mantell weiß: Bald kommt Nachschub.

Apotheker Michael Mantell weiß: Bald kommt Nachschub. © Mantell

Apotheken-Chef: „Wir schwimmen alle“

„Im Moment haben wir alle nichts mehr“, sagt Michael Mantell, Chef der Stifts-Apotheke in Hörde und Vorsitzender des Dortmunder Apothekervereins. Alles, was man im Frühjahr bestellt habe, sei weg. „Wir schwimmen alle.“

Der Grund, klar: Corona. Im Jahr 2020 werde vielen eben bewusst, wie sinnvoll eine Impfung der Älteren und Schwachen ist. Auch gegen Grippeviren.

Ende November soll es Nachschub geben

„Seit 20 Jahren höre ich den Satz: ‚Ich hab mich einmal gegen Grippe impfen lassen – nie wieder. Seitdem war ich andauernd erkältet‘.“ Genau diese Klientel ströme 2020 aber in die Arztpraxen. Deshalb sei nun alles vergriffen.

Doch Mantell sagt auch: „Es ist noch kein Grund zur Panik.“ Die Großhändler würden zwar erklären, dass es kurzfristig keine neue Lieferung gebe. „Uns ist aber Ende November avisiert.“ Einen Termin, den auch die Apothekerkammer Westfalen-Lippe nennt.

Dr. med. Prosper Rodewyk ist Leiter der Dortmunder Bezirksstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe.

Dr. med. Prosper Rodewyk ist Leiter der Dortmunder Bezirksstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. © KVWL

Ärzte-Sprecher: „Geht nach Weihnachten erst richtig los“

Das wiederum sei früh genug, unterstreicht Dr. Prosper Rodewyk, Internist und Leiter der Dortmunder Bezirksstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. Eine Grippewelle komme meist erst im Januar, wahrscheinlicher sogar erst im Februar oder März. „Es geht zwischen Weihnachten und Silvester erst richtig los. Und dann kommt noch einmal ein Boost zu Karneval.“

Eben dann, wenn viele Menschen auf engem Raum beisammen sind, wenn Küsschen ausgetauscht werden.

Das wiederum führt zurück zu Corona: Abstände und Masken sorgen natürlich auch für weniger Grippeinfektionen.

78-Jähriger nachdenklich: „Man hat nur ein Leben“

Doch egal, ob Welle oder eine Infektion, die ausnahmsweise geschieht – für ältere Menschen mit Vorerkrankungen wie Reiner Gallen kann die Grippe in jedem Fall gefährlich werden.

„Mit 78 denkt man anders“, sagt Gallen: „Man hat nur ein Leben.“ Nach seiner OP und dem langen Sitzen im Rollstuhl spritze er sich jeden Tag Heparin. „Gegen Thrombose, um...ja...zu überleben. Denn wenn ich Thrombose habe, dann ist‘s vorbei.“

Mit der Grippe könne es ebenso sein, fürchtet er.

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