„Hatte Angst, meine Mutter stirbt ganz alleine im Krankenhaus“

mlzBesuchsverbot wegen Corona

Seit zwei Wochen liegt die Mutter von Petra Grenz in Dortmund im Krankenhaus. Persönlich beistehen darf die Familie der 83-Jährigen nicht - obwohl sie auf der Intensivstation lag.

Dortmund

, 21.10.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die eigene Mutter liegt schwer krank auf der Intensivstation. Der Zustand ist sehr ernst, die Familie fürchtet, dass sie stirbt. Aber selbst die engsten Angehörigen dürfen nicht zu ihr. Für die meisten Menschen wohl unvorstellbar – und doch gehören Situationen wie diese während der Corona-Pandemie zum Krankenhaus-Alltag.

Petra Grenz aus Dortmund hat in den vergangenen zwei Wochen erleben müssen, wie schrecklich sich das Besuchsverbot anfühlt. Wie belastend es ist, wenn man einen geliebten Menschen allein lassen muss. „Ich bin der Meinung, dass man das Besuchsverbot dringend diskutieren muss, besonders, wann Ausnahmen möglich sind“, sagt sie - betont aber auch, dass die Corona-Pandemie Vorsichtsmaßnahmen notwendig macht.

Begleitung ist in bestimmten Fällen möglich

Als Petra Grenz ihre Mutter (83) in die Notaufnahme des Johannes-Hospitals bringt, weiß sie, dass es das Besuchsverbot gibt. Trotzdem diskutiert sie hartnäckig mit dem Pflegepersonal - und darf ihrer Mutter in der Notaufnahme schließlich beistehen.

Die 83-Jährige hat mehrere Krankheiten, der Anlass für den Krankenhausaufenthalt ist eine Entzündung am Fuß, ein Zeh wird schwarz. Sofort ist die Angst vor einer Amputation da.

„Ich habe sehr deutlich gemacht, dass sie überfordert ist, ihre Krankengeschichte alleine darzulegen“, erklärt Grenz ihre Argumentation, der der Arzt folgt. Dieses Vorgehen entspricht den Regeln, nach denen das Johannes-Hospital vorgeht, so Pressesprecherin Gudula Stroetzel: Eine Begleitung in die Notaufnahme, aber auch auf die Stationen ist möglich, wenn der Patient

  • nicht selber sprechen kann aufgrund von Spracheinschränkungen oder mangelnden Deutschkenntnissen
  • dementiell verändert ist
  • nicht alleine gehen kann, zum Beispiel Rollstuhlfahrer
  • minderjährig ist
  • oder wenn es eine individuelle Absprache mit dem behandelnden Arzt gibt.

Von diesen Regeln profitiert Petra Grenz noch ein zweites Mal: Als klar ist, dass der Zeh amputiert werden muss, darf sie am Gespräch mit dem Arzt teilnehmen.

Keine Ausnahme beim Besuchsverbot

Damit enden die Ausnahmen. Weitere Besuche werden nicht erlaubt. Die 83-Jährige liegt auf der Überwachungs-, später für ein Wochenende auf der Intensivstation. „Sehr ernst“ sei der Zustand auf der Intensivstation gewesen, habe ihr der Arzt gesagt, so Petra Grenz. „Zwischendurch hatte ich die große Angst, dass meine Mutter ganz alleine, ohne uns Angehörige, im Krankenhaus stirbt. Diese Vorstellung ist für mich unerträglich gewesen“, sagt die Dortmunderin.

Zum Glück bessert sich der Zustand ihrer Mutter - den Wunsch, ihr beizustehen, haben die Angehörigen natürlich trotzdem. „Der Kontakt zu jemandem, den sie liebt, dem sie vertraut, der fehlt“, so Grenz.

Einheitliches Besuchsverbot in allen Krankenhäusern in Dortmund

Dass das Besuchsverbot, das die Dortmunder Krankenhäuser gemeinsam mit dem Gesundheitsamt beschlossen haben, um einheitlich zu handeln, hart sein kann, weiß auch Pressesprecherin Gudula Stroetzel. Trotzdem gelte: „Die Krankenhäuser möchten eine mögliche Ansteckung mit dem Coronavirus in jedem Fall verhindern.“

Denn die Auswirkungen eines Corona-Falls sind im Krankenhaus weitreichend: „Es müssten unmittelbar alle Kontaktketten unter Patienten und Mitarbeitenden recherchiert, nachverfolgt und mit umfangreichen Testungen eingegrenzt werden. Patienten werden isoliert in Einzelzimmer verlegt, Mitarbeitende gehen unter Umständen in häusliche Quarantäne. Um dies zu vermeiden, werden Kontakte von außen auf das Notwendigste beschränkt.“

Ausnahmen nur nach individueller Absprache mit Ärzten

Es gibt Ausnahmen, allerdings nur in „Grenzfällen“. „Jede eventuelle Ausnahme vom Besuchsverbot wird unter Berücksichtigung der Situation des Patienten, nach Schwere der Erkrankung, von den behandelnden Ärzten entschieden“, erklärt die Pressesprecherin. Konkreter sei das nicht zu sagen. Wenn jemand im Sterben liegt?

Selbst da fällt die Antwort nicht eindeutig aus - denn ein Sterbeprozess kann akut sein, sich aber auch über Monate hinziehen, beispielsweise auf der Palliativstation. In lebensbedrohlichen Situationen sei ein Besuch aber möglich. „Dann ruft der Arzt die Angehörigen auch an und klärt das mit ihnen“, so Stroetzel.

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Während des Besuchsverbots sei der telefonische Austausch zwischen Angehörigen und Ärzten intensiver als sonst. Das kann auch Petra Grenz bestätigen: Sie werde telefonisch gut informiert, ist sicher, dass ihre Mutter optimal versorgt wird. „Ich hatte das Gefühl, dass der Arzt selbst darunter gelitten hat, mich nicht reinlassen zu dürfen.“ Was die Dortmunderin erst recht nicht versteht: Sie könnte alle zwei Tage einen Corona-Test vorlegen, da sie selbst im Labor arbeitet.

Auch negativer Corona-Test hilft nicht weiter

„Da Testungen immer nur Momentaufnahmen sind, haben diese keinen Einfluss darauf, ob jemand zu Besuch kommen darf“, erklärt Stroetzel. Sie verweist auf Telefon oder Videochat: Neben den Telefonen auf den Zimmern darf auch das eigene Smartphone auf den normalen Stationen überall genutzt werden. „Unseren Patienten stehen auf Anfrage aber auch kostenlos iPads zur Verfügung, über die sie mit Angehörigen Kontakt per Videocall aufnehmen können.“

Petra Grenz und ihre Mutter telefonieren regelmäßig. „Von der Luftnot her geht das aber nicht länger als 5 oder 10 Minuten. Wenn man vor Ort wäre, würde man vielleicht gar nicht viel reden, sondern einfach dabeisitzen. Die Hand halten.“

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