Hannibal 2 ist seit 2017 gesperrt - Wie konnten Möbel herausfliegen?

mlzGroß-Wohnanlage

Die riesige Wohnanlage Hannibal 2 in Dorstfeld ist seit 2017 unbewohnt und zugesperrt. Sie soll von Security überwacht sein. Wie konnten am Sonntag (10.5.) Möbel aus einer Wohnung fliegen?

Dorstfeld

, 11.05.2020, 16:48 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Bild ist schon trostlos genug: Die Riesen-Wohnanlage Hannibal 2 im Dortmunder Stadtteil Dorstfeld, in der einst mehr als 600 Menschen lebten, steht leer. Das tut der achtgliedrige Hochhaus-Komplex schon seit September 2017, als die Stadt Dortmund ihn wegen nicht eingehaltener Brandschutz-Auflagen schloss. Seither soll ein Wachschutzdienst dafür sorgen, dass niemand das Gebäude betritt. Und dann das.

Am Sonntag (10.5.) gegen 19 Uhr bemerkten Anwohner, dass jemand im Gebäude ist. Nach ersten Erkenntnissen soll es sich um eine etwa 15-köpfige Jugendgruppe handeln. Die Täter warfen nach Angaben der alarmierten Polizei Möbel aus einer der Wohnungen in den oberen Wohngeschossen des terrassenförmigen Gebäudes. Sieben Jugendliche fasste die Polizei kurze Zeit später vor Ort und im Umfeld. Wie konnte es sein, dass sie hinein gelangten?

Im Gebäude wohnen zwar keine Menschen mehr, aber es ist nicht leer. Die vielen Mieter mussten praktisch von einem auf den anderen Tag im Herbst 2017 ihre Wohnungen verlassen. Sie konnten Habseligkeiten mitnehmen, aber bei Weitem nicht alles. Einige Mieter beantragten oder klagten das Recht ein, noch einmal in ihre Wohnung zurückgehen zu dürfen, um weitere Dinge herauszuholen. Dabei wurde 2018 schon offenbar, dass es in der Zwischenzeit Einbrüche und Verwüstungen gegeben hatte.

Betreten behördlich untersagt

Eigentlich sicherte der Eigentümer (damals eine Firma namens Intown, heute als Lianeo firmierend) das Gebäude ab, damit es nicht betreten werden kann. Denn das ist behördlich untersagt. Doch wie der Vorfall von Sonntag zeigt: Die Bewachung ist so lückenhaft, dass eine Gruppe von Leuten trotzdem herein gelangen kann.

Das Mieter Netzwerk Dortmund, ein im März 2019 gegründeter Verein mit Sitz in Aplerbeck, zeigte sich am Montag (11.5.) entrüstet: „Wieder kommt die Frage auf, ob die Bauwerksverschließung überhaupt sicher ist“, heißt es auf der Website, die vom Vorsitzenden Marco Krieg geführt wird. Und: „Es häufen sich die zufälligen Vorfälle im Hannibal 2.“

Netzwerk: Keinen Sicherheitsdienst angetroffen

Personen aus dem Netzwerk, behauptet Krieg, hätten bei Begehungen in den letzten 14 Tage nie einen Sicherheitsdienst angetroffen. Er persönlich, aber auch andere aus dem Netzwerk.

Stimmt es überhaupt, dass ein Sicherheitsdienst im Einsatz ist? Dazu habe man auch am Montag die zuständige Hausverwaltung angefragt: Der Sicherheitsdienst drehe alle 20 Minuten seine Runden um das Gebäude, er sei 24 Stunden vor Ort. „Stimmt nicht! Wir waren zum Teil zwei Stunden da. Entweder ist der Dienst gut versteckt, oder er ist nicht da“, sagt Marco Krieg im Gespräch mit unserer Redaktion.

Gegenüber unserer Redaktion antwortet Unternehmenssprecher Robert Döring schriftlich: „Den von Ihnen beschriebenen Vorfall werten wir derzeit mit dem von uns beauftragten Sicherheitsdienst aus. Das Gebäude ist stillgelegt, mit entsprechender Medientrennung und Sicherung der Eingänge. Wir haben sämtliche Mieter frühzeitig und mehrfach aufgefordert, ihren Besitzstand aus dem Gebäude zu entfernen, da durch die Abstellung der Heizung bauphysikalisch bedingt Schäden an Möbeln und anderem Hausrat entstehen können.“

Eine Vielzahl von Mieterinnen und Mietern sei dieser Aufforderung gefolgt. Genau beziffern konnte der den Prozentsatz auf Rückfrage nicht. „Wenige nutzen die noch immer bestehende Möglichkeit, nach Rücksprache mit unserer Hausverwaltung All Sites Property Management GmbH, ihre Wohnung aus wichtigem Grund kurzzeitig zu betreten.“

Ob es sich bei den Gegenständen um Besitz von Mietern handelt, könne man derzeit nicht beantworten: „Denn viele ehemalige Mieter haben uns gegenüber erklärt, dass der noch in der Wohnung befindliche Hausrat aufgegeben ist und durch uns entsorgt werden kann.“ Dann schreibt Döring noch den abschließenden Satz: „Die polizeilichen Ermittlungen zu diesem Vorfall laufen.“ Weitere Antworten auf unsere Fragen (siehe Infokasten) bleibt die Firma schuldig.

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Der Vorsitzende des Mieter Netzwerks kann einige der Aussagen nicht teilen. Er beanstandet, wie die Hauseingangstüren gesichert sind: nämlich nicht sonderlich gut. Man habe Bügel für Vorhängeschlösser angebracht, aber die ließen sich leicht entfernen. Dafür brauche man nicht einmal ein Brecheisen. „Ein einfacher Schraubendreher reicht“, sagt Krieg.

Grundstück mit Flatterband gesichert

Das Grundstück selbst sei mit Flatterband „abgesperrt“, soll die Eigentümer-Firma dem Mieter Netzwerk gegenüber gesagt haben. Umherfliegende Möbel könnten also Unbeteiligte nicht treffen. Diese hätten auf dem Gelände ja nichts verloren, soll die Begründung gewesen sein. „Haben Sie schon mal gesehen, dass Flatterband jemanden abgehalten hätte?“, meint Marco Krieg im Gespräch mit unserer Redaktion und lacht.

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„Fakt ist: Da ist keinerlei Sicherheit! Jeder kann da rein gehen“, behauptet er. Den Beweis lieferten mehrere Einbrüche in den vergangenen Wochen und Monaten.

Diese Fragen stellten wir dem Eigentümer:
  • Wie kann es sein, dass Menschen in den Gebäudekomplex eindringen? Er soll ja von einem Sicherheitsdienst 24/7 bewacht sein.
  • Was tut der Besitzer der Immobilie, um solche Vorkommnisse zu unterbinden?
  • In wessen Eigentum befinden sich die Dinge, die aus dem Fenster geflogen sind, bzw. anderer Bestandteile der Wohnungen, die noch im Gebäude verblieben sind?
  • Falls es Eigentum der „ehemaligen Mieter“ ist: Ist der Eigentümer zu einem Schutz des Bestandes verpflichtet?
  • Wie viele Möbel und andere Einrichtungsgegenstände befinden sich noch im Gebäude?
  • Gibt es gelegentlich oder regelmäßig bis heute Anfragen von ehemaligen Bewohnern, an ihr Hab und Gut heranzukommen?
  • Wie wird der Eigentümer verhindern, dass es zu einem neuerlichen Vorfall dieser Art kommt?
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