Häusliche Gewalt im Lockdown: Warum der Polizeistatistik nicht zu trauen ist

mlzGewalt gegen Frauen

Die Befürchtung war groß, dass es wegen des Lockdowns auf dem Höhepunkt der Corona-Krise im Frühjahr zu noch mehr häuslicher Gewalt kommt. Jetzt hat die Dortmunder Polizei Fallzahlen vorgelegt.

Dortmund

, 23.10.2020, 08:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Geschlagen, vergewaltigt, gedemütigt, getötet – jeden dritten Tag stirbt in Deutschland eine Frau, die durch ihren Partner zu Tode kommt. Auch in Dortmund hatten Polizei und Frauenberatungsstelle die Sorge, dass auf dem damaligen Höhepunkt der Corona-Pandemie im Frühjahr Frauen noch häufiger Opfer von häuslicher Gewalt werden, wenn der Mann Homeoffice macht, die ganze Familie wochenlang dicht beisammen hockt und sich das Drama in den eigenen vier Wänden weiter verstärkt.

Die Zahlen, die Polizeipräsident Gregor Lange am Donnerstag (22.10.) gemeinsam mit dem Dortmunder Ableger von Zonta, einer global agierenden Organisation berufstätiger Frauen, vorstellte, haben die Befürchtungen zwar nicht bestätigt - doch ihrer Aussagekraft ist wegen der hohen Dunkelziffer nicht zu trauen. Das betont die Polizei selbst.

Anzeigen wegen häuslicher Gewalt im April gesunken

Waren es im April 2018 noch weit über 100 Fälle häuslicher Gewalt, die in Dortmund zur Anzeige gebracht wurden, schrumpfte die Zahl im April dieses Jahres auf 97. „Wir warnen davor, daraus irgendwelche Schlussfolgerungen abzuleiten“, erklärte Lange. „Wir müssen davon ausgehen, dass wir ein großes Dunkelfeld haben.“ Wenn alles wie im Lockdown-Monat April runtergefahren sei, sei es noch schwerer, sich um Hilfe zu bemühen, so der Polizeipräsident. Das habe noch mal Frauen abgehalten, sich Unterstützung zu holen.

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Auch in die Frauenberatungsstelle und ins Frauenhaus hätten im April weniger Frauen den Weg gefunden, berichtete Martina Breuer von der Frauenberatungsstelle: „Die Frauen kamen dafür verstärkt im Mai nach den ersten Lockerungen. Sie haben während des Lockdowns zum Teil schwere Gewalt erlebt.“

Bis September dieses Jahres bereits 855 Anzeigen

Die Fallzahlen häuslicher Gewalt insgesamt schwankten zwar in den letzten fünf Jahren, sagte der Polizeipräsident, „sind aber noch immer hoch.“ Sie liegen zwischen 1309 im Jahr 2016 und 1482 im Jahr 2017. 2019 wurden 1318 Fälle angezeigt, davon waren 961 Körperverletzungsdelikte und 146 Bedrohungen. Zu den weiteren Delikten zählen unter anderem Freiheitsberaubung, Hausfriedensbruch, Misshandlung Schutzbefohlener, Nachstellung, Nötigung und Tötungsdelikte.

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In diesem Jahr gab es in Dortmund bereits 855 Anzeigen wegen häuslicher Gewalt, davon 613 Körperverletzungsdelikte und 104 Bedrohungen. Die Polizei habe ihre Mitarbeiter in der letzten Zeit noch einmal „sehr stark dafür sensibilisiert, in der Gefahrenabwehr tätig zu werden“, sagte Lange. Ein wichtiges Instrument dabei sei die Wohnungsverweisung und das Rückkehrverbot. Seit 2016 gab es in Dortmund mehr als 3640 Rückkehrverbote und Wohnungsverweise – letztere werden in der Regel zunächst für zehn Tage ausgesprochen, können aber verlängert werden.

Wohnungsverweise als Sofortschutz wichtig

Während Wohnungsverweise und Rückkehrverbote einen Sofortschutz bieten, wird den Opfern in den Beratungsstellen langfristige Hilfe vermittelt. Die Frauenberatungsstelle wird bei einer Anzeige von der Polizei automatisch per Fax über den Fall informiert und geht dann aktiv mit niederschwelligen Hilfsangeboten auf die Frauen zu. Andere Frauen finden auch allein den Weg dorthin.

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Häusliche Gewalt gegen Frauen sei kein Einzelfall, so Lange: „Wir sind über jede Initiative froh, für jedes Netzwerk dankbar, dass Frauen hilft, wenn es um Gewalt und Übergriffe gerade im häuslichen Umfeld geht.“

Der Einsatz gegen häusliche, sexualisierte Gewalt gegen Frauen ist eines der Hauptaktionsfelder der beiden Dortmunder Zonta-Clubs sowie der gesamten Nichtregierungs-Organisation. Claudia Vorlaender vom Zonta-Club Dortmund zitierte aus einer ersten großen bundesweiten Studie zu häuslicher Gewalt in der Hochzeit des Lockdowns. Ein Ergebnis: „Hilfsangebote waren zu wenig bekannt und wurden deshalb zu wenig genutzt.“

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