Großbrand in Oestrich: Nachbarn vertrauen auf die Feuerwehr

mlzGroßeinsatz am Sonntag

Familie Mehnert-Winter lebt seit 40 Jahren in Oestrich. Beim Großbrand am Sonntag muss die Familie ihr Eigentum verlassen. Probleme wegen des Nachbar-Grundstücks gab es nicht zum ersten Mal.

Oestrich

, 16.06.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Am Sonntagnachmittag gegen halb vier ist es mit der Wochenend-Ruhe vorbei. Birgit Mehnert-Winter sieht vor ihrem Wohnzimmerfenster Blaulicht, einen Leiterwagen und Feuerwehrmänner. Ehemann Horst bleibt zunächst noch entspannt im Sessel sitzen. Derweil kommen immer mehr Feuerwehren.

Birgit und Horst Mehnert-Winter wohnen seit 40 Jahren an der Uhustraße in Oestrich. Wenig später schellt die Feuerwehr. Das Ehepaar muss sein Eigentum verlassen und auch Tochter, Schwiegersohn und Enkel des Ehepaars müssen raus – zu groß ist die Gefahr, dass der Großbrand im Gebäudekomplex direkt nebenan auf ihr Haus übergreift.

Das gelb gestrichene Haus von Familie Mehnert-Winter grenzt direkt an den verwinkelten abgebrannten ehemaligen Gewerbekomplex.

Das gelb gestrichene Haus von Familie Mehnert-Winter grenzt direkt an den verwinkelten abgebrannten ehemaligen Gewerbekomplex. © Helmut Kaczmarek

Während die junge Familie bei Nachbarn unterkommt, fahren Birgit und Horst Mehnert-Winter zu Freunden. „Ich hab den Feuerwehrleuten so vertraut und keine Angst gehabt“, sagt die Eigentümerin am Montagmittag. Die Einsatzleitung hält sie telefonisch auf dem Laufenden. „Erst um 22.45 Uhr durften wir wieder rein“, berichtet der Ehemann.

Brandmauer wird ihrem Namen gerecht

Das Paar steht auf dem Hof seines Hauses. Horst Mehnert-Winter schaut nach oben auf die benachbarte Hauswand. „Na, ein wenig Sorgen habe ich mir schon gemacht, dass die glühenden Bleche da runter fallen“, sagt er. Die Brandmauer wird am Sonntag ihrem Namen gerecht. Hinter ihr wüten die Flammen.

Dank der Riegelstellung der Feuerwehr über einen 50 Meter hohen Teleskopmast schlagen die Flammen nicht über. Die Einsatzkräfte bekämpfen das Feuer von allen Seiten. „Bei uns haben sie Schläuche oben auf die Terrasse gelegt und von dort gelöscht“, erzählt Birgit Mehnert-Winter.

Die Brandmauer hielt wegen der Riegelstellung der Feuerwehr stand: Die Flammen griffen nicht auf das Nachbargebäude über.

Die Brandmauer hielt wegen der Riegelstellung der Feuerwehr stand: Die Flammen griffen nicht auf das Nachbargebäude über. © Uwe von Schirp

Es brennt wie Zunder – vor allem die Teerpappe. Sie sorgt für den schwarzen Rauch, der über die ganze Stadt zieht. „Das waren viele Schichten Pappe“, berichtet ihr Ehemann. „Die früheren Eigentümer haben ja einfach immer neue drauf gepackt.“

Brandherd in ehemaliger Brotfabrik

Der Gebäudekomplex ist verwinkelt. Der Brand wütet quasi in zweiter Reihe. Gewerbebetriebe waren hier früher untergebracht. Einen ersten Brand an einer zuletzt als Getränkemarkt genutzten Halle löscht die Feuerwehr schnell. Der Herd des Hauptbrandes liegt in einem früheren Wohngebäude und den Räumen der ehemaligen Brotfabrik Peine.

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„Der Schutt, den die Arbeiter vor ein paar Jahren beim Abtragen in den Kamin gekippt hatten, kam da gestern wieder raus“, erzählt Horst Mehnert-Winter. An der Brotfabrik gibt es auch jetzt, 22 Stunden nach dem Alarm, noch Glutnester.

Während das Paar von seinen Erlebnissen erzählt, nimmt die Feuerwehr die Einsatzstelle erneut genau in Augenschein, legt einen weiteren Schaumteppich. Am Sonntag war es erst einmal Wasser, das die Feuerwehr über 2400 Meter Schlauchverbindungen herbei schaffte. „Viel Wasser“, sagt Birgit Mehnert-Winter.

Löschwasser steht im Keller

Das Löschwasser dringt jetzt durch die Mauer ihres Hauses. Mehrere Zentimeter stehen im Keller. Aus dem Abfluss im Heizungskeller quillt Schaum. „Der Schimmel wird erst später kommen“, weiß Ehemann Horst. Während des Gesprächs versucht er, die Eigentümer des abgebrannten Gebäudekomplexes zu erreichen.

Das Löschwasser dringt durch das Mauerwerk. Der Keller von Familie Mehnert-Winter steht unter Wasser.

Das Löschwasser dringt durch das Mauerwerk. Der Keller von Familie Mehnert-Winter steht unter Wasser. © Uwe von Schirp

Die Telefonnummer hat er noch. Denn erst im vergangenen Jahr hatten Mehnert-Winters einen Wasserschaden wegen einer defekten Leitung nebenan. „Seit November hatten wir wieder einen trockenen Keller“, erzählt die Eigentümerin.

Als sie am Sonntagnachmittag mit ihrem Mann zu den Freunden aufbricht, ist der Häuserblock dicht – nicht allein durch Polizei und Feuerwehr. Augenzeugen zufolge bis zu 100 Schaulustige stehen quasi im Kreis auf Uhu-, Sperber-, Hansemann- und Castroper Straße.

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Das bestätigt auch Kathleen Stiller. Sie arbeitet in der „Eismanufaktur bei Leon“. „Erst war es am Sonntag wegen des Wetters ruhig, dann kamen plötzlich immer mehr Leute“, erzählt sie und schüttelt den Kopf. „Sie standen ganz dicht und ohne Mundschutz.“

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